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Samstag, 19. September 2020

Strauss, Richard - Edition

Ein bunter Strauß von Richard Strauss


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zugreifen! Erstklassige Aufnahmen mit den Orchesterwerken, der Kammermusik und Opern von Richard Strauss. Hervorragende Interpreten, sensationeller Preis.

Mit dieser 35-CD-Box des Niedrigpreis-Labels Brilliant kann man nichts falsch machen. Zwar ist die Ausstattung gewohnt spartanisch gehalten, doch dafür gibt es jede Menge Referenz-Aufnahmen der letzten Jahrzehnte. Einst bei den großen Labels wie EMI oder Deutsche Grammophon erschienen, gibt es diese nun zum unschlagbaren Schnäppchenpreis.

Herz- und Glanzstück der Sammlung sind die acht CDs mit Richard Strauss‘ epochemachenden Orchesterwerken, vertreten in den bis heute gültigen Aufnahmen, die Rudolf Kempe mit der Staatskapelle Dresden in der ersten Hälfte der 1970er Jahre einspielte. Im opulenten, doch stets klar fokussierten Klangrausch sind dies bis heute packende, dramaturgisch mitreißend inszenierte Interpretationen. Kempes unwiderstehliches Gespür für Klangfarben, Steigerungen, Binnenstrukturen, dynamische Kontraste und Lyrismen ist vielleicht unerreicht. Auch das Orchester scheint in einer anderen Dimension des Verstehens zu spielen, vergleicht man es mit dem fragmentarisch gebliebenen Ansatz einer Neueinspielung dieser Werk unter Fabio Luisi, der von 2004 bis Anfang 2010 GMD des Orchesters war. Kempes prägende Interpretationen wischten seinerzeit den vielerorts immer noch herrschenden Trivialverdacht der Werke überzeugend hinweg. Während im Westen Karajan spieltechnisch ebenso perfekte wie glatt polierte Klangexzesse im üppigen Breitwandsound einspielte, besann sich Kempe mit den Dresdnern auf Witz, Eleganz und Emotionalität der Orchesterwerke. Die einzelnen Orchestergruppen sind bei Kempe aufs höchste klangsinnlich und individuell geführt, hier wird nichts breiig und verwischt nichts im wuchernden Bombast, vielmehr wird der Charme der Musik erlebbar.

Weitgehend unbekannt geblieben ist Richard Strauss‘ kammermusikalisches Œuvre. Herb und nicht immer leicht zugänglich kommt es in seiner oft komplexen Stimmführung daher und bleibt doch immer unverkennbar der Spätromantik verpflichtet. Die programmatisch narrative Struktur der großen Orchesterwerke fehlt hier zumeist. Doch Strauss‘ Kammermusik ist kunstvoll gewoben und in den Interpretationen mit größtenteils Münchner Musikern, unter denen sich auch der Strauss-Spezialist Wolfgang Sawallisch am Klavier findet, unbedingt eine Entdeckung wert. Neun CDs sind diesen kammermusikalischen Besetzungen, zu denen auch frühe Soloklavierwerke (von Gitti Perner einfühlsam gespielt) und das ausufernde Melodram 'Enoch Arden' zu zählen sind.

Michel Plasson, in den 1990ern zeitweilig verkannter Chef der Dresdner Philharmonie (dem zweiten großen Dresdner Orchester), steuert mit ebendiesem Orchester die drei großen Werke für Chor und Orchester bei ('Taillefer', 'Wanderers Sturmlied' und 'Die Tageszeiten'). Etwas zu brav und romantisierend spielt das Orchester und singt der Berliner Ernst-Senff Chor. Doch die Werke sind hörenswert, zumal mit Solisten wie Felicity Lott, Johan Botha und Michael Volle.

Sechs komplette Opern enthält die Box, darunter drei ‚Klassiker‘ der Strauss-Aufnahmegeschichte: Karl Böhms aufwühlend-dramatische 'Salome' als Mitschnitt aus der Hamburger Staatsoper von 1970, mit der intensiven Gwyneth Jones auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und einem souveränen Dietrich-Fischer Dieskau als Jochanaan. Herbert von Karajans 'Rosenkavalier' von 1955, neben Erich Kleibers Aufnahme die Referenz-Einspielung für viele Jahrzehnte, mit dem betörenden Damentrio Elisabeth Schwarzkopf (Marschallin), Christa Ludwig (Octavian) und Teresa Stich-Randall (Sophie), sowie dem Parade-Ochs der Nachkriegsjahre, Otto Edelmann. Eine auch in den kleinen Rollen mustergültig besetzte Produktion, bis hin zum Italienischen Sänger von Nicolai Gedda. Und Tonträger mit dem Münchner Mitschnitt von 1953 unter Joseph Keilberth die womöglich beste 'Frau ohne Schatten', die es auf Tonträger gibt. Eine junge Sängergeneration, alle am Beginn großer Karrieren, hat hier eine Referenzaufführung hinterlassen: Jess Thomas und Ingrid Bjoner als Kaiserpaar, Fischer-Dieskau und Inge Borkh als Färberpaar sowie Martha Mödl als Amme.

Mit diesem durchschlagenden Niveau kann Giuseppe Sinopolis knallende 'Elektra' nur schwer mithalten. Alessandra Marcs Elektra, Deborah Voigts Chrysothemis und Samuel Rameys Orest stehen ihren Rollen in dieser Studioeinspielung merkwürdig distanziert gegenüber, der schlackenlose Klang, den Sinopoli mit den Wiener Philharmonikern ausbreitet, entwickelt keinen durchgängigen Sog; einzig Hanna Schwarz agiert hier auf einem außergewöhnlichen Niveau, wenngleich sie freilich in reinen Tonaufnahmen nie die Qualitäten entwickelt, die sie als Sängerdarstellerin auf der Bühne freisetzen kann. Ähnlich auf hohem Niveau scheiternd ist Sinopolis 'Ariadne auf Naxos', diesmal mit der Staatskapelle Dresden. Hier fehlt die kecke Leichtigkeit der Partitur, der Charme des Kammerspiels. Deborah Voigt (Ariadne), Natalie Dessay (Zerbinetta), Anne-Sophie von Otter, Ben Heppner (Bacchus), Stephan Genz (Harlekin) sind eine merklich im Studio zusammengewürfelte Sängerbesetzung, bei dem sich trotz schöner Momente die für dieses Werk so nötige Selbstverständlichkeit nicht einstellen will.

Leider gilt das auch für Richard Strauss‘ immer noch zu entdeckendes Meisterwerk 'Friedenstag', das 1999 mit Dresdner Kräften in den kleineren Rollen und abermals der Staatskapelle unter Sinopoli eingespielt wurde. Eine der besten Konwitschny-Inszenierungen präsentiert das Stück seinerzeit erfolgreich in mehreren Aufführungsserien an der Semperoper, doch nicht mit Deborah Voigt und Albert Dohmen als Hauptpaar und auch nicht mit Sinopoli im Graben. So ist auch hier bei diesen Interpreten der Mangel der Aufführungserfahrung zu erleben, wobei Dohmen noch am besten abschneidet. Gerade dieses fulminante Werk des Appells an den Frieden, das im Grunde eine 75minütige Steigerungsstruktur hat, bedarf dieser Erfahrung der tatsächlichen Wirkung und ist nicht theoretisch – wie gerne spricht man hier dann vom Psychologisieren bei Sinopoli – zu entwerfen.

Orchesterlieder (mit der bemühten Charlotte Margiono sowie Edo de Waart am Pult) und Klavierlieder (mit der braven Mitsuko Shirai, aber auch in wunderbaren, historischen Aufnahmen mit den erfahrenen Strauss-Interpreten Anton Dermota, Hilde Konetzni, Alfred Poell und Maria Reinig) ergänzen auf drei weiteren CDs die Sammlung.

Trotz einiger Einschränkungen: Diese CD-Box ist – auch mit ihrer spartanischen Ausstattung – die Anschaffung wert, überwiegt doch die Anzahl der mustergültigen Aufnahmen diejenigen der weniger gelungenen bei weitem.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Edition

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
30.12.2011
Medium:
EAN:

CD
5029365924924


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Brilliant classics

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