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Sonntag, 23. Januar 2022

Dulichius, Philipp - 18 Motetten

Pommerscher Lassus


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Motetten aus der Feder Philipp Dulichius, souverän und harmonisch gesungen und gespielt vom Ensemble Weser-Renaissance unter der kundigen Leitung von Manfred Cordes.

Manchem Protagonisten der älteren Musikgeschichte wird der Wiedereintritt in die aktive Rezeption trotz vorhandener Bemühungen nicht leicht gemacht. Das schien bisher auch für den gebürtigen Chemnitzer Philipp Dulichius (1562-1631) zu gelten, der ein durchaus bemerkenswertes Motettenwerk hinterlassen hat. Relativ wenig Verlässliches ist über Dulichius’ Lebensweg bekannt: Nach der Schulbildung fand er sich 1579/80 als Student zunächst in Leipzig, dann in Wittenberg – ohne dass wir wüssten, welchen Studien er sich gewidmet hat. Jedenfalls erlangte er auf unbekannten Wegen einen solchen musikalischen Ausbildungsstand, dass er, gerade 25jährig, 1587 vom pommerschen Herzog als Kantor an die Stettiner Marienkirche und das Fürstliche Pädagogium ebendort berufen wurde. In den folgenden beinahe viereinhalb Jahrzehnten versah er seinen Dienst beim Pommern-Herzog, schrieb 232 Motetten, die er bis 1630 auch weithin in Drucken veröffentlichte. Dieses von seinen Zeitgenossen offenbar intensiv rezipierte Werk brachte Dulichius in der ersten Phase seiner Wiederentdeckung in den 1890er Jahren dann auch den Beinamen ‚pommerscher Lassus’ ein.

Eben den echten Orlando die Lasso meint man im pommerschen immer wieder durchzuhören, vor allem im enorm ausgewogenen Verhältnis von komplexer Struktur und subtilem Affekt. Dulichius zeigt sich dabei als sensibler Komponist, der sich dem dezidierten Einsatz des bei vielen seiner Zeitgenossen schon nicht mehr üblichen weiten Tonartenspektrums widmete. Überhaupt weist seine Musik für ihre Entstehungszeit konservative Züge auf, löst er sich nicht aus der kontrapunktischen Logik – weder affektiv noch bei der Ausdeutung der Linearität. Doch standen Dulichius neben der bemerkenswerten Dichte des Satzes auch schon ein gelockerter Zugriff in reduzierter Stimmenzahl oder eine milde Doppelchörigkeit zu Gebote – wenngleich diese Passagen nie in den scharfen Kontrasten des von den Venezianern geprägten Stils geführt sind. Der Kontrapunkt des sächsischen Pommern wirkt elegant und nobel, fein und klangsinnlich. Die ganz überwiegende Zahl seiner Motetten hat Dulichius auf lateinische Texte geschrieben, die bei den meisten seiner Zeitgenossen üblichen Bezüge auf protestantische Choralvorlagen fehlen in seinem Werk fast vollständig. Nicht nur in dieser Hinsicht geht der wenig bekannte Meister einen sehr eigenständigen Weg: Seine Motetten sind durchgehend fünf- bis achtstimmig. Auch das behinderte sicher eine einfache Reintegration in das ältere Repertoire, das am Beginn des 20. Jahrhunderts eben von den wiederentdeckten Walther, Osiander, Praetorius, Schütz, Schein oder Scheidt bestimmt und für lange Zeit besetzt wurde. An der Qualität der bemerkenswerten Dulichius-Kompositionen kann es keinesfalls gelegen haben.

Souveräne Expertise

Das beweist Manfred Cordes mit seinem Ensemble Weser-Renaissance. Die vorliegende Platte ist die offenbar erste reine Dulichius-Platte und bietet einen aussagekräftigen Überblick über dessen Motetten-Schaffen. Die siebenköpfige Sängerriege besteht aus den Sopranen Maria Skiba und Anna Jobrant Dalnäs, dem Altus Alex Potter, den Tenören Mirko Ludwig, Hermann Oswald und Harry van Berne sowie dem Bass Dominik Wörner. Diese Vokalisten bewegen sich stilsicher durch Dulichius’ Kosmos, pflegen in dem nicht immer übersichtlichen Gewebe eine ansprechende Interaktion, der man die vielfältige Ensembleerfahrung der Akteure anhört. Kein Register dominiert, womit eine der wichtigen Voraussetzungen für die gelingende Interpretation benannt ist. Dass Manfred Cordes die Sätze Dulichius’ sehr ansprechend zu registrieren weiß, zeigt seine Entscheidung, einzelne Motetten vokalsolistisch mit farbiger instrumentaler Unterstützung vortragen zu lassen – was unter anderem Dominik Wörner im frischen ‚Lobe den Herren, alle Heiden’ ein feines Solo einträgt.

Wie die Vokalisten intonieren die Instrumentalisten sehr ansprechend. Das ist man bei Platten mit Ensembles unter Manfred Cordes’ Leitung zwar zuverlässig gewohnt, bemerkenswert und eine echte Freude bleibt es dennoch. Dazu grundieren und ergänzen die gleichfalls hochversierten Instrumentalisten den Vokalklang elegant, setzen ihn in gemischten Registrierungen selbstverständlich fort, drängen sich jedoch nicht in den Vordergrund. So zeigt sich etwa der Dulzian als sehr feine Erweiterung des Vokalbasses.

Klanglich bleiben in der vielfach erprobten Stiftskirche von Bassum kaum Wünsche offen, gelingt eine schöne Balance von lebendiger Räumlichkeit und klarem Abbild der Strukturen. Auch das Verhältnis von vokalen und instrumentalen Anteilen ist überaus gelungen wiedergegeben. Im Booklet wird alles Notwendige auf gutem Niveau in zwei Sprachen geboten. Doch leider ist der Text aus der Feder des Dulichius-Experten Otfried von Steuber viel zu knapp geraten, wird hier die Chance verpasst, die Produktion mit ein paar zusätzlichen Seiten auf ein noch höheres Niveau zu heben und damit auch das erfreuliche musikalische Porträt Dulichius’ zu runden.

 

Manfred Cordes und sein Ensemble machen sich mit der vorliegenden Platte um einen niveauvollen Protagonisten aus der musikhistorischen Nische verdient: Dulichius’ Musik ist in der Tat eine Entdeckung und bereichert das Repertoire. Den Erfolg garantieren neben der Expertise der vokal-instrumentalen Formation die farbigen Registrierungen der Sätze. Cordes schöpft zum Besten des Hörers aus einem bemerkenswerten Reservoir von Künstlern, die praktisch immer eine hochstehende Interpretation sicherstellen. Die Dulichius-Platte unterstreicht das deutlich und plädiert zugleich für den Meister aus dem Schatten der Geschichte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dulichius, Philipp: 18 Motetten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2012
Medium:
EAN:

CD
761203735228


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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