> > > Schostakowitsch, Dimitri: Symphonie Nr. 4
Samstag, 21. Juli 2018

Schostakowitsch, Dimitri - Symphonie Nr. 4

Glühend heiße Lava


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Daniel Raiskins Einspielung der Vierten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch gehört zu den packendsten klanglichen Darstellungen dieses Werks.

Zwei Elemente zu kombinieren kann dazu führen, dass sie sich gegenseitig weitgehend neutralisieren. Die andere Möglichkeit wäre, dass aus beiden Teilen etwas Eigenes und Neues wird. Diese beiden Optionen bestehen auch, wenn man zwei Ensembles zusammenführt. Nur selten addieren sich die künstlerischen Potentiale oder potenzieren sich gar. Im Falle der Zusammenarbeit des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie und des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz ist das aber eingetreten: Sie fanden, befeuert vom Elan Daniel Raiskins, nicht nur zu einer Einheit zusammen. Sie wuchsen bei zwei Konzerten, die März 2009 in Mainz stattfanden, gleichsam über sich hinaus.

Um die riesige Orchesterbesetzung von Dmitrij Schostakowitschs Vierter Sinfonie c-Moll op. 43 einlösen zu können, führte Raiskin die beiden Klangkörper zusammen – mit größtem Erfolg. Vielleicht ist gerade der Umstand, dass der so entstandene ‚Projekt-Klangkörper‘ in dieser Besetzung Schostakowitschs Vierte Sinfonie noch nie aufgeführt hat, entscheidend dafür gewesen, dass alle musikalischen Kräfte sich dem gemeinsamen Ziel mit Haut und Haaren verschrieben haben. In der Tat ist dieser Mitschnitt an schierer Energie und bezwingender Ausdruckskraft schwer zu überbieten. Der Dirigent Daniel Raiskin hat es offensichtlich geschafft, alle Kräfte zu bündeln, um sie in musikalische Expressivität zu überführen.

Das ist umso erstaunlicher, als man mit Schostakowitschs Vierter Sinfonie ein ungemein schwieriges Werk aufgeführt hat. Es stellt nicht nur höchste Ansprüche an jede einzelne Orchestergruppe, sondern fordert vom Dirigenten viel dramaturgisches Geschick ein. Die mehr als einstündige Sinfonie in drei Sätzen, entstanden zwischen 1934 und 1936, aber erst 1961 uraufgeführt, nachdem Schostakowitsch gedrängt wurde, auf die Parteilinie künstlerischer Produktion einzuschwenken, ist in jeder Hinsicht monumental: die Orchesterbesetzung, die zeitlichen Ausmaße, die Breite verschiedener Tonfälle der Musik. Dass die beiden gewaltigen Außensätze nicht in ihre Einzelteile zerfallen, ist nur schwer einzulösen. Daniel Raiskin aber ist es gelungen. Nicht nur, indem er dem halbstündigen Satz einen planvoll gestalteten Steigerungsverlauf – mit Höhepunkt nach der aktionistischen, irre schnellen Fuge – einschrieb, sondern auch dadurch, dass er die Musiker dazu motivierte, jeden einzelnen Moment mit berstender Energie aufzuladen.

So werden die kantigen, mitunter schrillen und schneidend scharfen Klänge des Kopfsatzes, der im Booklet als ‚feuriger Fluss, wie siedend heiße Lava aus einem Vulkankrater‘ beschrieben wird, wirklich zu musikalischen Feuerströmen, die einem beinahe die Kehle zuschnüren. Jede Orchestergruppe erfüllt die Musik mit einer Vehemenz, als ginge es ihm ihr Leben. Von punktgenau zustechenden Holzbläsern über schneidend scharfes Blech und fest zupackenden Streichern bis zu wuchtig gespieltem Schlagwerk – das Orchesterspiel ist allen Gruppen von ungestümer Ausdruckskraft. Besonders eindrucksvoll ist die Präsenz der Bässe und des Schlagwerks.

An manchen Stellen haben andere Orchester (vor allem bei Studioaufnahmen) diese Musik vielleicht noch präziser gespielt – etwa in der Kopfsatz-Fuge –, doch ist die musikalische Umsetzung nicht nur gemessen daran, dass es sich um Mitschnitte handelt, von erlesener Qualität. Mehr noch als die (an sich schon beachtliche) technische Leistung begeistert bei dieser Schostakowitsch-Einspielung aus dem Hause CAvi-Music die ergreifende Energie des Musizierens. Daniel Raiskin ist mit dieser CD eine der packendsten Aufnahmen von Schostakowitschs Vierter Sinfonie gelungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schostakowitsch, Dimitri: Symphonie Nr. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
16.09.2011
EAN:

4260085532353


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Düstere Töne: Julian Steckel hat drei beeindruckende Cellokonzerte aus dem 20. Jahrhunderts vorgelegt. Weiter...
    (Tobias Roth, 02.08.2011)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Guastavino Rachmaninoff: Martin Klett entdeckt Parallelen zwischen Rachmaninow und Guastavino. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... In klassischem Gewand: Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Adam Fischer gelingt den Düsseldorfer Symphonikern eine weitere bemerkenswerte Darbietung einer Mahler-Sinfonie, die von großer Ausdruckssicherheit geprägt ist. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Statisch aufgeladen: Cathy Krier untermauert ihre Kompetenz in Sachen pianistische Moderne. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!: Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Orpheus auf dem Cembalo: Henry Purcell war auch als Meister des Cembalos eine Hausnummer. In eigensinnigen Spezialitäten wie den Hornpipes manifestieren sich musikantische Unternehmungslust und ein beweglicher Geist vielleicht am schönsten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangpracht aus dem Dom von Perugia: Adriano Falcioni entfaltet die klangliche Vielfalt der Orgel des Doms von Perugia mit drei Kompositionen von Max Reger, darunter die bekannte 'Fantasie und Fuge über B-A-C-H'. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen – jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich