> > > Kagel, Mauricio: Werke für Flöte
Mittwoch, 20. Februar 2019

Kagel, Mauricio - Werke für Flöte

Kapriziöse Schwebe


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Flötist Michael Faust hat Werke Mauricio Kagels für sein Instrument eingespielt, die unter dem Stern des Pan das theatralische Potential der Flöte zum Vorschein bringen.

Pan ist unermüdlich. Entsprechend reißt die Reihe der Werke, die dem griechischen Gott seit der Erfindung der Panflöte (vormals die Nymphe Syrinx) gewidmet werden, nicht ab. Das liegt gewiss auch an den vielfältigen Möglichkeiten, die Pan bei aller metaphorischen Bestimmtheit bieten kann. Tritt in Verbindung mit seiner Flöte das bukolische Potential in den Hintergrund, wo es nun seit langer, zu langer Zeit geschah, bleibt immer noch seine kapriziöse Spannkraft – denn eine Etymologie des ‚Capriccio‘ geht auf die Ziege, capra, zurück, deren Beine dem Gott eignen. Unvorhersehbare, launige Bockssprünge, durch den Kopf und durch die Ohren, mit einer guten Portion schelmischer Energie und Klugheit: Es verwundert nicht, dass der argentinische Komponist Mauricio Kagel (1931-2008) in seinen Werken für Flöte auf Pan direkt wie auch auf seine mittelbaren oder unmittelbaren Nachfahren zugreift. Die jüngst erschienene Einspielung mit dem Flötisten Michael Faust demonstriert das eindrucksvoll.

Auf dem Programm stehen das schon vom Titel an ironisch gefärbte Werk 'Das Konzert' (2002), bei dem Faust von der Sinfonia Finlandia Jyväskylä unter der Leitung von Patrick Gallois (selbst gelernter Flötist und Schüler des großen Rampal) begleitet wird, das kecke Stück 'Pan' (1985) für Soloflöte und Streichquartett sowie das Schumann zitierende 'Phantasiestück' (1988). Letzteres Werk wird, ein segensreicher Zug, der das Interesse der CD entscheidend erhöht, in zwei Fassungen präsentiert, einer für Flöte und Klavier sowie einer für Flöte, Klavier und Instrumentalensemble. In den kammermusikalischen Stücken musiziert Michel Faust mit dem brasilianischen Pianisten Paulo Álvares sowie dem ausgezeichneten Ensemble Contrasts unter der Leitung von Robert HP Platz.

Humor und Klangtheater

Michael Faust vermag sowohl den schnippischen Humor der Flöte als auch ihr pathetisches Rufen auszugestalten, einzusetzen, durchzuarbeiten. Klar und unaufgeregt gibt sich sein Ton, gleichsam ohne Allüre, wohlüberlegt. Das soll nicht heißen, dass Fausts Interpretation zu altbacken wäre oder zu wenig Risiko einginge – es fehlt beileibe nicht an artikulatorischen Finessen. Hier ist eine Souveränität am Werk, die nicht ihre Wachsamkeit verliert. Kagels theatralisches Gespür, Klangflächen zu Bühnenräumen zu machen, Klangfarben zu Handlungsträgern, Instrumente zu Personen und Personenkonstellationen, kommt hier voll zum Tragen. Die Konzentration der Flöte, die jeden Komponisten zur möglichst deutlichen Ansage zwingt, in Verbindung mit den neuen Spieltechniken, die das 20. Jahrhundert diesem Instrument eröffnet hat, erzeugt hier eine Festbeleuchtung Neuer Musik, die auch geeignet ist, so manchen in den Bann zu ziehen, der sonst vielleicht vor Avantgarden zurückschrecken würde. Denn Kagel, das wird in diesen Werken deutlich, besitzt den Humor, den man unter der militärischen Bezeichnung der künstlerischen Vorhut oft vermisst.

Kaum hat im 'Konzert' ein Hauch von spätromantischem Epochenzitat den Hörer in etwas Sicherheit gewiegt, raut eine juchzende Flatterzunge den Klangraum auf, taucht in neu zu entdeckende Tiefen. Der 'Pan' schließlich vereint die Ausgelassenheit des Halbgottes mit der Kontrolle und Genauigkeit der klassischen, zumal Neuen Musik – ein betörendes Werk. Aus den verschiedenen Varianten des Mythos wird man hier sogleich zu jener gezogen, die Pan als den Sohn der Amaltheia, der Nymphe mit dem Füllhorn, darstellt, und es bleibt kein Zweifel, dass er die Widmung 1985 mit kapriziöser Huld angenommen hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kagel, Mauricio: Werke für Flöte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Naxos
1
02.04.2012
65:44
EAN:
BestellNr.:

747313263578
8.572635


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Fono Forum: "Virtuose, doch nie oberflächliche Befragungen der Musikgeschichte voller augenzwinkernder Allusionen mit einem glänzenden Michael Faust. "Das Konzert" für Flöte und Orchester (2001/02) entpuppt sich da als besonders kapriziöses Kaleidoskop."

klassik.com: "Michael Faust vermag sowohl den schnippischen Humor der Flöte als auch ihr pathetisches Rufen auszugestalten, einzusetzen, durchzuarbeiten. Klar und unaufgeregt gibt sich sein Ton, gleichsam ohne Allüre, wohlüberlegt. "


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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