> > > Werke von Ives, Adams, Britten, Williams: Music for a time of war
Montag, 22. Oktober 2018

Werke von Ives, Adams, Britten, Williams - Music for a time of war

Verschüttete Beziehungen


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Carlos Kalmar bietet mit dem Oregon Symphony Orchestra eine gewissermaßen amerikanisierte Sicht, zumal auf die Werke der hier vertretenen britischen Komponisten. Dennoch entfaltet die Musik einen kraftvollen Sog.

‚Music for a Time of War‘ nannte die Dramaturgie das vorliegende Konzert (der Live-Mitschnitt entstand am 7. und 8. Mai 2011 in der Arlene Schnitzler Concert Hall in Portland/Oregon), obschon im Grunde kein einziges Werk einen intendierten oder offenkundigen Bezug zu dem einen oder anderen Krieg besitzt. Vielmehr handelt es sich um einen Versuch, verschüttete (oder nur unterschwellig vorhandene) Beziehungen aufzuzeigen zwischen Komponisten, die im Grunde disparat zu einander zu sehen sind. Benjamin Britten und Ralph Vaughan Williams, die beiden Briten auf der SACD, haben, obschon sich ihre Schaffenszeit rund zwanzig Jahre überlappt, wenig miteinander zu tun gehabt. Britten sah auf den knapp vierzig Jahre älteren Veteranen des Ersten Weltkriegs eher verächtlich herab und Vaughan Williams, seinen Zeitgenossen gegenüber prinzipiell stets äußerst aufgeschlossen, scheint seinerseits auch nicht den Kontakt gesucht zu haben. Zu unterschiedlich waren die beiden Komponisten von Wesen und Neigung her.

Dieses Programm war speziell geplant, um das Debüt des Oregon Symphony unter seinem musikalischen Direktor Carlos Kalmar in der New Yorker Carnegie Hall zu markieren. So erfolgreich es (und die in vielerlei Hinsicht inakkuraten Begleittexte von Steven Kruger) in den USA gewesen sein mag, so sehr müssen wir uns von dem angeblichen roten Faden distanzieren, um die Qualität der Interpretationen selbst genauer zu betrachten.

Charles Ives’ 'The Unanswered Question', 1906-8 entstanden und 1930-35 revidiert, ist eine der frühesten Kompositionen in der neueren Musikgeschichte, in der Tonalität und Atonalität direkt gegeneinandergesetzt werden. Dieses Konzept ist durchaus Vaughan Williams’ oder Gustav Holsts Konzept von Bitonalität vergleichbar, doch ist Ives’ Komposition insgesamt radikaler, vergleichbar etwa der Musik Andrzej Panufniks rund vierzig Jahre später. Kalmar und sein Orchester bieten das Werk als ein Essay in ‚Serenity‘, in kontrastierenden Klangfarben. Leonard Bernstein war ein eifriger Verfechter des Werkes, und sein New Yorker Live-Mitschnitt vom November 1988 für DG lässt jenen aus Oregon durchaus nicht schlecht aussehen.

John Adams komponierte 'The Wound-Dresser' für Bariton und Orchester 1988 über einen Text Walt Whitmans, der dessen Erinnerungen als Krankenpfleger während des Bürgerkrieges zum Inhalt hat. Seine Komposition entstand ein Jahr nach dem Tod von Adams’ Vater an Alzheimer, den seine Mutter aufopfernd gepflegt hatte; im gleichen Zeitraum sah den Komponisten mehrere seiner Freunde an AIDS sterben. Der humanitäre Geist von Whitmans Gedicht inspirierte Adams zu einer ausgesprochen tonalen, kaum minimalistisch geprägten, im Gegenteil nachgerade eklektischen Komposition mit opulentem Violinsolo und einem Baritonpart, den Sanford Sylvan, auch dreizehn Jahre nach seiner ersten Einspielung (unter Leitung des Komponisten) sensibel mit reicher Stimme erfüllt und selbst über etwa Längen des Werkes hinweghilft.

Anders als das Steven Kruger behauptet, hat Ralph Vaughan Williams’ Vierte Sinfonie in f-Moll keinen direkten Bezug zur Zeit des Dritten Reiches oder einer Vorahnung des Zweiten Weltkrieges. Im Gegenteil wollte Vaughan Williams nach der 'Pastoral Symphony', in die bekanntermaßen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg mit zur Inspiration dienten, ein Werk schaffen, das ganz die turbulente und aufregende Zeit seiner Entstehung spiegeln sollte (ähnlich den ersten Sinfonien von E. J. Moeran und William Walton). Kalmar bietet eine insgesamt ‚amerikanisierte‘ Lesart der Partitur. Die von Vaughan Williams intendierten Schärfen werden geglättet, minimalistische Momente (die es im Grunde in der Partitur nicht gibt) hervorgehoben, der Streicherklang den Bläsern gegenüber ganz à l’américaine hervorgehoben. Immer wieder werden Vaughan Williams’ Tempoangaben nicht ernst genommen. Vom Standpunkt der Partitur her hat Carlos Kalmar das Werk nicht verstanden. Doch so fremd die Sinfonie nun plötzlich klingt, so hat die Aufführung doch eine Überzeugungskraft, der sich der nicht vorbelastete Ersthörer kaum entziehen kann. Um allerdings die Sinfonie wirklich kennen zu lernen, empfehle ich lieber die Einspielungen unter Vaughan Williams selbst (1937; Naxos Historical) oder Vernon Handley (1991; EMI).

Obschon 1940 entstanden, hat auch Benjamin Brittens 'Sinfonia da Requiem' op. 20 keinen Kriegsbezug (allenthalben insofern, als sie durch ihren christlichen Bezug nicht, wie bestellt, als Huldigungsmusik zum 2600-jährigen Bestehen des Kaiserreiches Japan taugte, weswegen sie von der japanischen Regierung abgelehnt wurde). Britten, der sich mit der Kantate 'Ballad of Heroes' op. 14 und dem Orchestergesangszyklus 'Our Hunting Fathers' op. 8 durchaus politisch positioniert hatte, gedenkt mit dem Orchesterwerk, das 1941 in New York unter John Barbirolli seine Uraufführung erlebte, seiner Eltern (seine Mutter war 1938 verstorben; erst nach ihrem Tod begann die langjährige Beziehung Brittens zu dem Tenor Peter Pears); somit ist die Sinfonie, möchte man das so nennen, ein ausgesprochen bekenntnishaftes Werk. Auch hier hebt Kalmar die ‚amerikanischen‘ Elemente der Partitur hervor, verschiebt die Schwerpunkte ähnlich wie in der Vaughan Williams-Sinfonie, doch ohne die Partitur ähnlich extrem umzuinterpretieren – eine interessante, eine spannende Deutung, die bestens zu den beiden amerikanischen Werken passt. Mit der hier gebotenen Vaughan Williams-Interpretation muss ich da qua Vorbelastung leider ärger hadern.

Das Konzert ist in allem orchestralen Reichtum, unter Hervorhebung aller erforderlichen Details und Solopartien, geradezu kongenial auf SACD gebannt (die Nebengeräusche des Live-Erlebnisses sind quasi unhörbar), so dass man sich dem Sog der Musik kaum entziehen kann. Wäre doch nicht das desaströse Booklet, wie ja leider nicht ganz so selten bei Pentatone.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Werke von Ives, Adams, Britten, Williams: Music for a time of war

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
18.11.2011
EAN:

827949039362


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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