> > > Nielsen, Carl: Sinfonien Nr. 1-6
Donnerstag, 18. August 2022

Nielsen, Carl - Sinfonien Nr. 1-6

Nielsen, der kantige Symphoniker


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die klanglichen Schärfen und harmonischen Kühnheiten der sechs Symphonien Carl Nielsens werden von Theodore Kuchar und dem Janacek Philharmonic Orchestra exzellent präsentiert.

Wie fast jedes musikalische Schlagwort hat auch der Begriff ‚Symphoniker‘ gewisse Unschärfen. Man bezeichnet damit gerne Komponisten, die überwiegend Symphonien geschrieben haben oder damit berühmt geworden sind – Bruckner, Mahler und Sibelius sind wohl diejenigen Tondichter, denen man dieses Beiwort am häufigsten anfügt. Doch was genau soll damit gesagt werden? Sind Bruckners Messen oder Mahlers Lieder zweitrangig, nur weil die Komponisten ‚Symphoniker‘ genannt werden? Die Formulierung verliert an Präzision, je genauer man sie untersucht. Fast schon amüsant mutet beispielsweise Wilhelm Furtwänglers Bezeichnung von Cesar Franck als ‚Halbsymphoniker‘ an – vermutlich wollte der Dirigent die (einzige) Symphonie des Franzosen damit abwerten, nach dem Motto: Wer nur eine Symphonie schreibt, ist doch kein richtiger Komponist.

Auch Carl Nielsen (1865 – 1931), Dänemarks unbestritten bekanntester Tondichter, wurde und wird gern Symphoniker genannt. Möchte man damit den hohen Rang von Nielsens sechs zwischen 1887 und 1925 entstandenen Symphonien unterstreichen, hat der Begriff in jedem Fall seine Berechtigung. Obwohl der Däne auch die anderen Gattungen pflegte, waren es doch seine Symphonien, die entscheidend zu seinem Ruhm beitrugen und deren Einfluss auf folgende Komponisten-Generationen kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Vier der Werke erhielten Untertitel, so dass programmatische Assoziationen naheliegen. Gerade die Zweite Symphonie zeigt schon mit Satzbezeichnungen wie 'Allegro collerico' oder 'Andante malincolico' die Absicht, hier die 'Vier Temperamente' (so der Untertitel) darzustellen. Insgesamt sind Nielsens Symphonien aber wohl doch in erster Linie absolute Musik, ‚tönend bewegte Formen‘ ganz im Sinne Hanslicks – man kann dies sehr schön auf der vorliegenden Gesamteinspielung des Janacek Philharmonic Orchestra unter Theodore Kuchar nachvollziehen.

Die ersten beiden Symphonien zeigen den Dänen noch relativ streng an der viersätzigen Norm orientiert, auch wenn harmonische und instrumentale Kühnheiten schon aufhorchen lassen. Die klanglichen Herbheiten und Schärfen der folgenden Werke, die fast perkussive Härte wird von Kuchar aber auch hier schon entdeckt – etwa in den kraftvollen Tuttischlägen des Kopfsatzes der ersten Symphonie. Nielsen kontrastierte derartige Passagen immer wieder mit lyrischen Abschnitten der von ihm besonders geliebten Holzbläser. Hier haben die Aufnahmen ihre besonderen Stärken: Vor allem die Flöten und Oboen des Janacek Philharmonic Orchestra können mehrfach brillieren, bekommen von Kuchar auch die Freiräume, um ihre klangliche Entfaltung überhaupt zu ermöglichen. Nicht ganz so optimal wirkt das Klangbild, der sehr direkt und bisweilen hart wirkende Klang weckt ein wenig Sehnsucht nach Räumlichkeit, in der sich Nielsens Musik wohl noch besser hätte entfalten können.

Die mittleren Symphonien zeigen Nielsens Personalstil am ausgeprägtesten, die Vierte mit dem Untertitel 'Das Unauslöschliche' dürfte wohl die am häufigsten aufgeführte des Sextetts sein. Formal wird die Viersätzigkeit hier mehr und mehr modifiziert, die Sätze sind zwar noch vorhanden, gehen aber fließend ineinander über. Kuchar gelingt es erneut, für die expressiven und manchmal fast aggressiv wirkenden Passagen den richtigen Ton zu finden – auch für die zarteren Abschnitte (wie etwa die Vokalisen in der Dritten) bleibt freilich noch genug Platz. Natürlich gibt es gerade von diesen beiden Symphonien genügend andere Aufnahmen, die einen ausgewogeneren Klang bieten, man denke nur an Herbert von Karajans Aufnahme der Vierten. Dennoch kann Kuchars Interpretation dank ihrer fein ausbalancierten Mischung aus Herbheit und Wohlklang empfohlen werden. Das präzise Zusammenspiel der Orchestermusiker beeindruckt hier ebenso wie bei den ersten beiden Symphonien.

Mit der fünften und sechsten Symphonie trieb Nielsen die klangliche Schärfung noch weiter voran, den damaligen Hörern muteten die Werke fast avantgardistisch an. Auch das Ohr des heutigen Klassik-Hörers, der noch ganz andere Herbheiten gewohnt sein dürfte, kann in Kuchars Interpretation die Aufwühlungen nachvollziehen. Gerade die Schlagwerks-Passagen der Fünften Symphonie sind außerordentlich gut gelungen. Aber auch die vordergründige Einfachheit der Sechsten (‚semplice‘), deren wahre Komplexität sich erst nach mehrmaligen Hören erschließt, wird von Kuchar in der angemessenen Distanziertheit vorgeführt. Erneut ist es allerdings der Klang, der die Qualität der Interpretation etwas in den Schatten stellt: Die Balance ist nicht optimal, einzelne Instrumente rücken so unangemessen in den Hintergrund.

Doch die insgesamt sehr hoch stehende musikalische Qualität der Aufnahmen kann den begeisterten Nielsen-Hörer diese Defizite sicherlich verschmerzen lassen. Von der noch hier und da an Beethoven erinnernden Ersten bis zur weit in die Zukunft weisenden Sechsten haben Kuchar und das tschechische Orchester alle Facetten des Symphonikers Nielsen hörbar gemacht. Nur um leichte Kost zum Nebenbei-Hören handelt es sich gewiss nicht, alle Werke verlangen die volle Aufmerksamkeit und Konzentration des Hörers, die dann auch reich belohnt wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Nielsen, Carl: Sinfonien Nr. 1-6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
31.07.2012
Medium:
EAN:

CD
5028421944197


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