> > > Frottole - Songs from the Courts of Renaissance Italy: Werke von Obrecht, Bossinensis, Brocco u.a.
Mittwoch, 14. November 2018

Frottole - Songs from the Courts of Renaissance Italy - Werke von Obrecht, Bossinensis, Brocco u.a.

Sehr alte, sehr neue Gefühlslagen


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


as Modena Consort hat mit der Sopranistin eine Auswahl von Frottole des frühen 16. Jahrhunderts vorgelegt, die nicht nur durch ihre Leichtigkeit besticht.

Wenn man bei der Lektüre der Texte, die von den Komponisten des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts vertont worden sind, voller Überschwang bemerkt, dass sich dort eine Gefühlskultur anbahnt, die der unseren, heutigen so sehr viel näher ist als die mittelalterliche, dann ist man nicht nur dankbar für die hohe Qualität der Hofkultur, die die italienische Renaissance prägt. An den großen Höfen von Mantua und Ferrara, in den großen Republiken von Venedig und (zeitweise) Florenz wurden mit einer Treffsicherheit und Intensität Künstler aller Gattungen versammelt, die heute nicht anders als frappierend erscheint. Und sie wurden nicht nur versammelt, sie reagierten auch aufeinander. Unter diesen Künstlern darf man die Drucker nicht vergessen, die nicht zuletzt dafür gesorgt haben, dass soviel Schrifttum dieser Zeit auf uns gekommen ist – und Musik. Den verlegerischen und venezianischen Unternehmergeist und Qualitätsanspruch, den Manutius für die Literatur versinnbildlicht, stellen vor allem Ottaviano Petrucci und Andrea Antico da Montona für die Musik dar. Ihre umfangreichen und teils in rascher Folge erscheinenden Sammelbände mit Canti, Motetten und Messen, später auch Madrigalen, speisen eine neue Einspielung des Modena Consort. Die CD konzentriert sich ganz auf die Gattung der Frottole, Lieder für eine Stimme mit instrumentaler Begleitung.

Nicht nur ist diese Gattung naturgemäß eingängig und unmittelbar, auch stimmt sie wunderbar zu den musikalischen Möglichkeiten des Modena Consort. Das Ensemble aus vier Traversflötisten und einem Lautenisten wird von der Sopranistin Ulrike Hofbauer verstärkt, die den beweglichen und lichten Ensembleton auch ins Stimmliche trägt. Die Einspielung vermischt so die Gelehrsamkeit der Stückeauswahl mit einer gelungenen Transparenz des Klangs sowie der Intimität und Agilität eines kleinen Ensembles.

Dolce ire, dolce sdegni

Besonders ersteres, die Stückeauswahl, dürfte nicht leicht gewesen sein in Anbetracht der großen Menge an relativ unbekannten Frottole, die in Venedig und Rom gedruckt wurden. Versammelt sind nun einundzwanzig Werke von Komponisten wie Bartolomeo Tromboncino, Marchetto Cara, Loyset Compère, Johannes Hesdimois oder Franciscus Bossinensis. Dazwischen finden sich auch anonyme Werke und eines von Josquin des Préz. Die Vokalstücke werden immer wieder von instrumentalen Werken aufgelockert, in denen der farbreiche und mit hoher Sicherheit abgestimmte Ton der vier Traversflötisten voll zur Geltung kommen kann.

Ulrike Hofbauers feine und niemals pathetische Stimme ist aber unbestrittener Hauptakteur, da sie schließlich auch das lyrische Ich dieser hauptsächlich klagenden Liebeslieder in der Tradition des dolce stile und Petrarcas darstellt. Hofbauer versteht es, die kleinen Dramen, Situationen und Wortspielereien der Lieder gefühlvoll, aber nie gefühlig darzubieten. Das Ensemble und die Sängerin verfangen sich nie in einer falschen Romantisierung dieser Musik, die zwar höfisch, berechnet und rhetorisch ist, aber darin, wie so vieles aus dieser Zeit um 1500, dermaßen gut, dass man es leicht vergessen könnte. Es entsteht so eine leichte, schwingende Musik, die doch stets die Komplexität auf ihrer Seite hat, eine Musik, der man die Sprezzatura nicht absprechen kann – eine CD, die genau unter der Eindunklung nicht leidet, unter der so viele Ölgemälde dieser Zeit leiden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Frottole - Songs from the Courts of Renaissance Italy: Werke von Obrecht, Bossinensis, Brocco u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
01.07.2011
EAN:

7619990102460


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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