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Mittwoch, 8. Juli 2020

de la Rue, Pierre - Missa

Konzertreihe


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


The Sound and the Fury setzen ihre Renaissance-Reihe beim ORF fort: Interpretatorisch gut, klanglich nicht ganz ausgewogen.

Gegenwärtig ist das Schaffen etlicher der großen Meister der Vokalpolyphonie auf dem Plattenmarkt gut vertreten. Mit fast enzyklopädischen Ansätzen haben vor allem englische Ensembles wie die Tallis Scholars oder The Sixteen jahrzehntelange Arbeit in diesem Repertoire geleistet und dabei zugleich interpretatorische Maßstäbe gesetzt. Um noch vernehmliche Impulse geben zu können, muss man also höchstklassige Interpretationen liefern – wie es seit wenigen Jahren zum Beispiel das junge britische Ensemble Stile Antico tut, oder man wendet sich den Lücken im Repertoire zu.

Einen eigenen Weg geht die Formation The Sound and the Fury in Zusammenarbeit mit dem ORF: In der Reihe ‚paradise regained’ ist schon eine beachtliche Zahl von Platten mit gewichtigen Werken sehr bekannter (Johannes Ockeghem, Nicolas Gombert, Jacob Obrecht) oder noch nicht so prominent im Repertoire vertretener Meister (Guillaume Faugues, Firminus Caron) publiziert worden. So entstehen Konzertdokumente einer mit beachtlicher konzeptioneller Ausdauer verfolgten Reihe. Die Live-Situation mit ihren Reizen und Tücken bestimmt die Ergebnisse, vielleicht wäre das eine oder andere Programm auch in einer eigenen Einspielung von Interesse, aber auch so kommt es zu interessanten Ergebnissen.

Im Mittelpunkt der aktuellen Platte stehen zwei Messen von Pierre de la Rue (ca. 1460-1518) – wobei de la Rue im Kontext der Reihe sicher zu den bekannten Größen zu rechnen ist. Doch mit den kanonisch geprägten Messen 'Ave sanctissima Maria' und 'O salutaris hostia' kommen zwei mit Blick auf das Repertoire durchaus interessante Kompositionen zu Gehör. Sie zeigen de la Rue als konstruktiv starken Tonsetzer, der dieses strukturelle Können mit einem ausgeprägten Sinn für Klangsphären verbindet. Vor allem seine Vorliebe für tief liegende Stimmkombinationen zeigt sich in seinem Schaffen vielfach, so in den Messen 'Incessament' oder 'Pro fidelibus defunctis'. Auch in den beiden Messvertonungen der vorliegenden Platte ordnet de la Rue immer wieder tiefe oder auch hohe Stimmpaare zu feinen Bicinien an. Besonderes Merkmal dieser Messen ist jedoch die Dominanz des kanonischen Elements, das Bau und Klangwirkung bestimmt. Natürlich gibt das ein Zeugnis der formalen kompositorischen Möglichkeiten de la Rues. Aber er wäre wohl kaum als wahrer Meister anzusprechen, gelänge ihm nicht auch in dieser eher durchdachten als erfühlten Musik die Aufladung der Strukturen mit einem feinen, klangsinnlichen Charme.

Kundige Interpretation & klangliche Reserven

Das in leicht wechselnden Besetzungen singende Ensemble The Sound and the Fury agiert hier mit dem Countertenor David Erler, den Tenören Klaus Wenk und John Potter sowie mit den Bässen Joachim Höchbauer, Thomas E. Bauer und Colin Mason – eine sehr respektable Besetzung mit Vokalisten also, die aus etlichen Kontexten bestens bekannt sind. Und diese stilistische Reife, diese Erfahrung werden hörbar. Interpretatorische Geduld und Sensibilität prägen den Ansatz. Die sechs Vokalisten sind zu einer schönen, gut organisierten und klug disponierten Klangentfaltung befähigt, vor allem die Randstimmen sind markant und zeichnen deutlich. Die ja im Satz gleichberechtigten Mittelstimmen treten dagegen in der 'Missa Ave sanctissima Maria' – wohl klangtechnisch bedingt – nicht in gleicher Deutlichkeit hervor.

Womit ein heikler Punkt der Platte angesprochen ist: Das Klangbild ist in der Kirche der Kartause Mauerbach mit einem erheblichen Raumanteil realisiert worden und ist daher atmosphärisch dicht geraten. Doch wird dadurch einerseits die ja wirklich nicht üppig besetzte hohe Sphäre bevorzugt. Und andererseits ist das Ergebnis für die gerade strukturell so interessante Musik zumindest in der vollstimmigen Besetzung insgesamt etwas zu pauschal und zu wenig differenziert – wohl der Preis der Live-Aufnahme. Deutlich bessere Klangergebnisse zeigt dann die nur vierstimmige 'Missa O salutaris hostia', deren ökonomischer Bau ein luzides und plastisches Klangbild leichter Gestalt gewinnen lässt.

Die Sätze fließen ohne artifizielle Zutaten, die Ensembleintonation ist grundsätzlich gut, wird aber doch von einigen Trübungen durchzogen. Vor allem die langen Bögen werden interpretatorisch nutzbringend gespannt. Die ebenfalls nicht zu vernachlässigende kleinteilige Arbeit wird ebenfalls geleistet, kommt aber gelegentlich aufgrund des nicht perfekt tiefengestaffelten Klangbilds nicht optimal zur Geltung.

The Sound and the Fury bringen stilistische Expertise, tiefe Repertoirekenntnis und sängerisches Vermögen ein, müssen phasenweise aber einem mäßigen Klangbild Tribut zollen. In der Summe dennoch eine solide Aufnahme und ein schönes Dokument.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    de la Rue, Pierre: Missa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
1
23.04.2010
Medium:
EAN:

CD
9004629314716


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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