> > > Felix Mendelssohn Bartholdy: Geistliches Chorwerk: Motetten, Psalmen, Choralkantaten, Lobgesang
Samstag, 19. Januar 2019

Felix Mendelssohn Bartholdy: Geistliches Chorwerk - Motetten, Psalmen, Choralkantaten, Lobgesang

Editorische Meisterleistung


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Sammlung geistlicher Chorwerke von Mendelssohn, die nun von Carus veröffentlicht wurde, ist maßstabsetzend.

Der Stuttgarter Kammerchor darf sich mit Recht als einer der führenden (Kammer-)Chöre bezeichnen. Er ist, was er heute ist, auch durch Felix Mendelssohn Bartholdy. Denn über einen Zeitraum von etwa 25 Jahren hat sich der Dirigent Frieder Bernius zusammen mit dem Stuttgarter Kammerchor der Chorwerke Mendelssohns angenommen. Sie bildeten gewissermaßen das Rückgrat der künstlerischen Entwicklung des Stuttgarter Kammerchors. Nicht nur, aber doch wohl in entscheidendem Maße scheint der formidable Chor sein Profil an Mendelssohns Chorwerken geschärft zu haben. Davon legt eine Reihe herausragender Einspielungen Zeugnis ab, die im Zeitraum zwischen den frühen Achtzigerjahren und der ersten Dekade des 21. Jahrhundert bei Carus erschienen sind. Nun wurden sie in einer exquisiten, zehn CDs enthaltenden Box zusammengefasst.

Man darf mit Fug und Recht von einem editorischen Glücksfall sprechen. Offensichtlich für die Ausgabe ‚Felix Mendelssohn Bartholdy – Geistliches Chorwerk“ viel Mühe und Sorgfalt verwandt worden. Im Gegensatz zu anderen Labels, die sukzessive erschienene Folgen einer Einspielungs-Reihe sodann in einer etwas lieblos zusammenbastelten Box zusammenfassen, zeigt Carus Liebe zum Detail und editorische Sorgsamkeit. Jeder Tonträger steckt in einem Karton, auf dessen Vorderseite das Coverbild der ursprünglichen Einzelausgabe zu sehen ist; auf der Rückseite finden sich die Track-Angaben mit genauen Hinweisen zur Besetzung. Das umfangreiche Booklet beinhaltet nicht nur einen informativen Einführungstext, sondern sämtliche Texte der Stücke (deutsch/englisch). Eine Übersicht sämtlicher Textanfänge sowie deren Zuordnung zum Thematisch-systematischen Werkverzeichnis der musikalischen Werke Mendelssohns (MWV) samt Entstehungsjahr und Folge innerhalb dieser CD-Reihe erleichtert die Orientierung. Die äußere Gestaltung lässt keine Wünsche offen. Freilich gibt die Zusammenstellung auch Anlass zu manch kritischer Frage, etwa ob Mendelssohns Sinfonie-Kantate ‚Lobgesang‘ op. 52, entstanden anlässlich der Vierhundertjahrfeier von Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, im engeren Sinne ein geistliches Werk sei (auch wenn es auf einem geistlichen Text fußt). Doch verblassen solche Einwände vor dem schieren Gewicht dieser beispielhaften Edition.

Empfehlenswert ist diese Zusammenstellung vor allem, weil auch die musikalische Seite höchsten Ansprüchen genügt. Während Schumann seinem Komponistenkollegen Lob zollte und ihm gar bescheinigte, die höchste Stufe der neueren Kirchenmusik erklommen zu haben, gilt Mendelssohns geistliches Chorwerk Charles Rosen als ‚religiöser Kitsch‘. Rosen kritisiert Mendelssohn dafür, seine geistlichen Werke seien auf Erbauung und innige Andacht ausgelegt – dies freilich bedeutet im Grunde eine Kritik an Mendelssohns Intentionen, deren Ausdruck die geistlichen Werke sind. Diese Werke sind weniger für den liturgischen Rahmen geschafften denn für den Konzertsaal. Erbauung und Andacht schließen jedoch auch durchaus dramatische Momente ein, und dass genau diese nicht mit jener frömmelnden Klobigkeit mancher Kirchenchöre, sondern straff, gewissermaßen schlank und ausdrucksstark präsentiert werden, gehört zu den größten Vorzügen des interpretatorischen Zugangs von Frieder Bernius und dem Stuttgarter Kammerchor.

Die Tongebung ist von ausgesuchter Schlankheit und Präzision, und doch ergibt sich ein homogener, runder Chorklang. Die hohen Frauenstimmen begeistern mit druckfreier, sehr heller Stimmansprache, den tiefen Männerstimmen eignet eine kernige Präsenz, die ohne Robustheit auskommt. Aus dem äußerst fein gesponnenen und mit sicherer Hand gewichteten Chorklang erheben sich solistische Anteile mit Leichtigkeit. Freilich gibt es in einer solchen Zusammenstellung ein paar Solisten, deren Stimmfärbung mit den anderen Beteiligten nicht so gut harmoniert. Solche Kleinigkeiten fallen indes in einer ansonsten erstklassigen musikalischen Umsetzung nicht ins Gewicht.

Exzellent ist Bernius‘ souveräner Umgang mit den wechselnden musikalischen Texturen in den Motetten, Psalmen, Choralvertonungen und Gattungen der geistlichen Chorwerke Felix Mendelssohns. Kontrapunktische Dichte wird ohne schulmeisterliche Betonung der Stimmeinsätze aufgelichtet, die Linearität der einzelnen Stimmen wird durch eine lebendige musikalische Ausformung unterstützt, durch feine dynamische Schattierungen, artikulatorische Differenzierung oder Timbrenuancen. Dadurch gelingt es dem hervorragenden Ensemble, den Textgehalt durch subtilen musikalischen Ausdruck zu unterstreichen. Der Umgang mit dem Text ist vorbildlich: sprachnah und verständlich, aber dennoch in der musikalischen Ausformung flexibel umgehend mit den verschiedenen Ausdrucksintensitäten. – Einzelne Glanzpunkte hier herauszugreifen, würde diese Rezension nur unnötig in die Länge ziehen, denn ihrer sind viele. Es soll hier genügen, das Resümee zu ziehen, dass sich kaum eine feinsinnigere, im Chorklang differenzierter gestaltete musikalische Umsetzung dieser Stücke vorstellen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Felix Mendelssohn Bartholdy: Geistliches Chorwerk: Motetten, Psalmen, Choralkantaten, Lobgesang

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Carus
10
01.04.2012
598:00
EAN:
BestellNr.:

4009350830202
8302000


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"Die Gesamteinspielung der geistlichen Vokalmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy mit Frieder Bernius und dem Kammerchor Stuttgart stellt eine interpretatorische und editorische Großtat dar. Aus dieser preisgekrönten Edition erscheinen erstmals sämtliche Motetten, Psalmen, Choralkantaten, kleinere Kirchenwerke sowie die Sinfoniekantate Lobgesang in einer Box mit 10 CDs. „Phänomenal ? Kein Superlativ ist verschwendet, um diesen Chor zu rühmen.“ DIE ZEIT"


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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