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Montag, 22. Oktober 2018

Saint-Saens, Camille - Music for the Prix de Rome

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Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Glossa legt mit Saint-Saens' Werken, die er für den Prix du Rome eingereicht hat, eine interessante Einspielung vor, die weitere Lücken im Repertoire schließt.

Noch vor zwanzig Jahren wurde ‚musikalischer Akademismus‘ allerhöchstens belächelt als eher notwendiges Übel denn als tatsächliches Indiz für kompositorisches Können. Die langjährige Zugehörigkeit zu einem Konservatorium wie auch seinerzeit renommierte Kompositionspreise wurden eher belächelt denn seriös untersucht. Mit fortschreitender Kenntnis der Musikgeschichte der vergangenen Jahrhunderte hat sich dies verändert: Zwar fehlen zumeist noch Studien zu etwa dem Mendelssohn-Stipendium, das in England verliehen wurde, oder auch dem Pariser Prix de Rome, doch immerhin wird langsam die Musik dieser Traditionen wiederentdeckt.

Traditionell wurde die Einreichung von Kantaten oder kantatenähnlichen Kompositionen sowie einem Chorsatz gefordert. Wichtig waren Erfindungsreichtum und die Präsentation der eigenen kompositorischen Fähigkeiten; diese sollten naturgemäß nicht in Widerspruch zu den ästhetischen Grundprinzipien des Konservatoriums stehen und dem Ziel – der Förderung der Tradition der ernsten französischen Oper – entsprach. Gerade die Schwierigkeit, musikalisch Neues zu schaffen und sich dennoch den akademischen Regeln zu beugen, ließ insbesondere die heute bekannten Komponisten häufig nicht zu den Gewinnern zählen.

Camille Saint-Saëns bewarb sich 1852 und 1864 um den Prix de Rome, ein begehrtes Stipendium der Pariser Akademie der Schönen Künste, das einen Studienaufenthalt in Rom ermöglichte, doch gewann er diesen Preis nie (1881 wurde Saint-Saëns selbst Mitglied der Akademie). In der Pariser Nationalbibliothek hat sich aber die eingereichte Musik erhalten, und Hervé Niquet, bekannt aus der Alte Musik-Szene, hat sich um die Wiederbelebung dieser Kompositionen bemüht. 1852 hießen Saint-Saëns’ Textvorlagen 'Le Retour de Virginie' bzw. 'Chœur de Sylphes'. 'Le Retour de Virginie' ist von der musikalischen Sprache her noch der Musik der Generation Adams oder Gounods zu vergleichen, selbst spätklassizistische Elemente und Elemente des Belcanto sind noch zu vernehmen. Ein Kritikpunkt der Juroren mag an mancher Stelle die relativ freie Textunterlegung unter die Musik gewesen sein – und gerade die sinnvolle Textvertonung war ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Die Mezzosopranistin Marina De Liso und der Tenor Bernard Richter sind passionierte Advokaten für die Kantate, auch wenn insbesondere De Liso wegen immer wieder etwas unsicheren Koloraturen und etwas unkontrolliert scharfem Ton früher höchstens der zweiten Reihe der französischen Gesangskunst zugeordnet worden wäre. Richters Stimme könnte sich unter vorsichtigem Einsatz und mit behutsamem Ausbau zu einer der führenden lyrischen Tenorstimmen im Bereich der französischen und italienischen Oper der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln – so ihr denn genügend Zeit und ein bedachter Einsatz vergönnt sein wird. Es wäre zu schade, wenn sie in zu schwerem Fach verschlissen würde. Natürlich würde dies auch bedeuten, dass sie eine Nische bedienen würde, für die möglicherweise zu wenige Angebote kämen. Der Bassbariton Nicolas Courjal ergänzt das Solistenensemble bestens – er passt zu der großen französisch-belgischen Baritontradition Ernest Blanc–Robert Massard–Michel Trempont–Jean-Philippe Lafont–François Le Roux etc. und könnte diese in die nächste Generation führen.

Der 'Chœur de Sylphes' hängt stärker Mendelssohns 'Sommernachtstraum' nach, wenngleich mit einem offenkundig gallischen Unterton. Hier ist Saint-Saëns’ Textbehandlung exemplarischer als in der umfassenderen Kantate. Die Solistinnen Solenn’ Lavanant Linke und Julie Fuchs leiden unter ähnlichen vokalen Schwierigkeiten wie Marina De Liso. Es ist interessant zu sehen, dass sich die Situation, dass nur wenige französische Sängerinnen ihrer nativen Musik voll gewachsen sind, durch die Aufführungsgeschichte der vergangenen fünfzig Jahre zieht und es immer wieder nur die Ausnahmen waren, die die Regel bestätigen (unter  ihnen Suzanne Danco, Janine Micheau, Géori Boué, Mado Robin, Renée Doria, Denise Duval, Régine Crespin, Rachel Yakar, Françoise Pollet, Véronique Gens).

1864 hatte sich Saint-Saëns’ Stil gewandelt; in der kurzen Ode für Chor greift er auf die Kirchenmusik vergangener Generationen zurück und verbindet diesen Stil mit der großen Geste der italienischen Oper und einem Hauch Schumann. Saint-Saëns ist nunmehr bereits ein bekannter, anerkannter Komponist von noch nicht neunundzwanzig Jahren, und er wird diese Art für Chor zu komponieren in den folgenden Jahrzehnten, etwa mit dem Oratorium 'Le déluge' op. 45 und dem Requiem op. 54 fortführen.

Wahrscheinlich die zentrale Komposition der gesamten Doppel-CD ist die Kantate 'Ivanhoé', die Walter Scotts in jener Zeit äußerst beliebtes Sujet aufgreift. Saint-Saëns ist mittlerweile ein Meister seiner Kunst, der sich mittlerweile auch an mehreren ‚Scènes lyriques‘ versucht hat, zu so unterschiedlichen Themen wie Macbeth, Antonius und Cleopatra oder 'La toilette de la marquise de Présalé'; auch die Arbeit an 'Samson et Dalila' hat er bereits aufgenommen.

Marina De Liso scheint sich mit ihrem dramatischen Mezzosopran, der in allen Lagen bestens anspringt und eine strahlende Höhe zeigt, hier wohl zu fühlen, doch verlässt sie sich zu sehr auf ihr Vibrato als Ausdrucksmittel. Ansonsten verharrt sie zu stark in im Grunde überholten Ausdrucksgesten und füllt ihre Figur nur gelegentlich mit echtem Leben. Pierre-Yves Pruvot versucht die Traditionslinie Gabriel Bacquier–José van Dam weiterzuführen, klingt gelegentlich gar fast wie eine van Dam-Kopie – doch ohne dessen darstellerische und musikalische Fantasie. Auch er verliert sich gelegentlich in musikalischen Manieriertheiten. Bernard Richter, der hier mehr aus sich herausgeht als in der früheren Kantate, ähnelt stimmlich hier dem jungen Michel Sénéchal oder dem jungen Rémy Corazza, mit einem durchaus vorhandenen lyrisch-dramatischen Kern, der den Sänger aber nicht übermütig werden lassen sollte. Bei guter Pflege könnte er ein Stilist par excellence à la Léopold Simoneau, aber mit stärkerem dramatischen Potenzial werden – eine Stimme, auf die wir schon lange warten.

Quasi als Bonus-Tracks werden auf der zweiten CD zwei von Saint-Saëns’ zahlreichen frühen geistlichen Kompositionen geboten: zwei Sätze aus der Messe op. 4 sowie die 'Motets au Saint Sacrement', beides Werke, die noch vor Saint-Saëns’ bekanntem Weihnachtsoratorium entstanden und dieses Werk in ganz anderem Licht erscheinen lassen. Mit dem Credo und dem Agnus Dei aus der Messe betreten wir nach den weltlichen Kantaten eine gänzlich andere Welt, eine aus der Renaissance-Polyphonie inspirierte Welt, in der der Chor ohne Orchester, nur mit der Orgel begleitet (François Saint-Yves), sein hohes Niveau zeigen kann. Mit dem Agnus Dei wird eine wichtige Verbindung zu Gabriel Faurés Requiem aufgebaut. Es ist spannend zu erleben, wie Saint-Saëns sich als wichtige Zwischenstation zwischen Gounod einerseits und Fauré andererseits erweist. Die acht Motetten sind von ganz unterschiedlicher Faktur und zeigen Saint-Saëns’ tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben.

Warum diese beiden Werke eingespielt wurden und nicht die im Booklet umfassend erwähnte 'Ode à Saint Cécile' von 1852 oder weitere bislang unbekannte frühe Vokalmusik Saint-Saëns’ mit Orchester, bleibt unklar. So müssen wir auf weitere Veröffentlichungen hoffen. Doch da in den vergangenen Jahrzehnten, zwar eher unbemerkt, aber doch stetig, Vokalwerke von Saint-Saëns auf dem CD-Markt vorgelegt wurden, besteht eine entsprechende berechtigte Hoffnung.

Dass sich der flämische Rundfunkchor und die Brüsseler Philharmoniker für dieses eher abseitige Repertoire einsetzen, überrascht, doch sollte unter der mehr als kompetenten Leitung Hervé Niquets einen eigentlich gar nichts überraschen, vor allem nicht, dass hier (von winzigen vokalen Einschränkungen abgesehen) makellose, inspirierte Einspielungen von fraglos als Randrepertoire zu bezeichnenden Werken vorgelegt werden. Es gibt eben tatsächlich kaum gute oder schlechte Musik, sondern vor allem Musik, die, bei vollem musikalischem Einsatz, über alle eventuell vorhandenen Schwächen (und in den Vorliegenden Fällen handelt es sich vor allem Schwächen der textlichen Vorlage) triumphiert. Exemplarische Klangtechnik und ebensolche Bookletgestaltung lassen keine Wünsche offen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Saint-Saens, Camille: Music for the Prix de Rome

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
2
01.01.2011
EAN:

8424562022102


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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