> > > Raphael, Günter: Entrée Vol. 1
Donnerstag, 24. Mai 2018

Raphael, Günter - Entrée Vol. 1

Rehabilitation


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Querstand veröffentlicht mit dieser CD eine wichtige, in der Zusammenstellung vielleicht etwas beliebige Einführung in das Werk eines interessanten, zu Unrecht vergessenen deutschen Komponisten.

Das Schaffen Günter Raphaels (1903–1960) ist merkwürdigerweise auf Tonträger nur eher bescheiden repräsentiert, doch in jüngster Zeit wendet sich das Blatt. Nachdem Dirk Schultheiss 2009 eine CD mit Klarinettenkammermusik vorgelegt hat (Telos), der 2011 eine CD mit Violinkammermusik (Toccata) folgte, haben wir hier nun die erste von zwei bisher erschienenen CDs, die auf verschiedene Weise Raphaels Œuvre erkunden. Sind es auf CD 2 die 'Dialoge für zwei Violinen', sind hier vier unterschiedlich besetzte Werke zu hören, drei von ihnen in historischen Aufnahmen von 1957 und 1959, das vierte ein Livemitschnitt vom Oktober 2010. Nun kann gefragt werden, ob dem Komponisten durch eine derart eher beliebige Mischung in der ‚Günter Raphael Edition‘ am besten gedient ist – aber wohl eben deswegen wurde der Titel ‚entrée‘ für die CD gewählt, als eine Einführung in Raphaels vielfältiges Werk.

Eröffnet wird die CD durch die Sonate Es-Dur op. 13 für Viola und Klavier. Das 1925 entstandene Werk ist Karl Doktor, dem Bratschisten des Busch-Quartetts gewidmet. Leider erfahren wir im Booklet nicht, wann das Werk seine Uraufführung erfuhr – überhaupt sind die Booklet-Erläuterungen für eine ausdrücklich Raphael gewidmeten Edition eher zu knapp geraten (sind aber immerhin mehrsprachig). In der WDR-Produktion des Jahres 1959 spielen Paul Doktor, Sohn des Widmungsträgers und ebenfalls renommierter Bratscher, und Günter Ludwig, damals nicht nur gefeierter Kammermusiker, sondern auch Professor für Klavier an der Kölner Musikhochschule. Die expressive Komposition erfährt (in sorgsam restauriertem Klang, man spürt kaum, dass es sich um eine Mono-Aufnahme handelt) eine leidenschaftliche, in Scherzo übersprudelnde, insgesamt in ihrer Tiefe beeindruckende Wiedergabe. Bratschist wie Pianist haben dankbare Partien, die sie in jeder Hinsicht vollendet ausloten. Gerade die Verwandtschaft Doktors zu seinem Vater ist deutlich zu spüren, so dass wir hier sogar vom Bratschenspiel von einer überraschenden Authentizität sprechen können.

Das satztechnisch hervorragend gearbeitete dritte Streichquartett A-Dur op. 28 von 1930/31, in dem sich Raphael mit der extremen Ausweitung des tonalen Systems auseinandersetzte, widmete der Komponist dem Religionshistoriker Hans Heinrich Schaeder, der in der ‚Zeitschrift für Musik‘ einen Artikel über Raphael veröffentlicht hatte. Uraufgeführt wurde es 1931 in Berlin. Ohne zu übertreiben bearbeitet Raphael hier bereits harmonische Möglichkeiten, die erst rund fünfzehn Jahre später Michael Tippett zu erkunden begann. Insgesamt schuf Raphael zehn Streichquartette. (Sind die sechs ungedruckten tatsächlich verloren? – Eine Gesamteinspielung wäre ein äußerst lobenswertes Unternehmen.) Das in Amsterdam beheimatete Párkányi Quartett spielte das Quartett am 22. Oktober 2010 in der Dresdner Musikhochschule: eine dichte, fein abgestimmte Interpretation mit einem hochspannenden Finale.

Günter Raphael schrieb ein Orgel- und zwei Violinkonzerte, ein Kammerkonzert für Violoncello sowie drei Concertinos, von denen das Concertino op. 71 für Altsaxophon und Orchester aus dem Jahre 1951 das mittlere ist. Das 1952 in Stockholm uraufgeführte Werk erfuhr 1957 eine Studioproduktion durch Emil Manz und das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch. Im direkten Vergleich zu dem Streichquartett klingt die Aufnahmetechnik nunmehr eng und ein wenig dumpf, trotz der brillanten Blechbläser. Das divertimentoartige, ausgelassene Werk, sprüht vor Witz und Energie; es ist gut, diese Repertoireerweiterung nicht nur in Sachen Raphael, sondern auch in Sachen Sawallisch zu haben, auch die Diskografie des in Berlin gebürtigen Emil Manz (Schüler des legendären Gustav Bumcke), der am Hamburger Sender beschäftigt war und dessen Gedächtnis er 1957, kurz nach der hier vorliegenden Produktion, die Saxophonsonate op. 74a widmete (Manz starb erst 51-jährig), war bislang sehr bescheiden. Die Abstimmung zwischen Solist und Orchester ist perfekt, der Solist bestätigt den Ruf seines ehemaligen Lehrers.

Beschlossen wird die CD durch die Wiederveröffentlichung eines Livemitschnittes des Süddeutschen Rundfunks vom 23. Oktober 1957, von Raphaels knapp zehnminütiger 'Palmström-Sonate' op. 69 für Tenor, Klarinette, Violine, kleine Trommel (ad lib.), Schlagbass und Klavier aus dem Jahre. Das fünfsätzige Werk nach einer Dichtung Christian Morgensterns wurde ebenfalls in Stockholm uraufgeführt und ist ein äußerst schwungvoller Abschluss der CD, zumal mit dem jungen Fritz Wunderlich ein Gesangssolist von höchsten Graden aufgeboten ist. Zusammen mit Walter Triebskorn (Klarinette), Roman Schimmer (Violine), Karl Schad (Schlagzeug), Alfred Kretzschmar (Kontrabass) und Rolf Reinhardt (Klavier) bietet er eine temperamentvolle, die Komposition auf den Punkt bringende Interpretation. Viel zu wenig bekannt ist, dass Wunderlich sich häufig für Neue Musik eingesetzt hat (bei Myto erschien sein Teiresias in Orffs 'Oedipus der Tyrann' aus Stuttgart 1969, bei Orfeo d’Or Janáceks 'Die Ausflüge des Herrn Broucek' und Egks 'Verlobung in San Domigo'). Sein Andres in Bergs 'Wozzeck' unter Böhm war die logische Konsequenz aus einer Karriere, die sich leider nicht genügend auf Tonträgern niedergeschlagen hat. So auch hier eine wichtige Repertoireergänzung für gleich mehrere Parteien. Insgesamt eine wichtige, in der Zusammenstellung vielleicht etwas beliebige Rehabilitation eines interessanten, eines spannenden. zu Unrecht vergessenen deutschen Komponisten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raphael, Günter: Entrée Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
20.01.2012
EAN:

4025796011340


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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