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Donnerstag, 24. Mai 2018

Rossi, Lauro - Cleopatra

Keine zweite Aida


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die "Ausgrabung" von Lauro Rossis 'Cleopatra' ist lobenswert, kann aber aus künstlerischen Gründen letztlich nicht ganz überzeugen.

Unsere heutige Kenntnis der Musikgeschichte können wir schlechterdings nur als lückenhaft bezeichnen, auch der jüngeren Musikgeschichte. Wie viele Werke des 20. Jahrhunderts, wie viele Komponisten sind uns schon heute gänzlich unbekannt. Da wird es mit der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts naturgemäß nicht besser – trotz steter Bemühungen verschiedenster Kräfte.

Lauro Rossi (1812–1885) ist einer dieser vergessenen Komponisten. Zeitgenosse Verdis und Wagners, schuf er von 1830 bis 1877 die beachtliche Menge von fast dreißig Opern, darunter Belcantoopern à la Bellini, Mercadante oder Donizetti, aber auch, als letzte Oper, eine eigene 'Macbeth'-Arbeit. Seine vorletzte Oper 'Cleopatra' erlebte ihre Uraufführung am 6. März 1876, gut vier Jahre nach Verdis 'Aida'. Die Ägyptomanie Rossis ist ganz offenkundig, doch fällt ist schwer, das Werk unvoreingenommen zu goutieren. Wir haben hier einen Komponisten, der ganz offenbar der Musik der früheren Zeit noch anhängt, der Generation Mercadantes und des frühen Verdi, aber mit Ausflügen in die damalige musikalische Gegenwart und Zukunft Italiens (Montemezzi, Zandonai). Doch eins ist klar – Rossi hat keine zweite 'Aida' vorgelegt, obwohl Cleopatras Szene im vierten Akt wie auch manch andere Szene Verdi vom musikalischen Anspruch her durchaus ebenbürtig ist. Dennoch handelt es sich insgesamt eher um eine traditionelle italienische Oper der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit manch wunderbaren Momenten, anderswo aber auch aus heutiger Perspektive denn doch etwas zu eklektisch.

Das Sferisterio Opernfestival in Macerata hat es auf sich genommen, 'Cleopatra' im Sommer 2008 wiederzubeleben. Insgesamt ist die Inszenierung traditionell aber nicht altmodisch öde, Kostüme und Ausstattung sind schlicht, aber voll ausreichend. Leider gelingt es aber Regie und Choreografie nicht, ein wirklich rundum überzeugend Ganzes abzuliefern. Wie in italienischen Opernhäusern leider allzu oft üblich, bleibt offenkundig, dass die Personenregie (vor allem die Chorführung) nicht präzise ausgearbeitet ist. Man spürt die Bemühungen (Regie und Ausstattung: Pier Luigi Pizzi), doch führen sie nicht ganz zum Ziel – manchmal kommt denn doch der Eindruck eines Laienspiels auf. (Dass die Bildregie Davide Mancinis insgesamt tadellos und nur gelegentlich angesichts der mangelhaften szenischen Lösungen etwas ratlos ist, sei am Rande angemerkt.)

Wenige Glanzpunkte

Auch musikalisch kommt die Produktion übers Mittelmaß nicht hinaus. Dimitra Theodossiou als Cleopatra sieht immer wieder etwas matronenhaft aus – von der legendären Schönheit der Pharaonin ist sie meilenweit entfernt. Immerhin hat sie eine gut ansprechende, musikalisch gut geführte Stimme mit wunderschönen Momenten (Anfang zweiter Akt); gelegentlich gemahnt sie an Caballé und Sutherland – nicht die schlechteste Referenz. Im Grunde hat sich ihre Stimme schon aus dem Belcanto herausentwickelt – man kann sich jetzt schon vorstellen, wie ausgezeichnet Theodossiou dereinst als Turandot sein kann. Marc Anton wird dargestellt durch Alessandro Liberatore, einen aus Rom stammenden Tenor, der es weder vokal noch darstellerisch mit Theodossiou aufnehmen kann. Im Studio mag er seiner Stimme Eleganz und Wärme angedeihen lassen können – hier mangelt es ihm an Schmelz, an Brillanz, an Ausstrahlung, an Timing. Darstellerisch überzeugend, aber leider vokal nur ein chargierender Bassbariton, der nicht einmal eine gesunde Tiefe bieten kann, ist Paolo Pecchioli als Julius Caesar; ein guter Comprimario, aber für die substanzielle Rolle vielleicht noch nicht ganz gewappnet. Da steht es um den Bariton Sebastian Catana schon weitaus besser, der zu Beginn der Oper die undankbare Rolle des Diomedes übernommen hat – musikalisch und darstellerisch überzeugend und vielleicht die beste Einzelleistung der gesamten Produktion (was die folgenden 90 Minuten umso anstrengender macht). William Corrò als Proculejo, Tiziana Carraro als Ottavia und Paola Gardina als Carmiana sind kaum mehr als Stichwortgeber. Dafür sind aber die Leistungen zweier Protagonisten leider nur als mäßig zu bezeichnen. Da wäre zum einen der Chor (Coro Lirico Marchigiano ‚Vincenzo Bellini‘), der in der Oper viel zu tun hat und dessen ungenügende Präzision deshalb umso ärgerlicher auffällt. Nur wenig besser ergeht es dem Orchester (FORM – Orchestra Filarmonica Marchigiana), das mit Rossis Idiom ringt, nicht immer erfolgreich, wenn auch stetig bemüht. Dies ist mehr, als man manchmal von dem Orchester der Mailänder Scala sagen kann, doch reicht es für den internationalen Vergleich leider nicht.

Die genannten vielen Einschränkungen beeinträchtigen den Genuss des Werkes leider denn doch zu sehr – der Rezensent hat nicht das Gefühl, mit der vorliegenden Produktion tatsächlich die Qualitäten der Oper kennengelernt haben zu können. Doch von dem, was zumindest gut dargeboten wird (also vor allem die Passagen Cleopatras und Diomedes’), lässt sich schließen, dass bei angemessener Interpretation ein Schatz zu heben wäre. Schade um die verpasste Chance, zumal da selbst in dem Booklet (zwar nur auf Englisch, aber insgesamt durchaus umfangreich) versucht wurde, dem Werk und der Produktion gerecht zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossi, Lauro: Cleopatra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
19.08.2010
EAN:

747313527953


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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