> > > Arnold, Samuel: Polly
Donnerstag, 24. Mai 2018

Arnold, Samuel - Polly

Balladenoper


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Naxos legen auf dieser einen wohlgefüllten CD (mit drei Bonustracks) nur die Musik des Werkes vor, das eigentlich erst durch die Bühnenhandlung (am besten auf DVD) wirklich lebendig wird.

Samuel Arnold (1740–1802) gehört zu jenen Komponisten, die unter dem besonderen Schutz von Naxos stehen. Nachdem europäische Verlage und Forschungsinstitutionen außer Stande waren, sich seines Schaffens anzunehmen, wurde es in Klaus Heymanns Verlag Artaria Editions erschlossen. Robert Hoskins hat bereits für eine CD mit Ouvertüren die Aufführungsmaterialien erstellt, nun folgt, nach dem Manuskript in der Harvard University Library, Arnolds Schlüsselwerk 'Polly'. Mit diesem Bühnenwerk aus dem Jahre 1777 wollte Arnold bewusst an die Tradition der ‚Ballad Opera‘ anschließen, der als Gegenbewegung zur italienischen Opera seria in England entwickelten ‚volkstümlichen‘ Oper. John Gay und Johann Christopher Pepusch, die Schöpfer der berühmten 'Beggar’s Opera' (1728), hatten bereits 1729 eine 'Polly' verfasst, als Fortsetzung ihrer äußerst erfolgreichen 'Beggar’s Opera', und 'Polly' war kaum weniger erfolgreich, nur ist sie heute fast völlig vergessen. Auch fünfzig Jahre nach der Uraufführung war der Stoff noch längst nicht veraltet, mit seiner Neuvertonung etablierte sich Arnold als einer der begabtesten englischen Bühnenkomponisten seiner Zeit.

Die Handlung spielt in Westindien, wohin Macheath am Ende der 'Beggar’s Opera' deportiert worden war. Polly Peachum, die ihrem Geliebten gefolgt ist, wird als Sklavin an den Plantagenbesitzer Ducat verkauft, doch kann sie in Männerkleidern fliehen. Prompt gerät sie an Piraten, deren Hauptmann niemand anders als Macheath ist. An seiner Seite treffen wir Jenny Diver, die wir bereits aus der 'Beggar’s Opera' kennen und die sich, obschon sie sich als Macheaths Frau aufspielt, nicht zu schade ist, mit dem vermeintlich neuen Piratenrekruten (Polly) zu flirten. Polly verhilft einem Gefangenen der Piraten, dem Indianerfürsten Cawwawkee zur Flucht. Doch Unruhen beherrschen das Land, beim Kampf zwischen Piraten und Militär kommt Macheath (oder Morano, wie er sich hier nennt) ums Leben. Polly ist außer sich ob des Verlusts und sinkt Cawwawkee in die Arme. Eine Handlung, überdreht und spannungsgeladen, voll unwahrscheinlichster Situationen, eine Handlung, die Arthur Sullivan hundert Jahre später zu einer weiteren Wiederbelebung hätte inspirieren können.

Naxos legen auf dieser einen wohlgefüllten CD (mit drei Bonustracks) nur die Musik des Werkes vor, das eigentlich erst durch die Bühnenhandlung (am besten auf DVD) wirklich lebendig wird. Doch die Musik ist lebhaft, die Melodien des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts elegant und stilvoll „aufgepeppt“, mit zahlreichen echten Kleinodien darunter. Dazu gehört gleich die Ouvertüre, die auf Material aus der 'Beggar’s Opera' rekurriert und die Verbindung zwischen beiden Werken fast leitmotivartig herstellt.

Die Spielfreude ist allen Mitwirkenden deutlich anzumerken, und wenn den Sängern jeder vulgäre Dialekt fehlt, der bei Pepusch fünfzig Jahre zuvor nicht nur zur Abgrenzung von der Opera seria ausdrücklich gewünscht, sondern auch von der Handlung her bedingt war, ist das für den heutigen internationalen Hörer eher angenehm als störend. Nur das teilweise Fehlen wirklich „ganzer“, musikdarstellerisch facettenreich gestalteter Charaktere lässt sich als kleiner Wehmutstropfen bezeichnen. Laura Albino als Polly Peachum hat eine ganze Reihe kleiner Arien, in der sie sich von verschiedensten Seiten präsentieren kann. Sie hat die rechte bodenständige, nicht zu virtuose, sehr frauliche Sopranstimme für die Rolle, der es vielleicht an Brillanz, aber nicht an Wärme oder Charme mangelt. Marion Newman als Jenny Diver hat da eine viel kleinere Rolle, ihr Mezzosopran ist „opernmäßiger“, weniger kreatürlich. Für den Piratenhauptmann Macheath/Morano ist der Bassist Matthew Grosfeld zu kultiviert und zu wenig charaktervoll – man nimmt ihm Kraft, erotische Anziehungskraft und Charisma klanglich nicht ab. Das ist schade, ist er doch ein mehr als passabler Sänger – doch braucht es für die Rolle einen ausgeprägten Singdarsteller. Ähnliches ist über den kanadischen Tenor Bud Roach als Cawwawkee zu sagen – mit einer solchen Stimme, einer schönen, lyrischen Stimme mit schnellem Vibrato wird die Partie fast zu einer Lachnummer. Viele Nebenrollen ergänzen das farbenprächtige Bild – darunter die quirlige Soubrette Gillian Grossman als Damaris, ein indianischer Späher, der an Stephen Varcoe gemahnende Bariton Jason Nedecky als Ducat und der virtuose lyrische Tenor Lawrence Wiliford als Culverin.

Doch die Hauptrolle gebührt faktisch dem Orchester, das nicht nur in der Begleitung und in zahlreichen Ritornellen brillieren kann, sondern auch in den vielen rein instrumentalen Sätzen, darunter den Balletten im ersten und dritten Akt. Die Auftrittsmusik der Piraten zu Beginn des zweiten Aktes gehört zum Graziösesten, was der Rezensent an englischer Orchestermusik der Zeit seit Langem gehört hat. Das in Toronto beheimatete Aradia Ensemble auf historischen Instrumenten ist in seinem Element, trefflich gibt es den sprudelnden Geist des englischen Rokoko wieder. Das Booklet ist, wie immer bei Naxos, knapp (und nur auf Englisch), das vollständige Libretto liegt online abrufbereit, die Aufnahmetechnik ist makellos und der Einsatz von Naxos für das Werk beispielhaft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Arnold, Samuel: Polly

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
05.04.2010
EAN:

730099024174


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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