> > > Die Befreiung des Klangs: Neue Wege im klassischen Gesang
Freitag, 19. Juli 2019

Die Befreiung des Klangs - Neue Wege im klassischen Gesang

Auf der Suche nach dem befreiten Stimmklang


Label/Verlag: Edition Peters
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Sängerin und Gesangspädagogin Verena Rein befasst sich mit einer 'Befreiung des Klangs', indem sie die Stimme aus den engen Fesseln der traditionellen Technik löst; für Sänger eine höchst interessante Dokumentation.

Warum werden alte Gesangstechniken weder hinterfragt, noch überprüft, obgleich sie hörbare Stimmschäden zur Folge haben? Dies ist die grundlegende Frage, mit der sich die vorliegende DVD-Dokumentation ‚Die Befreiung des Klangs‘ intensiv auseinandersetzt. Sie tut dies mit Blick auf eine Gesangstechnik, die auf der italienischen Belcantoschule fußt und – wie es im Erläuterungstext auf der Rückseite der DVD-Hülle heißt – durch langjährige Forschungen von dem Sänger Peter Gougaloff zu einer ‚durch alle Register erklärbaren, äußerst physiologischen Gesangskunst entwickelt wurde‘. In methodischer Hinsicht erweitert und vervollkommnet wurde dieser Ansatz durch die Sängerin und Gesangspädagogin Verena Rein, die hier über 136 Minuten hinweg gemeinsam mit mehreren Kursteilnehmern zeigt, wie die Sänger zu einer größtmöglich frei beweglichen, elastischen und pulsierende Durchlässigkeit in allen Lagen gelangen und auf dieser Grundlage ihre klangliche Individualität formen können.

Ausführliche Dokumentation

Ausgangspunkt der Methode ist die so genannte ‚Zungentechnik‘, das Singen mit gewölbter Zunge also, das von vielen Gesangsschulen vehement abgelehnt wird. Hier wird die Zunge jedoch zum Lenker, der den Klang in die jeweiligen Resonanzräume führt. In ausgewählten Übungen werden die vielschichtigen Möglichkeiten dieser Technik ausführlich demonstriert. Ein besonders positiver Aspekt des Films ist die Genauigkeit: Zuschauer und Zuhörer werden Zeuge von Unterrichtssituationen, in denen die jeweiligen Fragestellungen im Dialog zwischen der Stimmpädagogin und ihren jeweilige Schülerinnen und Schülern ausführlich diskutiert, plastisch erläutert und am Praxisbeispiel angewendet werden, wobei es immer auch darum geht, das hiermit verbundene Körperempfinden aufzudecken. Besonders für Sängerinnen und Sänger dürfte dies mit großem Gewinn anzuschauen und nachzuvollziehen sein, da es auch produktionstechnisch sehr gut umgesetzt ist: Die wesentlichen Fragestellungen und Ziele der einzelnen Übungen werden als Gedächtnismarken in knapper Textbeschreibung sowie gegebenenfalls als Notenbeispiele ins Bild eingeblendet und finden sich darüber hinaus auch im Booklet, so dass die jeweiligen Aspekte selbst nachvollzogen und ausprobiert werden können. Vertiefendes Material bietet außerdem die Website der Produktionsfirma miku media (www.mikumedia.de), wo ergänzend zusätzliche Szenen zur Gesangstechnik und deren Anwendung per Download zu erhalten sind.

Neben der Übung an Beispielen aus der Gesangspraxis werden auch ganz grundsätzliche Dinge thematisiert, etwa das textverständliche Singen und das Formen von Konsonanten. Einzelne Sequenzen zeigen die Arbeit an Texten jenseits des Singens, bei der es um ihre Darstellung als reine Sprachkunstwerke mit bestimmter emotionaler Färbung geht. Ebenfalls gezeigt wird das Aufwärmtraining, das durch Körperarbeit die Sinne schärfen soll, aber auch die aus dem Körperempfinden abgeleitete Suche nach natürlichem mimischem Ausdruck und Bewegungsabläufen. Mit einem Wort: Die Ganzheitlichkeit des Körperlichen wird dezidiert unterstrichen, wobei auf Körperbewusstseinsübungen unterschiedlicher Provenienz zurückgegriffen und vieles erzählt wird, was eigentlich seit den Diskussion, die vor drei Jahrzehnten über dieses Thema geführt wurden, längst als Körperempfindungsschulung in der Musikerausbildung selbstverständlich sein sollte, aber offenbar immer noch fehlt. Dass schließlich auch die Schüler selbst, professionelle Sänger ebenso wie Studierende, in Interviewpassagen ausführlich zu Wort kommen und über ihre positiven Erfahrungen mit den erlernten Techniken berichten, lässt das Gesehen auch aus der Perspektive der Betroffenen lebendig werden.

Konservatives Sängerbild

Trotz der deutlich nachvollziehbaren Erfolge und Erleichterungen ist – und dies muss als genereller Kritikpunkt angemerkt werden – die hier vorgestellte Einführung in die Zungentechnik auf ihre Weise genauso konservativ wie die Techniken, die sie anprangert: Von einer ‚Befreiung des Klangs‘ kann deshalb nur in dem Maße gesprochen werden, wie korrigierend am Ideal des Konzertgesangs angesetzt wird. Auch wenn es innerhalb der klassischen Technik zu Modifikationen und Auflösung körperlicher Spannungen kommt, bleibt ein weitaus größerer Phänomenbereich ästhetisch ausgegrenzt: Dass es nämlich längst Stimmtechniken gibt, die zu einer wesentlich stärkeren Befreiung beitragen und außerdem auch musikalische Spektren entfalten, die auf Ausdrucksweisen jenseits des hier vorgestellten engen Rasters zielen. Von komplexen experimentellen Vokaltechniken, die teils auf nicht-europäische Gesangsarten zurückgehen und mittlerweile interpretatorisch erschlossen sowie pädagogisch aufgearbeitet sind – so beispielsweise in der empirisch fundierte Studie ‚The 21st Century Voice: Contemporary and Traditional Extra-Normal Voice‘(Oxford 2005) von Michael Edward Edgerton – erfährt man hier ebenso wenig wie von alternativen physiologischen Ansätzen der Stimmbildung wie jenem des 1982 gegründeten Lichtenberger Instituts für angewandte Stimmphysiologie, bei der es noch weitaus stärker um eine an das Körperempfinden gebundene Benutzung der Stimme geht, die mittels sensorischer Ausrichtung an der Klang- und Gewebewahrnehmung erfolgen soll und dadurch die Aufmerksamkeit für körpereigene Resonanzphänomene im Sinn einer ‚Resonanzphysiologie‘ in den Mittelpunkt stellt. Das von Verena Rein vertretene Ideal einer ‚Befreiung des Klangs‘ ist daher letzten Endes höchstens mit Blick auf eine doch sehr enge ästhetische Fixierung eingelöst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Die Befreiung des Klangs: Neue Wege im klassischen Gesang

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Edition Peters
1
12.01.2011

EAN:


4260236010013


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Edition Peters

Seit mehr als 200 Jahren steht der Musikverlag C. F. Peters im Dienst von Musikpflege und Musikwissenschaft. Ausgaben klassischer wie zeitgenössischer Werke vereinigen sich in der EDITION PETERS zu einem Gesamtkatalog mit mehr als 12.000 lieferbaren Titeln. Erstklassige Qualität im Druck, ihr eigenes wissenschaftliches Profil und ihre Bezogenheit zur Praxis haben die Ausgaben der EDITION PETERS zu verlässlichen Garanten für eine musikalische Beschäftigung auf hohem Niveau werden lassen. Ungeachtet dessen hat es sich der Verlag zur selbstverständlichen Aufgabe gemacht, die an seine Editionen gestellten Qualitätskriterien immer wieder neu zu überprüfen.

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