> > > Great Singers live - Margaret Price: Werke von Mozart, Rossini, Verdi u.a.
Mittwoch, 17. Oktober 2018

Great Singers live - Margaret Price - Werke von Mozart, Rossini, Verdi u.a.

Posthumes Recital


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das hauseigene Label des Bayerischen Rundfunks legt mit einem

Jahrelang war es still geworden um die walisische Sängerin Margaret Price, die am 28. Januar dieses Jahres noch nicht siebzigjährig starb. Wenige Aufnahmen hat sie auf CD und DVD hinterlassen, und doch hat sie durch ihr Können schon zu Lebzeiten den Status einer Legende erlangt. Nachdem sie ihre Karriere bei den Ambrosian Singers begonnen hatte, debütierte sie 1962 an der Welsh National Opera in 'Le nozze di Figaro'. Schon bald ging es steil nach oben, unter anderem als sie ein Jahr später für die erkrankte Teresa Berganza an Covent Garden in der Rolle des Cherubino einsprang. Georg Solti hatte zunächst Bedenken gegen die Sängerin gehabt, die Otto Klemperer als Fiordiligi und Barbarina für seine EMI-Aufnahmen verpflichtete. An der Kölner Oper gehörte sie zu dem berühmten Mozart-Ensemble der Ära Jean-Pierre Ponnelles. Später wurde auch Solti auf die Qualitäten der Sopranistin aufmerksam und spielte mit ihr 'Don Giovanni', Otello', 'Un ballo in maschera' ein. Colin Davis holte sie als Pamina, Riccardo Muti als Contessa Almaviva, Roberto Abbado als Liù, Kent Nagano als Ariadne (in der Erstfassung) und Carlos Kleiber als Isolde, letztere zwei Rollen, die sie nie auf der Bühne sang (anderslautenden Berichten entgegen sang sie nie die Feldmarschallin auf der Bühne). Aus San Francisco gibt es eine 'Aida' mit ihr und Luciano Pavarotti. Außerdem die Requiem-Kompositionen von Mozart, Brahms und Verdi, Beethovens 'Missa solemnis' (unter Böhm) und die Neunte Sinfonie (unter Sawallisch, Kubelik und Mehta), Bruckner (unter Celibidache), Mahlers Vierte (unter Horenstein) und Achte Sinfonie (unter Bernstein), Schumanns 'Das Paradies und die Peri' (unter Giulini), Vaughan Williams’ 'Pastoral Symphony' (unter Boult) und 'Riders to the Sea' (unter Meredith Davies), Elgars 'The Kingdom' (unter Boult); ihre Konstanze ('Die Entführung aus dem Serail') wurde leider nur als Querschnitt aufgenommen. Und immer wieder Lieder, viele Lieder. Prices Legato war legendär, ihre Phrasenbildung vorbildlich, auch wenn ihr Deutsch oft nicht ganz idiomatisch war und der Text des unterstützenden Abdrucks in Programm oder CD-Booklet bedurfte. Aber was für eine Linienführung, was für ein Piano!

Merkwürdigerweise entstand zu Lebzeiten Prices keine Recital-CD – die Sängerin war wohl zu ‚sincere‘, um sich auf eine ‚Schlachtplatte‘ einzulassen. Nur eine Mozart-LP legte sie vor, auf der sie jene Arien einspielte, von denen sie noch nicht absehen konnte, ob je auch eine Gesamtaufnahme zustande käme. Hier finden wir auch 'Parto, parto' aus 'La clemenza di Tito', unter ihrem Förderer und Unterstützer James Lockhart, der tatkräftig ihre Karriere formte und sie zu Höchstleistungen animierte. Der Sesto war die einzige Rolle, die sie aus ihrer Anfangszeit als Mezzosopran mindestens bis in die 1970er-Jahre hinein noch pflegte.

Womit wir bei der vorliegenden CD wären. Es handelt sich um Ausschnitte aus den so genannten Sonntagskonzerten des Münchner Rundfunkorchesters, genauer gesagt aus vieren, unter der Leitung von Heinz Wallberg (1977 und 1981), Thomas Fulton (1986), Leopold Hager (1991). Ein knappes Drittel der Beiträge ist, ebenfalls nicht überraschend, Mozart-Opern entnommen. Als Mozart-Sängerin wurde Price geradezu legendär, legendärer noch als Verdi-Sängerin (auch weil mehr Mozart-Opern mit ihr eingespielt wurden), und schon das eröffnende 'Or sai chi l’onore' ist voller Frische und Kraft, der Solti-Gesamtaufnahme von 1978 kaum nachstehend. Nicht überraschend ist ihre Stimme 1977 am frischesten. Eine Stimme, die in Momenten jenen der jungen Gundula Janowitz ähnelt, doch mit noch mehr Wärme. Durch den Live-Charakter bedingt gibt es Kleinigkeiten, die anzukreiden wären, etwa die nicht immer ganz sitzende Höhe in der Arie des Sesto, doch spürt man die Bühnenerfahrung, mit der sie die Rolle durchdringt. Ihre Fiordiligi ist eine besondere Preziose; ohne Klemperers zurückhaltende Tempi erleben wir sie ungehemmt, wenn auch in den Koloraturen nicht ganz sicher. Vierzehn Jahre später, unter dem ausgewiesen Mozartianer Leopold Hager, ist Prices Stimme nicht mehr ganz so frisch wie früher, auch nicht immer ganz exakt auf dem Ton, wackelt gelegentlich ein wenig, doch füllt sie die Rolle der Contessa Almaviva mit umso mehr Grandeur.

Aus demselben Konzert stammt eine weitere echte Rarität: 'Casta Diva' aus Bellinis 'Norma'. Es ist eine Schande, dass sie (statt etwa der musikalisch deutlich weniger differenzierten Montserrat Caballé) diese Rolle, die sie konzertant zumindest vollständig ausprobierte, nie in ihrer Gesamtheit aufgenommen hat. Ein absolut rarer Ausflug ins Rossini-Fach ist die hier vorgelegte Arie der Semiramide 'Bel raggio lusinghier'. Hier zeigt Price, dass sie auch im kolorierten Fach beste Figur machen konnte, auch wenn ihre Wiedergabe manchem rhetorisch überfrachtet erscheinen mag. Der Bayerische Rundfunk besitzt einen Mitschnitt ihrer Adriana Lecouvreur in der gleichnamigen Oper Francesco Cileas aus der Bayerischen Staatsoper unter Giuseppe Patané, Prices musikalischer Heimat nach ihrem Wechsel von Köln. Ich erinnere mich gut, den Mitschnitt im Radio gehört zu haben. Seither hoffe ich, dass zum Beispiel Orfeo sich erbarmt und den Mitschnitt auf CD vorlegt (u.a. mit Neil Shicoff). Mit dieser Rolle hat sich Price 1999 von ihrem Münchner Publikum verabschiedet, um sich in Wales der Hundezucht zu widmen; dieser kleine Ausschnitt der Arie 'Poveri fiori' von 1986 ist da zumindest ein Anfang.

Wie ein echter Fremdkörper, weil als einziges auf Deutsch gesungenes Stück auf dieser CD, nimmt sich Agathes Cavatine aus dem letzten Akt des 'Freischütz' aus. Price ist 1977 für das Stück zwar stimmlich bestens aufgelegt (sie sang die Partie 1973 unter Sawallisch im italienischen Rundfunk neben Helen Donath, James King und Karl Ridderbusch), doch sollte sich der Hörer eine kurze Zwangspause verordnen, ehe er diesen ‚Fachwechsel‘ vollzieht.

Der gewichtigste Teil der CD ist Verdi gewidmet. Als 2004 ihre Aida auf DVD erschien, wurde endlich eine schmerzliche Lücke in Prices Diskografie geschlossen, die hier 1981 dargebotene Arie 'Ritorna vincitor' eröffnet den Reigen der hier versammelten exzeptionellen Verdi-Interpretationen. Ebenfalls von 1981 stammt 'Mi parea – Piangea cantando nell’erma landa' aus 'Otello'. Die Desdemona war wahrscheinlich Prices erfolgreichste Rolle, mit ihr debütierte sie 1985 neben Domingo an der Metropolitan Opera, Live-Mitschnitte (neben der Studio-Produktion unter Solti) gibt es mittlerweile u.a. unter Carlos Kleiber und Nello Santi. So wurde auch 1991 noch einmal eine Desdemona-Szene auf das Programm der Sonntagskonzerte gesetzt, diesmal das Ave Maria. Hintereinander gehört wird man unmittelbar versetzt in Verdis spätes Meisterwerk und erlebt ein nahezu vollständiges Porträt der unglücklichen Venezianerin. 'La forza del destino' fehlte bislang in Prices Verdi-Diskografie. Ihr 'Pace, pace mio Dio' von 1986, nachgerade liedhaft begonnen und stetig gesteigert, lässt es kaum denkbar erscheinen, dass die Oper in den 1920er-Jahren noch eine absolute Rarität auf den Spielplänen der Welt war. Da macht auch der eine verpatzte Spitzenton nichts.

Als besonderen Höhepunkt kann man vollkommen zu Recht mit dem Bookletautor Thomas Voigt die die CD abschließende große Szene der Elisabetta aus Verdis 'Don Carlo' bezeichnen. Unter Claudio Abbado gibt es einen Live-Mitschnitt der gesamten Oper aus der Mailänder Scala, in vergleichbar deutlich inferiorem Klang. Hier haben wir eine der ganz großen Verdi-Sängerinnen der jüngeren Zeit, die nicht umsonst zur Bayerischen Kammersängerin ernannt und in den Adelsstand erhoben wurde.

Das Münchner Rundfunkorchester ist nicht das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – auch interpretatorisch nicht, und den einen oder anderen Patzer oder die eine oder andere Unsauberkeit muss man schon hinnehmen, doch müssen wir uns immer wieder bewusst machen, dass es sich um Live-Mitschnitte handelt (die Aufnahmetechnik lässt einen dies nämlich vergessen), und etwas Milde walten lassen. Thomas Voigts Ausführungen sind mehr als erhellend und zeugen von der großen Zuneigung, die die Sängerin allerorten hervorrief. Vielleicht dürfen wir uns außer diesem viel zu späten Recital noch auf mehr freuen: den einen oder anderen Schatz aus dem einen oder anderen Archiv.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Great Singers live - Margaret Price: Werke von Mozart, Rossini, Verdi u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
1
16.05.2011
EAN:

4035719003055


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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