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Sonntag, 27. Mai 2018

Spohr, Louis - Sinfonien Nr.8 & 10

Anglophiler Deutscher - germanophiler Brite


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hyperion bietet mit einer Aufnahme von Spohrs Sinfonien Nr. 8 und 10 eine ehrenwerte Einspielung. Sie könnte überzeugen, wenn nicht das Violinsolo zu wünschen übrig ließ.

Louis Spohr (1784–1859) ist bis heute unterschätzt geblieben, sein reiches Schaffen kaum wiederbelebt worden, obwohl er einer der ganz wichtigen deutschen Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Hyperions Gesamteinspielung der Sinfonien mit dem Orchestra della Svizzera Italiana unter der Leitung des britischen Pianisten Howard Shelley ist allein aus diesem Grund schon mehr als ehrenwert. Die vierte der insgesamt fünf CDs befasst sich nun mit zwei Spätwerken – der Achten Sinfonie G-Dur op. 137 von 1847 und der zehn Jahre später entstandenen, unveröffentlicht gebliebenen Zehnten (und letzten) Sinfonie Es-Dur (WoO 8).

Die Achte Sinfonie entstand für die Londoner Philharmonic Society. Es war längst nicht seine erste Komposition für das englische Publikum – seit 1820 besuchte er immer wieder London und feierte als Violinsolist und Komponist besonders mit seiner Orchestermusik große Erfolge. Schon die Adagio-Einleitung der G-Dur-Sinfonie kündigt Großes an – Spohr ist keiner, der sich neben Mendelssohn-Bartholdy oder Schumann verstecken müsste. Ein Meister seines Faches, sind seine Werke klanglich reich und wohlgeformt, gelungene Beiträge zu einem Genre, das aus weit mehr besteht als Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler.

Das in Lugano ansässige ehemalige Rundfunksinfonieorchester spielt unter Shelley, der auch für Chandos schon eine ganze Reihe CDs als Dirigent eingespielt hat, inspiriert und charmant. Die Streicher können in der Achten Sinfonie mit anderen Klangkörpern nicht ganz mithalten, insbesondere die Violinen klingen immer wieder flach und einen Hauch scharf. Konzertmeister Anthony Flint spielt in seinem Solo im Scherzo der Achten Sinfonie häufig nicht ganz sauber – ein empfindlicher Makel einer ansonsten durchaus überzeugenden Interpretation. Immer wieder entsteht der Eindruck, als wollten die Streicher auf Vibrato verzichten, doch ergibt sich kein voll ausgearbeiteter historisch informierter Klang. Immerhin heben die Holzbläser (die bei Spohr viel zu tun haben) und auch die Blechbläser (mit deutlich geringeren Anteilen) das Niveau und weisen das Orchester als ein Ensemble von Format aus. Im direkten Vergleich mit der Marco-Polo-Einspielung durch die Tschechoslowakische Staatsphilharmonie Košice unter Alfred Walter ergibt sich dort ein nahezu komplementäres Bild: Hier sind die Streicher die Stärke des Orchester (besonders der Violinsolist Peter Sklenka), während die Bläser (zu Beginn des Scherzos etwa das Horn) nicht ganz mit den Luganern mithalten können. Die starken Abstriche, die aber gerade wegen Flints Solo zu machen sind, werden mich auch in Zukunft weiterhin zu der tschechoslowakischen Aufnahme von 1991 greifen lassen.

Im Vergleich dazu ist die Schweizer Einspielung der Zehnten Sinfonie auf dem CD-Markt derzeit konkurrenzlos. Spohr selbst zweifelte an der Qualität des Werkes (oder hatte er das Gefühl, dass es nach Robert Schumanns Tod im Vorjahr nicht mehr ganz auf dem Höhepunkt der Zeit stand?), weswegen er von einer Veröffentlichung und einer Aufführung durch die Londoner Philharmonic Society absah. In der Tat scheinen die Sätze unterschiedlich stark die musikalische Gegenwart aufzunehmen. Während insbesondere der erste Satz, obwohl er vor Spielfreude nur so strotzt, ein wenig oberflächlich wirkt, verzahnt Spohr Scherzo und Finale musikalisch eng miteinander, eine spätestens seit Beethoven längst nicht mehr neue Technik, der Spohr hier aber eine neue Facette hinzufügt. Das Schweizer Orchester enthält sich jeder Wertung und füllt das Werk mit viel interpretatorischer Wärme, und da hier auch von den Streichern keine Soli gefordert sind, sind keinerlei Abstriche zu machen. Von besonderem Charme ist das Scherzo – auf ganz eigene Weise im effektvollen Finale aufgegriffen.

Als Bonustrack bietet die CD die Ouvertüre zu Spohrs dritter Oper 'Der Zweikampf mit der Geliebten' (!) WoO 50 von 1810-11, die 1811 eine halbwegs erfolgreiche Uraufführung in Hamburg erfuhr. Später sollten mit 'Faust' und 'Jessonda' nachhaltig wirkende Werke folgen, doch schon diese frühe Ouvertüre überzeugt durch Melodienreichtum, dramatisches Gespür und souveräne Beherrschung der Orchesterpalette in kongenialer Interpretation.

Während die Aufnahmetechnik makellose Hyperion-Qualität aufweist, ist der Versuch, im dreisprachigen Booklet mit einem Umfang von 15 Seiten (plus eine Werbeseite) auszukommen, leider ganz offenkundig zu Lasten sowohl des ästhetischen Gesamtbildes als auch der Vollständigkeit im französischen und deutschen Bereich gegangen (die Lebensläufe finden sich nur auf Englisch); mit der Wahl eines anderen Zeichensatzes wäre dies vielleicht nicht nötig gewesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Spohr, Louis: Sinfonien Nr.8 & 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
18.02.2011
EAN:

034571178028


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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