> > > Brian, Havergal: Sinfonie Nr. 1 in d-Moll "The Gothic"
Freitag, 19. Oktober 2018

Brian, Havergal - Sinfonie Nr. 1 in d-Moll "The Gothic"

Warnen Sie vorher die Nachbarn!


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufführung von Havergal Brians 'Gothic Symphony' im Juli 2011 in London war ein vielbeachtetes Konzertereignis. Nun legt Hyperion einen Mitschnitt dieses denkwürdigen Konzerts vor.

Am 17. Juli 2011 durfte ich Zeuge einer denkwürdigen Konzertaufführung in der Londoner Royal Albert Hall sein. Seit mehr als dreißig Jahren war erstmals in Europa wieder Havergal Brians berühmt-berüchtigte 'Gothic Symphony' (1919-27) zu hören. Es wäre falsch, Havergal Brian (1876–1972) immer noch mit früheren, heute längst nicht mehr gültigen Rekorden des Guinness Book of Records in Verbindung zu bringen – dafür war Brian ein viel zu anspruchsvoller Komponist. Seine 'Gothic Symphony', seit einer Umnummerierung 1967 heute seine Erste Sinfonie, ist ein monumentales, rund anderthalb Stunden dauerndes Werk für eine kaum zählbare Menge an Mitwirkenden. Das Werk erlebte seine Uraufführung 1961 und seine erste professionelle Aufführung in der Royal Albert Hall unter der Leitung Sir Adrian Boults fünf Jahre später. Dieser wichtige Konzertmitschnitt wurde im Frühjahr 2010 vom Label Testament auf CD vorgelegt. Eine weitere Aufführung in der Royal Albert Hall fand am 30. Mai 1980 unter der Leitung des Dänen Ole Schmidt statt. Nun also Martyn Brabbins, seit vergangenem Herbst Präsident der Havergal Brian Society (als Nachfolger Sir Charles Mackerras).

Dem Konzertereignis wohnte alles bei, was in der britischen Musikwelt Rang und Namen hatte, und das einzige, was das Konzerterlebnis etwas schmälerte, war, dass zum einen die Rundfunkberichterstattung über das Werk durch die BBC in hohem bis höchsten Maße inkompetent war und zum anderen dass die BBC das Konzert nicht im Fernsehen übertrug und auf DVD mitschnitt – angesichts des großen Interesses von Seiten des Publikums (die Karten waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft) ein schweres Versäumnis. Bei Youtube finden sich zwei kurze Ausschnitte vom Schluss des Werkes, und wer nicht dabei war, kann so gut einen Eindruck von der ganz besonderen Stimmung des Einmal-im-Leben-Erlebnisses gewinnen. Nun ist die Akustik der Royal Albert Hall denkbar ungünstig: Der Klang von Chor und Orchester dringt nicht in voller Lautstärke zum Publikum, sondern bleibt quasi im Saal hängen – was gleichermaßen den Vor- wie den Nachteil hat, dass der Zuhörer durch die riesigen Klangmassen nicht erschlagen wird.

Die 'Gothic Symphony' ist ein aus zwei Teilen bestehendes Werk. Der erste, eine gute halbe Stunde dauernde Teil ist rein orchestral und quasi durchaus traditionalistisch als Sinfoniesätze zu verstehen. Diese drei Sätze reichte Brian 1928 zu einem internationalen Kompositionswettbewerb zum Schubert-Jubiläum ein, errang aber keinen der ersten Plätze. Dies hat natürlich gleichermaßen mit der Jury wie dem Zeitgeschmack zu tun, und ohne Frage war Brian zumindest ganz nah am Puls seiner Zeit – vielleicht zu sehr für manchen Juror. Heute beeindrucken die großen orchestralen Gesten, die hier im Live-Mitschnitt klangtechnisch deutlich besser eingefangen sind als in der Studioproduktion für Marco Polo/Naxos. Die Brillanz der Aufnahmetechnik macht die Aufführung zu einem echten Ereignis. Wir hören nicht nur Brians reiche Kontrapunktik, sondern wir hören sie gleichsam im Kontext, aufnahmetechnisch sorgsam gestaffelt und klar strukturiert. Im Vergleich steckte die Aufnahmetechnik 1966 noch in den Kinderschuhen, stülpt der gesamten Sinfonie quasi einen pseudo-intimen Klangmantel über, der jetzt durch die Aufnahmetechnik wie weggewischt ist.

Die Vielfalt der Klangstrukturen in diesem ersten Teil ist erstaunlich. Irgendwo zwischen Nielsen, Schmidt, Bax, Debussy, Schönberg, Poulenc, Wagner, Delius, Mahler und vielen anderen scheint dieses Werk verortet, oder anders gesagt: Wir haben hier einen typischen Brian voller Klangfantasie und musikalischer Abenteuerlust. Das beginnt beim Instrumentarium: Neben dem größtbesetzten traditionellen Orchester (u. a. zwei Piccoloflöten, sechs Pauken und acht Hörner) finden sich Oboe d’amore, Bassoboe, Bassetthörner, Kontrabassklarinette, Kornette, Basstrompete, Euphonien und Orgel. Doch auch von der kompositorischen Struktur ist Brian neue Wege gegangen – zusammenfassende Bemerkungen würden hier nur in die Irre führen. Malcolm (Calum) MacDonald, der eine große dreibändige Studie zu Brians Sinfonien verfasst hat, fasst im Booklettext das Besondere an dem Werk klug zusammen und erschließt die musikalische Logik des Werks über drei verschiedene Entwicklungsebenen – dramatisch, tonal und motivisch.

Der erste Teil der Sinfonie besteht aus drei Sätzen und darf auch unabhängig vom zweiten Teil aufgeführt werden, doch die volle Logik der Sinfonie erschließt sich naturgemäß nur bei der Gesamtaufführung. Dabei verliert sich Brian keineswegs in stetem Lärm; immer wieder gibt es die herrlichsten Soli, für Cello, für Bassklarinette, später auch für die Sopransolistin.

Warum der erste Teil der Sinfonie auch separat aufgeführt werden darf, erschließt sich leicht, betrachtet man die zweite Werkhälfte: eine groß angelegte Vertonung des lateinischen Te Deum. Hier treten ('Gurrelieder' und Berlioz‘ Requiem lassen grüßen) ein riesiger Doppelchor (jede Stimme nicht unter 50 Sängern), zwei Kinderchöre und vier separat zu positionierende Gruppen zu je zwei Trompeten, zwei Posaunen, zwei Hörnern und drei Pauken hinzu, dazu ein ganzes Arsenal an Schlagwerk (darunter Donnermaschine – für die Aufführung 2011 extra hergestellt und knallorange –, drei kleine Trommeln, Ketten, Vogelrufer u. v. m.). In diesem zweiten Teil weitet Brian auch kompositorisch seinen Stil noch weiter aus; es gibt ein komplexe Doppelfuge für den Chor a cappella (bei der es in der Aufführung nicht ausbleiben konnte, dass die Choristen um einen Halbton rutschten; dieser Ausrutscher konnte in der Postproduktion glücklicherweise behoben werden), polytonale Ausbrüche, Fanfaren wie aus Verdis Requiem und große Soli für Sopran, Tenor und Bass (bei einem Interview anlässlich der Aufführung 1966 gab Brian zu, dass er schlicht vergessen hatte, auch dem Alt einen angemessenen Solopart zu schreiben).

Es war ein ungeheuer beeindruckendes Erlebnis, wie die achthundert Chorsänger sich zu Beginn des (ebenfalls aus drei Sätzen bestehenden) zweiten Teiles erhob wie ein Mann – sogleich konnte man die Macht der Massensuggestion quasi mit Händen greifen. Ursprünglich hatte Brian vorgehabt, das Finale aus ‚Faust II‘ zu vertonen (damals kannte er Mahlers Achte noch nicht), doch die Entscheidung fürs Te Deum hat sich gelohnt. Wir haben hier eine Komposition, die sich organisch der ersten Sinfoniehälfte zugesellt (ähnlich den Finali von Liszts ‚Faust-‚ oder ‚Dante-Sinfonien‘). Das ist – für Chor wie fürs Orchester – hochgradig komplexe Musik, der man nur mit extremem logistischen Aufwand beikommen kann. Hatte es 1966 noch an einem geeigneten Probenraum gemangelt, probten die einzelnen Gruppen zunächst separat, ehe sie sukzessive zusammengeführt wurden. Zunächst die fünf großen Chöre (The Bach Choir, BBC National Chorus of Wales, Brighton Festival Chorus, Huddersfield Choral Society und London Symphony Chorus) in der Birmingham Town Hall, dann die beiden Orchester BBC National Orchestra of Wales (früher BBC Welsh Symphony Orchestra) und BBC Concert Orchestra in der Hoddinott Hal in Cardiff. ‚Mit jedem Probentag zogen wir in immer größere Räumlichkeiten um‘, so schreibt Brabbins in seinen erläuternden Worten, ‚für das gewaltige Orchester von Teil II in das All Nations Centre in Cardiff, für den ersten kompletten Durchlauf in den Alexandra Palace und schließlich in die herrliche und stimmungsvolle Royal Albert Hall.‘ Im Internet kursieren von Musikern gemachte Handyvideos von den Proben, hochinteressantes Material, das umso mehr bedauern lässt, dass nun keine DVD vorliegt, mit reichem Making-of-Material sowie einer anlässlich einer Aufführung der Sinfonie in Australien 2010 produzierten Dokumentation ‚The Curse of the Gothic‘.

Neben den genannten Musikern (alle Mitwirkenden sind im Proms-Programm wie auch im CD-Booklet namentlich aufgelistet) wirken der City of Birmingham Symphony Orchestra Youth Chorus, der Côr Caerdydd, der Eltham College Boy’s Choir und die Southend Boys‘ and Girls‘ Choirs mit, die Solisten sind Susan Gritton (die das Solistenquartett meisterlich anführte, besonders mit ihrem großen Solo im letzten Satz), Christine Rice, Peter Auty und Alastair Miles.

Wenn Sie diese CD anhören, empfehle ich einen nicht zu geringen Pegel – die physische Erfahrung des Werkes ist nicht zu unterschätzen. Schalten Sie das Telefon aus und informieren Sie vorab Ihre Nachbarn, dass Sie in den nächsten anderthalb Stunden die Türklingel nicht hören werden, im Falle sie sich über den Lärm beklagen wollen. Ein einzigartiges Erlebnis erwartet Sie, mit gerechtfertigten fast 9 Minuten Beifall zum Schluss. Enthusiastisch empfohlen!!!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brian, Havergal: Sinfonie Nr. 1 in d-Moll "The Gothic"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
2
20.01.2012
EAN:

034571179711


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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