> > > Rossini, Gioacchino: Ermione
Donnerstag, 24. Mai 2018

Rossini, Gioacchino - Ermione

Neues von den alten Griechen


Label/Verlag: Opera Rara
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Opera Rara macht seinem Namen alle Ehre und bringt mit Rossinis 'Ermione' eine überzeugende Einspielung einer der selten zu hörenden Opere serie von Rossini auf den Markt.

Gioacchino Rossinis spätere Opere serie (ab seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr komponierte er fast nur noch ernste Opern) sind bis heute zumeist im Schatten seiner früheren heiteren Bühnenwerke geblieben, trotz ihrer größeren musikalischen Substanz und der Vielfalt der behandelten Sujets. Szenen aus dem Alltagsleben, Mythisches, Biblisches und vieles mehr findet sich hier, musikalisch den Werken von Donizetti, Bellini und anderen der Zeit durchaus gleichwertig. 'Ermione', am 27. März 1919 in Neapel uraufgeführt, bedient den Bereich der Antikenrezeption. Die zweiaktige ‚Azione tragica‘ basiert auf Racines berühmter Tragödie ‚Andromaque‘, verschiebt aber den Schwerpunkt vom Auslöser der Komplikationen der Handlung auf die Figur, die die Komplikationen schlussendlich zur Katastrophe führt. Als ‚psychologisierendes Drama‘ wurde schon Racines Tragödie bezeichnet, und als ebensolches haben Rossini und sein Librettist Andrea Leone Tottola das Werk angelegt. Da haben wir Andromache (hier: Andromaca), die Witwe des Trojanerprinzen Hektor, den Achilleus im Krieg erschlug. Achilleus’ Sohn Pyrrhos (hier Pirro) erhielt Hektors Witwe und Sohn als Kriegsbeute. Er verliebte sich in Andromache, sehr zum Unwillen der anderen griechischen Fürsten, fürchten sie doch, Hektors Sohn könne in der Zukunft einen neuen Krieg gegen Griechenland vorbereiten. Eine Person hat jedoch noch weitere Gründe, Andromache aus dem Weg zu wünschen – Hermione (hier Ermione), die Tochter des Menelaos und der Helena, die ursprünglich mit ihrem Vetter Orestes (Oreste) verlobt war, sich dann aber Hals über Kopf in Pyrrhos verliebte; ihre Liebe zu ihm wuchs mit jeder Abweisung, die sie erfuhr. Nun wird Orestes an Pyrrhos’ Hof erwartet – er soll ihn an seine Loyalität den griechischen Fürsten gegenüber erinnern und die Auslieferung des Astyanax fordern. Aber natürlich kommt alles anders: Andromache fürchtet, dass jede weitere Weigerung, Pyrrhos zu ehelichen, ihren Sohn dem Tod näher bringen wird, und erklärt sich schließlich zur Heirat bereit (nicht ohne dem Zuschauer vorher klar gemacht zu haben, dass sie sich gleich nach der Freilassung des Astyanax das Leben nehmen wird), und Orestes verfällt wieder den Reizen Hermiones, die ihn zur Rache an Pyrrhos instrumentalisiert.

'Ermione' war zu Rossinis Lebzeiten keine erfolgreiche Oper – nach den ersten Aufführungen folgten keine weiteren. Erst in den 1970er-Jahren wurde die Oper wiederentdeckt, durch Dirigenten wie Gabriele Ferro und Claudio Scimone. 1986 erfolgte die erste Studioproduktion (für Erato), und im Folgejahr übernahm Montserrat Caballé die Titelrolle auf dem Rossini-Festival in Pesaro – ihre Partnerin als Andromaca war Marilyn Horne. Seither wurde die Oper immer wieder aufs Programm gesetzt, auch wegen der Neuausgabe der Partitur im Rahmen der Rossini-Edition. 1995 wurde die Oper in Glyndebourne fürs Fernsehen (und die DVD) mitgeschnitten, 2008 in Pesaro.

Der Reichtum der Musik erweist sich bereits in der 'Sinfonia', das ich erstmals in der Ouvertüren-Box von Neville Marriner und der Academy of St. Martin-in-the-Fields (Philips) hörte: bei geschlossenem Vorhang beklagt schon in der 'Sinfonia' der Chor sein Los als Kriegsgefangene. Der Chor, der später auch andere Funktionen übernehmen wird, zeigt sich von Beginn der Aufführung an von beeindruckender Präsenz. Der Geoffrey Mitchell Choir hat im Grunde die Position erlangt, die vor ihm die Ambrosian Singers innehatten – er hat sich auf herausragende Chorleistungen für konzertante Opernaufführungen spezialisiert. Leiter des Geoffrey Mitchell Choir ist heute Renato Balsadonna, der Chordirektor am Covent Garden Opera House.

Vier Hauptrollen hat die Oper und fünf Nebenrollen, mit einer starken Vorherrschaft der Tenöre. Da ist zum einen Pirro, der Sohn Achills, eine Verbindung von lyrischen und heroischen Eigenschaften. Es gelingt Paul Nilon, einen klaren Kontrast zu den anderen Sängern zu bilden. Der 1961 in Yorkshire geborene Sänger, der unter anderem bereits an den Opern in Glyndebourne und München zu hören war, hat sowohl die Fähigkeit zu eleganten Koloraturen wie zu heldischer Kraft und bleibt so seiner Rolle nichts schuldig. Man beachte etwa auch die lyrische Weichheit, deren seine Stimme in 'Deh serena i mesti rai' aus dem ersten Akt fähig ist. Gleichwohl gibt es auch problematische Momente – etwa die Spitzentöne in 'Ombra del caro sposo' (CD 2, Track 10, um 2:38), die nicht optimal gebildet sind, wenn auch nicht schrill oder unsauber. Genuin lyrischer legt Colin Lee den Oreste an – vielleicht ist er der geheime Held der vorliegenden Aufnahme, der Südafrikaner ist ein hochbegabter lyrischer Tenor, der seine Karriere 2000 mit großem Erfolg in London begann und mittlerweile regelmäßig am Royal Opera House, dem Theater an der Wien, der Welsh National Opera, der Berliner und der Hamburgischen Staatsoper zu hören ist und der bereits 2012 an der Metropolitan Opera debütieren soll. Immer wieder ist er für Opera Rara-Produktionen herangezogen worden, was außerdem für seine konstanten Leistungen auf diesem Gebiet der vergessenen Belcanto-Oper spricht.

Andromaca wird gesungen von der irischen Mezzosopranistin Patricia Bardon. William Christies Händel-Orlando und David Parrys englischsprachige Carmen ist bereits groß im Geschäft und immer wieder als genuine Nachfolgerin Marilyn Hornes im Gespräch. Tatsächlich ähnelt das Timbre der Sängerin, die ein Repertoire von Monteverdi bis zu Wagners Erda beherrscht, der großen Amerikanerin, ist aber einen Hauch weiblicher gerundet als der Ton jener. Wollen wir hoffen, dass Bardon wenigstens einen Teil ihrer Energien auf das Horne-Repertoire verwendet – es wäre eine willkommene Ergänzunge zu den Leistungen Cecilia Bartolis.

Der mir bislang gänzlich unbekannten süditalienische Sopranistin Carmen Giannattasio wurde die Titelrolle übertragen – eine äußerst anspruchsvolle Partie, die auch für Caballé eine Anstrengung gewesen sein muss. Giannattasio hat bereits an vielen bedeutenden Häusern gesungen, doch ihre Diskografie hat sich bislang vor allem auf italienischen Belcanto konzentriert. Mit warmem Mezzo-Kern, ist ihre warme, biegsame Koloraturstimme bestens für die hysterischen Ausbrüche der griechischen Prinzessin geeignet. Im direkten Vergleich scheint ihre Stimme jedoch dunkler, auch etwas tiefer als etwa seinerzeit jene der Diven Sutherland und Caballé. Doch ähnlich wie bei diesen ist ihre Textverständlichkeit nicht immer die beste. Auch ist ihr Registerübergang nicht der organischste und ihre Höhe kommt gelegentlich fast explosionsartig. Gleichzeitig sei nicht verhohlen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit über große Bühnenpräsenz verfügt.

Die Comprimarii scheinen nicht alle gleichen Kalibers gewesen zu sein. Ob sie stimmlich nicht Gleiches auffahren können, ist auf der CD natürlich nicht zu hören, und merkwürdigerweise überzeugten mich Graeme Broadbent (Fenicio) und Loïc Félix (Attalo) mehr als Bülent Bezdüz in der undankbaren Rolle des Pilade. Fenicio und Attalo sind von vornherein quasi als ‚supporting roles‘ angelegt, und Félix glänzt mit schönem Tenor und Broadbent mit überzeugendem Basso cantante. Pilades Tenorpartie ist nicht viel größer, aber stimmlich deutlich anspruchsvoller. Immer wieder scheint sich Bezdüz nicht ganz in der Rolle wohlzufühlen, die auch von der Anlage her nicht Fisch noch Fleisch ist – ein Rollenporträt gelingt ihm bei den gebotenen Möglichkeiten nicht. Ungleich von der Leistung her sind die beiden Comprimarie Cefisa und Cleone, gesungen von Victoria Simmonds und Rebecca Bottone. Simmonds’ Partie ist ausgesprochen klein, doch füllt sie sie mit klugem Theaterinstinkt mit ihrer warmen, mütterlichen Stimme bestens aus, während Rebecca Bottone, Tochter des bekannten Tenors Bonaventura Bottone, ein wenig zu viel auf die Brillanz ihrer Stimme zu setzen scheint. Ihr quecksilbriger lebhafter Sopran ist reich an Farben, doch sind diese hier nicht zu einem Gesamtkonzept verbunden und der Rollengestaltung untergeordnet.

Eine gute, aber keine außerordentliche Leistung liefert das London Philharmonic Orchestra. Mit hörbarer Spielfreude beteiligt sich das Orchester, das seit November 2000 (Rossinis 'Bianca e Falliero') immer wieder für Opera Rara-Produktionen herangezogen wird, an der lebhaften Produktion, doch merkt man insbesondere bei den Streichern, dass nicht immer sauber artikuliert wird. Doch der Enthusiasmus, zu dem David Parry, einer der am häufigsten für Opera Rara aktive Dirigent, aufstachelt, ist ansteckend, und führt insgesamt zu einer ungemein lebensvollen, erfreulichen Einspielung. Die Klangtechnik ist tadellos und das Gesamtergebnis eine erfreuliche Bereicherung der Diskografie. Leider hält das Booklet an ein, zwei Stellen nicht ganz die Erwartungen des Rezensenten. Ein paar kleinere Rechtschreibfehler, auch Fehler in der Namensschreibung lassen sich verschmerzen, aber mir verblieb ein Restgefühl der Uninformiertheit nach der Lektüre des Booklettextes, den es, wie das Libretto (neben der Originalsprache), nur in Englisch gibt. Über die Künstler erfährt man nichts (dafür bekommt man aber viele ganzseitige Künstlerfotos) – aus diesem Grund leider Punktabzug. Vielleicht nicht die beste Produktion dieses äußerst verdienstvollen Labels, aber immer noch eine gute Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rossini, Gioacchino: Ermione

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opera Rara
2
01.10.2010
EAN:

792938004228


Cover vergössern

Opera Rara

Seit mehr als 40 Jahren erfüllt das britische Label OPERA RARA die stillen Wünsche der Belcanto-Liebhaber auf allen fünf Kontinenten und schließt Repertoirelücken, die von anderen Plattenfirmen nicht einmal wahrgenommen würden. 1970 von den mittlerweile verstorbenen Opernenthusiasten Patric Schmid und Don White gegründet, entreißt es vernachlässigte Werke des 19. Jahrhunderts der Vergessenheit und konzentriert sich dabei auf das italienische und französische Repertoire. Geleitet wird das Label von Stephen Revell, der das Label auch nach dem Tod von Patric Schmid im November 2005 in dessen Sinne weiterführt. Die schon legendäre ebenso liebevoll wie aufwendige Gestaltung der Boxen, die immer wieder aufs Neue begeistert und so neben den akustischen Genuss auch eine optische Freude darstellt, ist eines der Markenzeichen des Labels. Nicht wenige bezeichnen OPERA RARA deshalb als eines der schönsten Labels überhaupt. Neben den Gesamteinspielungen werden auf OPERA RARA aber auch Sängerportraits und Opernquerschnitte produziert. Daneben macht die Serie Il Salotto mit dem zu Unrecht vergessenen Repertoire der musikalischen Salons des 19. Jahrhunderts bekannt, wo sich noch so manche Perle entdecken lässt. Viel beachtet wurde auch die Veröffentlichung der häufig vernachlässigten Originalfassungen der Verdi-Opern Macbeth, La Forza del destino, Les Vêpres sicilienne und Don Carlos. Für das hohe musikalische Niveau der Produktionen (denen nicht selten konzertante Aufführungen in London vorausgehen) sorgen nicht nur berühmte Weltstars wie Jennifer Larmore, Renée Fleming, Simon Keenlyside, sondern auch ausgewiesene Spezialisten wie Nelly Miricioiu, Bruce Ford oder Chris Merrit.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Opera Rara:

  • Zur Kritik... Donizettis Unvollendete: 'Le Duc d'Albe' von Gaetano Donizetti ist ein Fragment geblieben und auch als solches nun bei Opera Rara erschienen – nämlich nur der erste und zweite Akt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Taube vs. Papagei: Diese Neueinspielung mit Sir Mark Elder am Pult von The Hallé klingt hervorragend, verströmt Leichtigkeit und Esprit und glänzt mit einem hinreißenden Solistenquartett. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Neues Kapitel: Das Label Opera Rara begeistert mit einer sehr sorgfältigen Produktion von Offenbachs 'Fantasio'. Da bleiben eigentlich keine Wünsche offen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Opera Rara...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Kammermusikalisch transparent: Rundum empfehlenswert: Telemann ohne orchestrale Opulenz, dafür in einer farbenreichen und hervorragend aufgenommene Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Griffige Lesart: Eine attraktive Lesart von Händels Krönungsanthems, gekoppelt mit Auszügen aus der 1732er-Fassung seines Oratoriums 'Esther' Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Aus dem Nachlass Leopold Stokowskis: Auf verschiedene Weise sind die drei Stokowski-Konzertmitschnitte aus den Jahren 1954 bis 1961 mit Großbritannien verbunden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2018) herunterladen (2883 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

André Cheron: Solosonate III e-Moll - Allemande. Gay

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich