> > > Modern Times: Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.
Dienstag, 12. Dezember 2017

Modern Times - Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.

Neue alte Lieder


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sehr solide Lied-CD mit herausragendem Klavierbegleiter und vielen Entdeckungen, besonders den melancholischen Gesängen von Hans Gal und den beißenden Spottliedern von Wilhelm Grosz.

Der Bariton Christian Immler ist dem CD-Hörer bisher vor allem als Bach-Solist vor Ohren getreten, etwa in der h-Moll-Messe unter Marc Minkowski oder der Johannes-Passion unter Philippe Herreweghe. Für seine erste Lied-CD hat er ein komplett anderes Repertoire ausgesucht. ‚Modern Times‘ beschäftigt sich mit deutschen Liedern jüdischer Komponisten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Wie im sorgfältig edierten Programmheft erklärt, will Immler die Stücke nicht nur der Vergessenheit entreißen, sondern auch dem aktuellen Repertoire zugänglich machen. Als einziges Auswahlkriterium der 27 Lieder von sieben verschiedenen Komponisten bezeichnet er deren Qualität.

Christian Immler hat einen klangvollen, männlichen Bariton mit gut verblendeten Registern. Aus einer warmen, souveränen Tiefe entwickelt sich die schlanke Mittellage. Die nicht sehr expansionsfähige Höhe wird unter Druck etwas steif, die reizvolle Voix mixte lässt an einen ‚tiefer gelegten‘ Max Raabe denken, die sinnliche, hier selten zum Einsatz kommende, Kopfstimme flackert ein wenig. Am wohlsten fühlt sich Immlers Stimme bei den melancholischen Kantilenen von Hans Gal. Die Lieder nach Texten von Morgenstern und Übertragungen aus dem Chinesischen von Hans Bethge haben zudem einen erzählenden Charakter, den Immler überaus fesselnd gestaltet.

Die bekanntesten Stücke der CD sind Korngolds kurze Shakespeare-Vertonungen, die Immler mit viel Charme – und im letzten Stück mit etwas Mühe – interpretiert. Überraschen gut gelingt ihm die Drastik von Eislers Balladen, die eigentlich mehr verlangen als einen rein klassischen Sänger. Auch mit Zemlinskys leicht schwülstigem Jugendstil und Berthold Goldschmidts intellektuellen, wenn auch tonalen Klangexperimenten kommt der Sänger gut zurecht. Schrekers das Album eröffnende 'Das feurige Männlein' allerdings gelingt nicht ganz so gut. Immler artikuliert in dem schnellen, musikalisch und dynamisch vertrackten Lied ein wenig verwaschen. Hier muss man den Text mitlesen.

Eine große Entdeckung sind die Lieder des (zumindest mir bisher) unbekannten Wilhelm Grosz aus 'Bänkel und Balladen' op. 31. Es sind Vertonungen von brillant satirischen Texten der ebenso unbekannten Carola Sokol, die ihre Aktualität über 80 Jahre bis ins Jetzt bewahrt haben. Immler nähert sich diesen Stücken mit sanfter, nie weichlicher Ironie, frappiert und amüsiert gleichzeitig. Diese vier Lieder sind eine echte Trouvaille für jeden Freund des Kunstlieds. Absolut fantastisch ist das Klavierspiel des Altmeisters Helmut Deutsch, das über bloße Begleitung weit hinausreicht. Mehr noch als in der gesanglichen Interpretation scheint in der Klavierstimme die künstlerische und ästhetische Vielfalt und Innovationskraft im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts prägnant und faszinierend auf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Modern Times: Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
14.10.2011
65:45
2011
EAN:
BestellNr.:

4260085532292
8553229


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Tiefendimensionen: Mit einer dritten CD beschließt die Geigerin Antje Weithaas ihr Großprojekt einer kombinierten Einspielung der Violin-Solowerke von Johann Sebastian Bach und Eugène Ysaÿe. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Fantastische Vier: Das Boulanger Trio hat sich für sein neustes Album Verstärkung geholt: Zusammen mit Bariton André Schuen schaffen sie hervorragende Interpretationen verschiedener Beethoven-Lieder. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Haydnscher Mahler: Die Düsseldorfer Symphoniker und Ádám Fischer präsentieren auf ihrer zweiten Mahler-CD eine sachlich bestens ausgearbeitete Interpretation ohne jedoch die emotionalen Konflikte der Sinfonie zu vertiefen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Andreas Falentin:

  • Zur Kritik... Archaisch wild: Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Wortmächtig: Honeggers 'Roi David' ist eine interessante Rarität, bei deren Wiedergabe die gesprochene Sprache die gesungene dominiert. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Eigenständig: Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart bieten so außergewöhnliche wie eigenwillige experimentelle Vokalmusik – und noch dazu grandios gesungen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
blättern

Alle Kritiken von Andreas Falentin...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Jede Menge Bearbeitungen - und ein Original: Ilya Gringolts und Peter Laul überzeugen mit einer Wiedergabe von Igor Strawinskys Werken für Violine und Klavier. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... De Rore im Porträt: Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Maurice Ravel: Daphnis et Chloè: Première Partie - Danse légère et gracieuse de Daphnis

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich