> > > For ever Fortune: Schottische Musik im 18. Jahrhundert
Freitag, 23. August 2019

For ever Fortune - Schottische Musik im 18. Jahrhundert

Mit Schottland im Herzen


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zugegeben, man muss eine gewisse Sympathie für die Klangwelt traditioneller britischer Musik mitbringen, um diese CD zu lieben - dann aber fällt es schwer, ihr zu widerstehen.

Zwischen den vielen Crossover- und Dudelsack-lastigen Einspielungen mit irgendwie schottisch klingender Musik ist diese Aufnahme des Ensembles Les Musiciens de Saint-Julien ein wahres Juwel, da es einen wirklichen Einblick in die Musikkultur – und zwar die Kunstmusik – Schottlands im 18. Jahrhundert bietet. Kunstmusik? Man ist überrascht, weil diese in Drucken zahlreich überlieferten Werke ihrerzeit bekannter Komponisten zunächst sehr volkstümlich anmuten und man in der Zeit Händels, Bachs und Haydns selbst in Schottland etwas anderes in der Kunstmusik erwartet hätte. Das traditionelle Instrumentarium schottischer Musik – Geige, Harfe, Flöte und auch eine kleine Ausgabe des Dudelsacks – wurde hier eingesetzt.

Es ist eine bemerkenswerte Eigenart der blühenden schottischen Musikkultur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, dass stilistisch kaum zwischen echter (mündlich tradierter) volkstümlicher Musik und bewusst als Kunstmusik komponierten, gedruckten und verbreiteten Werken zu unterscheiden ist. Der charakteristische punktierte Rhythmus des ‚scotch snap‘, die Neigung zu Pentatonik, eine ‚traditionelle‘ Instrumentierung und letztlich die Texte in schottischer Sprache prägen beide Bereiche. Ein Ziel der vorliegenden Einspielung war außerdem, die sehr subtilen Fremdeinflüsse vor allem der italienischen Musik in diesem Repertoire darzustellen. Denn durch reisende Musiker, allen voran John Clerk of Penicuik, ein Schüler Arcangelo Corellis, wurden italienischer Violinstil und -technik in Schottland verbreitet und fanden dauerhaft Eingang in die Fiddle-Music. Wer genau hinhört, erkennt vor allem in den instrumentalen Werken melodische Wendungen und Verzierungen, die sich ebenso gut bei Corelli oder Tartini finden könnten. Auf die Frage, warum sich in Schottland die Kunstmusik des Bürgertums und Adels nicht deutlicher von der volkstümlichen Musik der einfacheren Gesellschaftschichten unterschied, antwortete mir ein schottischer Musiker mit dem Burns-Zitat ‚A man’s a man for a’that‘ und deutete damit auf den schon im 18.Jahrhundert starken egalitären Gedanken in der schottischen Gesellschaft: Sie sind alle gleich, also hören sie auch die gleiche Musik.

Etwas kurios mutet an, dass sich ein französisches Ensemble zusammen mit einem amerikanischen Tenor hier schottischer Musik widmet. Der Flötist und Leiter der Musiciens de St. Julien, Francois Lazarevich, war ursprünglich rein zufällig auf gedruckte Quellen des Repertoires gestoßen, forschte nach und entwickelte daraus das Konzept der Aufnahme, die einige Vokalstücke sowie rein instrumentale Werke und Tänze umfasst. Mit dem etablierten schottischen Fiddler Keith Smith und dem strahlend-hell timbrierten Tenor Robert Getchell fand er ideale Partner für das Projekt. Getchell, ein erfahrener Sänger für Musik vor 1800, hat sorgfältig recherchiert, um die schottische Poesie auch mit einer authentischen Aussprache vorzutragen. Und in der Tat erinnert das Endergebnis mit der sehr sonoren Phonetik des ‚Scots‘ an die Rezitation von Gedichten des schottischen Nationaldichters Robert Burns. Der Sänger nimmt seinen Kunstgesang etwas zurück zugunsten einer sehr natürlichen Stimmfarbe. Anders als bei Beethovens Bearbeitungen schottischer Lieder, die dann zu Kunstliedern im wörtlichen Sinne wurden, verleiht Getchell den ursprünglich belassenen Werken so einen erdnahen, traditionelleren Charakter.

Der erfahrene Fiddle-Spieler Keith Smith verkörpert den Idealtypus des hochvirtuosen, kreativen Folk-Musikers. Sein Spiel ist quicklebendig und scheinbar aus dem Moment heraus geboren. Er nimmt aufmerksam den unterschwelligen italienischen Einfluss auch für seine selbstverfassten, zusätzlichen Variationen zu 'Kennet‘s Dream' auf. Schaut man sich das kurze Video an, das das Ensemble auf seiner Homepage bereit hält, ist die Einheit von Musik und Spieler bei Keith Smith nicht nur hörbar, sondern auch unübersehbar – überzeugter und überzeugender kann man nicht spielen. Überraschend nahtlos fügt sich darin der lebendig perlende Klang der Flöten von François Lazarevich ein. Es zeugt von großem technischen Können und hoher musikalischer Sensibilität, bruchlos in die sehr eigene Klangwelt der schottischen Musik einsteigen zu können. Sein energetisches Spiel auf unterschiedlichen Arten und Größen von Flöten ist nicht nur präzise, sondern musikalisch überaus sinnig und geschmeidig. Gute Arbeit hat hier die Tontechnik geleistet. Statt alle Nebengeräusche wie Atemholen oderbewusst in Kauf genommene klangliche Instabilitäten raus zu filtern und zu glätten, wirkt die Aufnahme sehr pur und unbearbeitet, so dass auch feinste Nuancen, vor allem der Blasinstrumente und der Harfe, den Hörer erreichen. Das eindringliche und sehr feine Spiel der Harfenistin Marie Bournisien war es allemal wert. Das Repertoire inspirierte wohl auch die Spieler des Ensembles, die sich mit hörbarer Hingabe darauf einließen. Ergreifend intensiv ist das Spiel auf der Gambe von Julien Léonard zu 'Moc Donogh‘s Lamentation'.

Die kleine Sackpfeife, das sogenannte Hümmelchen, ein Nachbau eines Fragment-Fundes aus einem Schiffwrack des 17. Jahrhunderts, ist der Exot der Einspielung. Es handelt sich nicht um einen traditionellen, großen Dudelsack, sondern um die verkleinerte, leisere und somit für die Kammermusik taugliche Ausgabe, wie sie im 18. Jahrhundert nicht nur in Schottland verbreitet war. Die Begleitinstrumente ähneln sehr einer typischen Continuo-Gruppe: Theorbe, Gitarre und Laute, Gambe und Harfe. Einzig die Cister als eher volkstümliches Instrument ist hier ungewöhnlich.

Das Booklet enthält neben einigen Fotos der Aufnahmetage vor allem die Texte der Lieder im schottischen Original und französischer Übersetzung. Sofern man sich nicht mit dieser begnügt, muss man auf das ebenfalls enthaltene kleine Glossar zurückgreifen, dass die nicht geläufigen schottischen Begriffe in Standardenglisch auflöst. Alles in allem ist es beeindruckend, wie gründlich und konsequent sich das Ensemble in das Repertoire eingearbeitet hat und wie stimmig und rund das Ergebnis ist. Für den Hörer ist es ein äußerst beglückendes Erlebnis, wenn ein Ensemble so organisch und lebendig zu musizieren vermag, dass der Funke der Spielfreude und Begeisterung unweigerlich überspringt. Fantastisch!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    For ever Fortune: Schottische Musik im 18. Jahrhundert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.04.2012
Medium:
EAN:

CD
3760014195310


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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