> > > Elgar, Edward: Sinfonie Nr.2 in Es-Dur, op.63
Mittwoch, 17. Oktober 2018

Elgar, Edward - Sinfonie Nr.2 in Es-Dur, op.63

Zweite Wahl


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Solti dirigiert Elgars Zweite Sinfonie und die sogenannten Enigma-Variationen: Die musikalischen Ergebnisse sind durchwachsen, ebenso die Qualität der Bildregie.

Wer als Konzertveranstalter eine nachromantische Sinfonie auf das Programm setzt, greift eher selten zu den Werken Elgars, obwohl ihnen eine ganz eigene Klangsprache innewohnt, die man nur bedingt als typisch englisch bezeichnen kann. Elgar nimmt eine wichtige Position in der britischen Brahms-Rezeption ein, aber gerade dadurch, dass er keine akademische Ausbildung durchlief, wurde auch seine Kreativität nicht im Geringsten beschnitten. So konnte er zu einer Zeit, in der andere darum ringen mussten, akademische Erwartungen zu überwinden, voll durchstarten, nicht zuletzt unterstützt durch einen Dirigenten, der sich nicht nur in England für ihn einsetzte: kein Geringerer als der berühmte Hans Richter, der unter anderem 1908 Elgars Erste Sinfonie uraufführte (der auch manch andere wichtige britische Partitur aus der Taufe hob).

Die Zweite Sinfonie Es-Dur op. 63 von 1911 ist kaum weniger beliebt in Großbritannien als die erste, obschon sie interpretatorisch sperriger, weniger leicht zu greifen ist. Im diesjährigen September-Heft der Zeitschrift ‚Gramophone‘ befasst sich Geraint Lewis mit einem diskografischen Vergleich. Er gruppiert die Einspielungen (völlig zu Recht) in drei Gruppen: in die ‚sinfonischen‘ Einspielungen, die den Spannungsbogen des gesamten Werkes hervorheben, die ‚episodischen‘ (ich würde eher sagen ‚rhapsodischen‘) Einspielungen, die den einzelnen Werkabschnitten nahezu gleichrangigen Wert beimessen, und eine kleine Handvoll, die in diese beiden Kategorien nicht einzuordnen sind. Zu den ‚rhapsodischen‘ Einspielungen zählt er unter andren jene von Barbirolli, Barenboim, Haitink, Sinopoli, Hickox und Tate, zu den ‚sinfonischen‘ unter anderen jene von Boult, Handley, Slatkin, Mackerras, Previn, Gibson und Solti (in die dritte Kategorie zählt er Bryden Thomson und Mark Elder). Ich muss gestehen, dass mich jeher der ‚sinfonische‘ Zugang stärker interessiert hat, möglicherweise auch weil schon Elgar selbst Vorreiter auf diesem Feld gewesen war.

Was bei Soltis Aufführung der Sinfonie aus der Londoner Royal Festival Hall vom 13. Februar 1975 als erstes auffällt, ist im Vergleich zur Schallplatteneinspielung aus demselben Jahr eine übergroße Schlampigkeit von Seiten des Orchesters. Das London Philharmonic Orchestra war nie Londons ‚erstes‘ Orchester was die Spielkultur, das Zusammenspiel oder den Klangsinn angeht, doch hat es natürlich (bei entsprechender Vorbereitung) immer wieder herausragende Aufführungen und Produktionen hingelegt. So auch in der spannungsvoll vorwärtsdrängenden Decca-Studioproduktion der Zweiten Sinfonie. Beim Live-Erlebnis macht man gerne Abstriche, wenn der Gesamteindruck stimmt (selbst Boults Studioproduktion 1956 ist da überzeugender). Vielleicht bin ich heute zu verwöhnt, aber was Solti bietet, genügt mir einfach nicht. Hier im Konzert klappert und hapert es denn doch viel zu häufig, und gerade wenn man leicht einmal die CD daneben legen kann, ist das Qualitätsgefälle sehr groß. Auch hilft die langweilige Bildregie (Peter Butler) nicht wirklich, das Ganze spannender oder spannungsvoller zu machen.

Die Leser meiner Besprechungen werden sich nicht wundern, dass ich immer wieder auf ‚Werktreue‘ zurückkomme, auf die Vorschriften also, die der Komponist in der Partitur macht. Im Falle der Zweiten Sinfonie bin ich bewusst nicht zu sehr in die Tiefe gegangen, doch fiel mir schon nach wenigen Minuten auf, dass Solti in die Falle der ‚Klangrede‘ tappt und für das zweite Thema (trotz eindeutiger gegenteiliger Angabe des Komponisten) unangemessen das Tempo drosselt. Mit solchen Entscheidungen verschiebt sich für mich Soltis Interpretation von der Abteilung ‚sinfonisch‘ (Lewis lag die DVD offenbar noch nicht zum Vergleich vor) in Richtung ‚rhapsodisch‘.

Vier Jahre später entstand der Mitschnitt der ‚Enigma-Variationen‘ op. 36, eines Werks, das Richter 1899 uraufgeführt hatte und das Elgars Renommee als Orchesterkomponist international begründete. Solti hatte das Werk 1976 in Chicago aufgenommen – mit einem Orchester, das für seine Präzision berühmt war. Dem London Philharmonic Orchestra fehlt (zumindest an diesem 25. September 1979) die entsprechende Akkuratesse. Insbesondere die heiklen Holzbläserpassagen, die akkurat zusammen musiziert werden müssen, sollen sie nicht inkompetent wirken, fallen immer wieder auseinander (Variationen V und VIII). Auch die Streichereinsätze in der zweiten Variation sind verwackelt. Insgesamt muss dennoch gesagt werden, dass die Orchesterqualität hier ein wenig besser ist als bei der Sinfonie.

Mehr noch als in der Sinfonie nimmt sich Solti Freiheiten mit der Partitur – in vielfacher Hinsicht. Das beginnt mit den Tempi. Es berührt doch schon merkwürdig, wenn das 'Andante' der Themenpräsentation langsamer ist als der Anfang der Variation IX (der Solti eine Steigerung angedeihen lässt, die im Grunde den Rest des Werks überflüssig erscheinen lassen könnte). Überhaupt Soltis Tempi: Da gibt es wunderbar Treffliches, etwa die dritte Variation oder das Finale, aber auch Merkwürdigkeiten, wenn etwa das 'Allegretto' der Variation X langsamer ist als das 'Andantino' der Variation VI, letzteres musikalisch ein überaus erfreuliches Stückchen, abgesehen von den zu lauten Fagotten. Überhaupt die Dynamik: Da setzt sich Solti immer wieder einmal über die genauen Abstufungen Elgars hinweg, etwa in den Variationen XI und XII, in denen mehrfach die Streichereinsätze forte statt piano erfolgen. Für mich hat das nichts mehr mit künstlerischer Freiheit zu tun, sondern mit unentschuldbaren Eigenmächtigkeiten. In Variation XI ergibt sich dann noch ein weiteres Problem: Solti konterkariert Elgars Intentionen durch die Orchesteranordnung. Er folgt Leopold Stokowskis Konzept, die hohen bis zu den tiefen Streichern panoramaartig vor dem Publikum auszubreiten. Wenn ein Komponist aber eindeutig die ersten und zweiten Violinen antiphonal einsetzt (wie Elgar hier oder auch Tschaikowsky im Schlusssatz seiner Sechsten Sinfonie), verkommt dieses Konzept zur hohlen Maske. Als ich einmal Richard Hickox fragte, warum er die Violinen in einer Aufführung (von Elgars 'Light of Life', 1993) in der Royal Festival Hall so setzte, erhielt ich zur Antwort, es sei dies eine Frage der Pragmatik – sonst müssten mehr Proben angesetzt werden.

Solti holt ganz eigene Farben aus Elgars Partitur, und es sind nicht immer Elgars Farben. Variation XII erhält einen (ungewollt?) Bruckner’schen Touch, auf den ich gut hätte verzichten können. Da ist die Entscheidung, im Finale die Orgel wegzulassen (oder klanglich so stark herunterzuregeln, dass sie quasi unhörbar ist), vom Komponisten autorisiert; auch wenn sich die RFH-Orgel nicht zu verstecken braucht. Mehr habe ich da Probleme mit einer anderen Entscheidung im Finale: mit einer übertrieben langen Pause vor Partiturziffer [70], die laut Partitur eine Achtel dauern sollte. Bei Solti wird sie zu einer Generalpause mit Fermate, durch die abermals der ‚sinfonische‘ Zugang (der naturgemäß bei Orchestervariationen weniger stark ausgeprägt ist) noch reduziert wird. Insgesamt muss ich zu der Entscheidung kommen, dass beide Aufführungen nicht zu den allerbesten beider Werke gehören. Auch in diesem Fall hat die Bildregie (Rodney Greenberg) sich nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Es handelt sich eben um ‚Repertoire‘-Produktionen für die BBC, die nicht als künstlerisch langfristig wertvoll eingeschätzt wurden. Das Booklet ist mehr Werbeflyer als sorgsam recherchierte Würdigung, fast ohne Bezug zu den Aufführungen auf der DVD selbst, vielmehr mit fast stetem Verweis auf die Schallplattenproduktionen. Ich werde zu diesen zurückkehren und die DVD vermutlich im Regal vergessen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Elgar, Edward: Sinfonie Nr.2 in Es-Dur, op.63

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
1
24.01.2011
EAN:

5060244550117


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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