> > > Schmidt, Franz: Klavierkonzert Es - Dur für die linke Hand
Samstag, 22. September 2018

Schmidt, Franz - Klavierkonzert Es - Dur für die linke Hand

Mit links


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


CPO legt eine rundum überzeugende Einspielung einiger Werke von Franz Schmidt vor. Und Markus Becker erweist sich einmal mehr als großartiger Pianist.

Der österreichisch-ungarische Komponist Franz Schmidt (1874–1939) muss immer noch zu den eher Unbekannten der Musikgeschichte gezählt werden, was ganz sicher nicht an der Qualität seiner Werke liegt. Das Oratorium 'Das Buch mit den sieben Siegeln', die Oper 'Notre Dame', die Sinfonien, die große Chaconne cis-Moll für Orgel – sie alle sollten zum Standardrepertoire gehören, doch sind sie alle viel zu selten zu hören. So steht es – und das ist vielleicht naheliegender – auch mit Schmidts Kompositionen für Klavier linke Hand, für den renommierten Pianisten Paul Wittgenstein (1887–1961) entstanden und ganz besondere Fertigkeiten erfordernd. Nur wenige Pianisten stellen sich der Herausforderung, die anspruchsvollen für Wittgenstein entstandenen Kompositionen – nicht nur von Schmidt, sondern auch von Strauss, Korngold, Hindemith oder Britten – zu interpretieren, einzig Maurice Ravels und Sergej Prokofjeffs Klavierkonzerte für die linke Hand sind häufiger zu hören. Franz Schmidt komponierte besonders viel für Wittgenstein, neben einer Toccata für Klavier solo und drei Klavierquintetten in unterschiedlicher Besetzung die beiden auf dieser CD vorgelegten Werke. Die 'Concertanten Variationen über ein Thema von Beethoven' (entstanden 1923 auf ein Thema aus der ‚Frühlingssonate‘) sind ein Geniestreich. In dem halbstündigen Werk nutzt Schmidt alle Klangmöglichkeiten seiner Zeit, in einem Stil, der heute gern mit dem Schlagwort ‚nachromantisch‘ bezeichnet wird.

1934 entstand das Klavierkonzert Es-Dur, ein ausgewachsenes ‚Monster‘ von fast einer Dreiviertelstunde Dauer und so etwa Max Regers Violinkonzert oder auch Brahms’ Klavierkonzerten vergleichbar. Traditionell dreisätzig, ist das Werk sowohl von der Harmonik als auch der Konzeption und der Textur her einen Hauch ‚moderner‘, sperriger, wenngleich ebenfalls immer noch zutiefst in der Tonalität verankert. Schmidts Vorliebe für Chromatik rückt das Werk in die direkte Reger-Nachfolge, dessen Oeuvre er sehr schätzte. Schmidt nutzt bewusst Zitate aus der Musikgeschichte, Saint-Saëns, Reger, Strauss, Ravel, Schumann, Zitate, die er alle in den Dienst seiner eigenen Fantasie stellt. Ein wenig mag man so, besonders im ersten Satz, Schmidts eigene Klangsprache vermissen, doch wird diese im zentralen langsamen Satz nur zu offenkundig, einem ‚echten Schmidt‘, der in seiner Innerlichkeit allen Einflüssen anderer völlig fern steht. Der ‚heitere Kehraus‘ des Finales (vom Geiste her abermals Reger verwandt, aber, wie der Engländer sagen würde, ‚tuneful‘) mit einer umfangreichen Kadenz (einem Intermezzo, das in Schmidts Klavierquintett mit Klarinette optional, hier aber obligatorisch ist) verstärkt die musikhistorischen Querverbindungen, besonders zu Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, das 1932 in Wien seine Uraufführung erlebt hatte.

Markus Becker zeigt sich den extremen Anforderungen bestens gewachsen – zusammen mit der NDR Radiophilharmonie Hannover gelingen ihm die Referenzaufnahmen beider Werke schlechthin, elegant, kraftvoll (in den Variationen kraftvoller als Ragna Schirmer auf Berlin Classics, eleganter als Carlo Grante mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Fabio Luisi), geistreich, farbenfroh, inspiriert. Vielleicht lässt sich cpo oder ein anderes Label, auf das Wagnis ein, mit diesem Ausnahmepianisten auch Schmidts Klavierkammermusik einzuspielen? Aufnahmetechnik und Booklet sind wie so oft bei cpo tadellos – insgesamt ganz klar eine empfehlenswerte Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schmidt, Franz: Klavierkonzert Es - Dur für die linke Hand

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2010
EAN:

761203733828


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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