> > > Andreae, Volkmar: Sinfonie in C-Dur, op. 31
Donnerstag, 24. Mai 2018

Andreae, Volkmar - Sinfonie in C-Dur, op. 31

Familienähnlichkeiten


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Guild stellt Orchesterwerke des schweizerischen Komponisten und Dirigenten Volkmar Andreae vor. Stücke wie Ausführung sind von geistiger Frische und hoher Farbigkeit.

Betrachtet man die Zeichnung des Komponisten und Dirigenten Volkmar Andreae (1879–1962) und vergleicht man diese mit dem Foto des Dirigenten der vorliegenden CD, so ist eine Familienähnlichkeit unübersehbar. Ist doch Marc Andreae (geb. 1939), international renommierter Dirigent (lange Chefdirigent des Orchestra della Radio-Televisione della Svizzera Italiana) und Interpret von mehr als 100 Uraufführungen, Enkel des langjährigen Leiters des Tonhalle-Orchesters Zürich. Jetzt also dirigiert Andreae Andreae, doch leider nicht mit einem Schweizer Orchester, sondern mit dem Bournemouth Symphony Orchestra, einem beliebten Orchester im Tonstudio wegen seiner hohen Flexibilität und Einfühlung in bislang eher unbekannte Idiome. Auch das Idiom Volkmar Andreaes liegt dem Orchester bestens, so dass nur zwei Aufnahmetage für die gesamte Produktion benötigt wurden (auch dank Michael Ponders Aufnahmetechnik eine rundum gelungene Angelegenheit).

Die CD enthält vier Orchesterwerke Andreaes aus den Jahren 1917–1929. Zuerst (1917) entstand die 'Kleine Suite' op. 27, Andreaes bislang populärstes Orchesterwerk. Bruno Walter dirigierte die Suite in New York und München, Fritz Reiner in Dresden, Henry Wood in London, Manchester und Liverpool, und Andreae selbst brachte es mit den Wiener Philharmonikern zur Aufführung. Es handelt sich um eine Komposition, eine Art Ballettsuite à la Reger, die auf den Errungenschaften Schillings‘, Strauss‘ und ihrer Zeitgenossen aufbaut und vollständig in seinen eigenen Stil integriert. Schweifende Modulationen, pointierte Rhythmik, raffinierte Orchestrierung ergeben zusammen eine unwiderstehliche Mischung. Das Orchester funkelt und leuchtet, die Violinsoli erheben sich im langsamen Satz in ätherischste Höhen, die Bläser gemahnen an besten Bax – ein kosmopolitischer Kompositionsstil im allerbesten Sinne.

1918 entstanden 'Notturno und Scherzo' op. 30, ein typisches Diptychon in Busoni’scher Tradition (Busoni lebte während des Ersten Weltkrieges in Zürich). Andreaes Harmonik ist hier im Vergleich zu der 'Kleinen Suite' deutlich avancierter, näher an Busoni oder Schreker. Verhangener von der Stimmung her ist das 'Notturno' ein genuines Nachtstück, auf das Andreae im Trio des tänzerischen Scherzos 'all’ibero' noch einmal rekurriert. Kurz nach 'Notturno und Scherzo' begann Andreae mit der Komposition der Sinfonie C-Dur op. 31, einer anspruchsvollen knapp halbstündigen Komposition, die musikalische Äußerlichkeiten außen vor lässt. Ein wenig erinnert mich die Sinfonie an die Sinfonien Wilhelm Furtwänglers, doch ist Andreae nicht so ausladend; seine Strukturen sind überschaubar, auch für den Hörer. Dass Andreae die Orchestermusik seiner Zeit bestens kannte, steht außer Frage, doch etwaige Annäherungen an andere Komponisten bleiben immer nur assoziativ, deutlich weniger eklektisch als etwa in der Sinfonie D-Dur Donald Toveys (1913). Im langsamen Satz setzt Andreae Richard Strauss‘ Sinfonik in einer Weise fort, die der bayerische Meister nur etwa im 'Idomeneo'-Intermezzo verfolgt hat (in 'Die Frau ohne Schatten' ist die Entwicklung angedeutet). So gelingt dem Schweizer der Coup, Strauss auf seinem ureigensten Metier, der Orchestermusik zu überflügeln. Allein für diesen langsamen Satz hätte die Einspielung schon gelohnt. Das Scherzo modelliert Andreae auf Beethovens Fünfter, doch ist sein Finale (mit Rückgriff auf die vorherigen Sätze) humorvoll-heroischer als Beethovens. Manche Orchestertextur lässt aus der Ferne an Mahler denken, doch nur augenblickhaft, ehe Andreae sogleich wieder ganz allein Andreae ist.

Nahe an die freie Tonalität begibt sich Andreae mit der 1929 entstandenen Musik für Orchester op. 35, einer Chaconne, die die Texturen und Stimmungen des Orchesters erkundet und die nach ihrer Uraufführung unter Leitung des Komponisten durch Dirigenten wie Fritz Busch, Felix von Weingartner und Hermann Abendroth aufgenommen wurde. Niemand könnte den Komponisten der anderen drei Orchesterwerke auf dieser CD unmittelbar mit diesem Werk in Verbindung bringen, zu stark ist es dem Stil der Zeit verbunden, doch ohne Konzessionen an die besonderen Fähigkeiten des Schweizer Komponisten, instrumentatorische Sensualität, klares Formempfinden, Reichtum der Einfälle. So konnte Neue Musik anno 1929 auch klingen. In jedem Takt ist intensiv zu spüren, wie viel Freude alle Beteiligten an der Einspielung der CD hatten; diese positiven Empfindungen übertragen sich auf den Zuhörer, der auch durch das Booklet nicht enttäuscht wird. Rundum empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Andreae, Volkmar: Sinfonie in C-Dur, op. 31

Label:
Anzahl Medien:
Guild
1
EAN:

795754737721


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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