> > > Coote, Alice & Johnson, Graham: The Power of Love - an English Songbook
Donnerstag, 24. Mai 2018

Coote, Alice & Johnson, Graham - The Power of Love - an English Songbook

Nicht nur durchdacht


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alice Coote lotet den Bedeutungsgehalt der hier aufgenommenen englischen Lieder exemplarisch aus. Sie wird dabei von Graham Johnson denkbar feinfühlig und passend unterstützt.

Die Zahl der renommierten britischen Mezzosopranistinnen der vergangenen hundert Jahre ist ebenso wenig zu unterschätzen wie die Zahl der renommierten britischen Sopranistinnen, Tenöre oder Baritone, nur dass diese Sängerinnen und Sänger allzu häufig auf dem europäischen Kontinent kaum wahrgenommen werden. Ian Partridge, Neil Mackie, Richard Lewis, John Cameron, John Shirley-Quirk, Benjamin Luxon, Margaret Cable, Monica Sinclair, Della Jones, Joan Carlyle, Elizabeth Harwood, Heather Harper oder Valerie Masterson – wer kennt sie alle, und all die anderen, die zu nennen wären? Nun also Alice Coote, 1968 in Cheshire geboren, eine Sängerin, deren Stimme man durch ihre Sensualität und Intelligenz schon heute mit der legendären Kathleen Ferrier vergleicht. Schon von den ersten Tönen der vorliegenden CD an spürt man, dass wir hier eine Sängerin haben, die große Namen nicht zu scheuen braucht. Die große Menge Klangvaleurs, die Coote aufbieten kann, ist fast reicher noch als Ferriers, und kühler zwar als ihre ehemalige Lehrerin Janet Baker, doch von einer Intensität, mit der sie es mit Leichtigkeit mit der Grande Dame des britischen Mezzosopran aufnehmen kann.

Für diese CD hat Coote, zusammen mit der lebenden Legende Graham Johnson, ein Programm britischer Lieder zusammengestellt, das mit Leichtigkeit die üblicheren Kompilationen etwa à la Linda Finnie (Chandos) in den Schatten stellt. Dabei finden sich hier viele Kompositionen aus der Zeit, die lange in Großbritannien als ‚musiklos‘ oder allenthalben als musikalisch mittelmäßig angesehen wurde, der Zeit der sogenannten victorianischen Salonballaden. Dass dieser gesamte Korpus einer Neueinschätzung bedarf, darf man nach der hier vorliegenden CD guten Gewissens annehmen. Natürlich haben diese Lieder nicht einen harmonischen oder formalen Wagemut, den heutige Musikkenner unangemessenerweise allzu leichtfertig fordern – es handelt sich um Lieder, die als Hausmusik im besten Sinne gesungen wurden, im bürgerlichen, im noblen Ambiente. Viele Schubert-Lieder haben exakt dieselben Wurzeln, und selbst Stephen Banfield gelang es mit seiner bahnbrechenden Studie ‚Sensibility and English Song‘ 1985 noch nicht, die Gattung des britischen Kunstliedes vor 1900 wieder aufs musikalische Tapet zurückzubringen. Mehr als 73 Minuten voller Entdeckerlust bieten Coote und Johnson, überaus sorgsam konzipiert (eine durchlaufende thematische ‚narrative‘ bildend, mit passend exzellentem Booklettext von Johnson, allerdings nur auf Englisch), perfekt musikalisch dargeboten und auch klanglich in bester Hyperion-Qualität.

Alice Coote lotet den Bedeutungsgehalt der 27 Lieder exemplarisch aus, unter ihnen ‚Schlager‘ wie Elgars 'Pleading' op. 48 Nr. 1, Vaughan Williams‘ 'Silent Noon' (aus 'The House of Life') oder Quilters 'Love’s Philosophy' op. 3 Nr. 1. Der direkte Vergleich dieser drei Lieder mit Bakers Interpretationen zeigt eine lichtere, leichtere Stimme, die vielleicht nicht ganz so unmittelbar wirkt wie ‚La Baker‘, doch auf deren Errungenschaften sie aufbauen kann. Cootes Piano ist womöglich noch delikater als Bakers, ihre Höhe dafür nicht so gerundet (eher wie eine äußerst kultivierte Lied singende Maria Callas), von einer kristallenen, warmen Klarheit, ein wenig wie die junge Felicity Palmer. Wir haben hier eine Sängerin mit perfektem Fokus, mit makelloser Phrasierung, bei Bedarf zerbrechlich, feinster Abschattierungen fähig, perfekt im Timing, Verbindungen evozierend, die nahezu unhörbar sind (werden wir wohl je Coote in Sullivan hören? gibt es noch eine Kultur nach Sargent, Marriner und Mackerras, diese Musik interpretatorisch auf höchstem Niveau nicht nur aufzuführen, sondern auch auf den Silberling zu bannen? was haben Liza Lehmann und Elgars 'Dream of Gerontius' gemein? und wieso kennen wir Cecil Armstrong Gibbs‘ 'Hypochondriacus', Gustav Holsts Humbert Wolfe Settings oder Peter Warlocks 'Queen Anne' sonst nicht – allesamt sicher von einer Qualität, die sich vor Hugo Wolf oder Max Reger nicht zu verstecken braucht, geschweige denn dem ungleich gehypteren Benjamin Britten?). Johnson nimmt sich zurück wo erforderlich, doch ist gerade durch seine Sensibilität selbst im schlichtesten Akkompagnement eine unglaublich präsente Größe. ‚My precious‘ bekommt hier eine tiefe, zutiefst innige Bedeutung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Coote, Alice & Johnson, Graham: The Power of Love - an English Songbook

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
24.02.2012
EAN:

034571178882


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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