> > > Modern Times: Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.
Freitag, 24. Februar 2017

Modern Times - Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.

Neue alte Lieder


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sehr solide Lied-CD mit herausragendem Klavierbegleiter und vielen Entdeckungen, besonders den melancholischen Gesängen von Hans Gal und den beißenden Spottliedern von Wilhelm Grosz.

Der Bariton Christian Immler ist dem CD-Hörer bisher vor allem als Bach-Solist vor Ohren getreten, etwa in der h-Moll-Messe unter Marc Minkowski oder der Johannes-Passion unter Philippe Herreweghe. Für seine erste Lied-CD hat er ein komplett anderes Repertoire ausgesucht. ‚Modern Times‘ beschäftigt sich mit deutschen Liedern jüdischer Komponisten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Wie im sorgfältig edierten Programmheft erklärt, will Immler die Stücke nicht nur der Vergessenheit entreißen, sondern auch dem aktuellen Repertoire zugänglich machen. Als einziges Auswahlkriterium der 27 Lieder von sieben verschiedenen Komponisten bezeichnet er deren Qualität.

Christian Immler hat einen klangvollen, männlichen Bariton mit gut verblendeten Registern. Aus einer warmen, souveränen Tiefe entwickelt sich die schlanke Mittellage. Die nicht sehr expansionsfähige Höhe wird unter Druck etwas steif, die reizvolle Voix mixte lässt an einen ‚tiefer gelegten‘ Max Raabe denken, die sinnliche, hier selten zum Einsatz kommende, Kopfstimme flackert ein wenig. Am wohlsten fühlt sich Immlers Stimme bei den melancholischen Kantilenen von Hans Gal. Die Lieder nach Texten von Morgenstern und Übertragungen aus dem Chinesischen von Hans Bethge haben zudem einen erzählenden Charakter, den Immler überaus fesselnd gestaltet.

Die bekanntesten Stücke der CD sind Korngolds kurze Shakespeare-Vertonungen, die Immler mit viel Charme – und im letzten Stück mit etwas Mühe – interpretiert. Überraschen gut gelingt ihm die Drastik von Eislers Balladen, die eigentlich mehr verlangen als einen rein klassischen Sänger. Auch mit Zemlinskys leicht schwülstigem Jugendstil und Berthold Goldschmidts intellektuellen, wenn auch tonalen Klangexperimenten kommt der Sänger gut zurecht. Schrekers das Album eröffnende 'Das feurige Männlein' allerdings gelingt nicht ganz so gut. Immler artikuliert in dem schnellen, musikalisch und dynamisch vertrackten Lied ein wenig verwaschen. Hier muss man den Text mitlesen.

Eine große Entdeckung sind die Lieder des (zumindest mir bisher) unbekannten Wilhelm Grosz aus 'Bänkel und Balladen' op. 31. Es sind Vertonungen von brillant satirischen Texten der ebenso unbekannten Carola Sokol, die ihre Aktualität über 80 Jahre bis ins Jetzt bewahrt haben. Immler nähert sich diesen Stücken mit sanfter, nie weichlicher Ironie, frappiert und amüsiert gleichzeitig. Diese vier Lieder sind eine echte Trouvaille für jeden Freund des Kunstlieds. Absolut fantastisch ist das Klavierspiel des Altmeisters Helmut Deutsch, das über bloße Begleitung weit hinausreicht. Mehr noch als in der gesanglichen Interpretation scheint in der Klavierstimme die künstlerische und ästhetische Vielfalt und Innovationskraft im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts prägnant und faszinierend auf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Modern Times: Lieder von Schreker, Gal, Goldschmidt u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
14.10.2011
65:45
2011
EAN:
BestellNr.:

4260085532292
8553229


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Jenseits des Schönschliffs: Die Düsseldorfer Symphoniker gehen einen neuen Mahler-Zyklus an: Neugierig macht nicht nur der aktuelle Qualitätsstand des Orchesters, sondern auch, inwieweit das Mahler-Bild Adam Fischers sich von den Budapester Einspielungen seines Bruders Ivan unterscheidet. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Festival-Impressionen: Elektrisierende Live-Mitschnitte des Festivals Spannungen mit Streichquartetten von Giuseppe Verdi und Antonín Dvořák. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Von tiefer Traurigkeit: Dina Ugorskaja hat sehr viel Konzentration, Liebe und Zeit in ihre Gesamtaufnahme des 'Wohltemperierten Klaviers' investiert. Der Schuber ist wahrlich ein Testament ihres keineswegs alten, sondern fast zeitlos ganz subjektiven Klavierspiels geworden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Andreas Falentin:

  • Zur Kritik... Archaisch wild: Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Wortmächtig: Honeggers 'Roi David' ist eine interessante Rarität, bei deren Wiedergabe die gesprochene Sprache die gesungene dominiert. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Eigenständig: Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart bieten so außergewöhnliche wie eigenwillige experimentelle Vokalmusik – und noch dazu grandios gesungen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
blättern

Alle Kritiken von Andreas Falentin...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Verzerrte Unschuld: Dramatisch und explosiv gibt sich eine nochmals bei Arthaus heraus gebrachte DVD mit der vom Schweden Mats Ek 1982 choreographierten Version von Adolphe Adams Ballett 'Giselle'. Weiter...
    (Prof. Kurt Witterstätter, )
  • Zur Kritik... Lohnend: Johann Kuhnau zu rechtfertigen, ist diskografisch noch deutlich geboten, vielleicht noch mehr als bei manchen seiner Vorgänger oder Altersgenossen. Eine sehr schöne Platte in einer hoch verdienstvollen Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mitreißend und voller Überraschungen: Mit dieser Aufnahme ermöglicht das Ensemble Musica Alta Ripa dem Zuhörer eine Reise in die englische Instrumentalmusik des Frühbarocks. Die lebendige Vortragsweise und die ausdrucksstarke Interpretation sorgen für ein beeindruckendes Hörerlebnis. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

SWR: Abo 6  (Live-Stream)

Anzeige

Neue Stimmen

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2016) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich