> > > Godard, Benjamin: Klaviertrios op. 32 & 72
Donnerstag, 24. Mai 2018

Godard, Benjamin - Klaviertrios op. 32 & 72

Nobilitiert


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Trio Parnassus befreit Benjamin Godards Musik vom Ruch des Salonhaften und erfüllt jeden Moment mit klang- und seelenvoller Lebendigkeit.

Benjamin Godard (1849–1895) war zu Lebzeiten ein beliebter, man kann fast sagen populärer Komponist in Frankreich, berühmt in Genres, die in der heutigen Kenntnis französischer Musikgeschichte eher in den Hintergrund gerückt sind. Große Erfolge in jungen Jahren beeinträchtigten aber die Vertiefung seiner Fähigkeiten, so dass sich die in ihn gesetzten Erwartungen nicht ganz erfüllten. Sein Schaffen umfasst alle Bereiche außer der Kirchenmusik, und seine Abneigung gegen Wagner bewirkte eine völlige Freiheit von Einflüssen der Neudeutschen Schule in Godards Kompositionen, die sich vielfach ausgesprochen französisch gerieren. Symphonik, Klavier- und Kammermusik, Lieder, Oper – überall tummelte sich Godard fast gleichermaßen erfolgreich. Der Erfolg zu Lebzeiten sollte sich rächen – heute wird er allenthalben als ‚Salonkomponist‘ abgetan, seine großen symphonischen oder Opernkompositionen, die ganz die Ästhetik ihrer Zeit widerspiegeln, sind fast vollkommen vergessen (am bekanntesten sind vielleicht sein zweites Violinkonzert g-Moll op. 131 von 1891 und die Kammermusik mit Flöte).

Dabei schuf Godard ganz offenkundig technisch und musikalisch durchaus anspruchsvolle Musik, vielleicht nicht so tiefgründig wie die mancher deutscher Zeitgenossen, aber attraktiv und effektvoll im Liveerlebnis. Nachdem die Einspielung des Trio Ma non Troppo (für Koch Schwann, 1995) seit langem nicht mehr lieferbar ist, haben sich nun Dabringhaus & Grimm des vollständigen Klaviertrioschaffens von Godard angenommen. Schon 1875 (nicht, wie im Booklet behauptet, 1880) entstand das erste Klaviertrio g-Moll op. 32 (Charles Cotart gewidmet), eine in den Außensätzen lebhafte, dramatische Komposition, die in den ruhigeren Momenten fast Schubertsche Intimität und Intensität erreicht. Godards besondere Eigenart kommt in den beiden Binnensätzen zu vollem Ausdruck, die Mischung aus Charme, Melancholie, Witz, Traditionsbewusstsein und technischer Raffinesse. Momente des Trios im Scherzo-Satz sind von ganz eigener Tiefe, während der langsame Satz von der Konzeption ein wenig traditioneller daherkommt.

Das zweite Klaviertrio F-Dur op. 72 aus dem Jahre 1883 ist Edvard Grieg gewidmet. Der Komponist ist nun arriviert, sein Form- und Stilgefühl noch stärker ausgeprägt, dafür aber vielleicht auch einen Hauch traditionalistischer (und damit glatter), auch dem Salon näher (Ende des ersten Satzes). Das 'Adagio' ist abermals von einer satztechnischen und interpretatorischen Dichte, dass es eine Wonne ist. Herrliche groß geschwungene Melodiebögen, lebhaftes Wechselspiel der Instrumente (etwa im Scherzo), vielfältige Klangtexturen, viel Humor (etwa im Finale) – Godard war ganz eindeutig ein Meister, der sein kompositorisches Metier beherrschte. Als Bonus gibt es einen Schlager, den Sänger längst vergangener Zeiten gerne in ihr Repertoire aufnahmen: die Berceuse aus der Oper 'Jocelyn' op. 100, die 1888 in Brüssel ihre Uraufführung erlebte, ein wenig parfümiert, aber très chic, très français.

Dem Trio Parnassus, das für Dabringhaus & Grimm bereits unter anderen die Klaviertrios von Mozart, Beethoven, Reger, Turina, Rheinberger, Debussy, Hummel, Vasks, Schumann, Ravel, Bargiel, Lalo, Brahms und Korngold vorgelegt hat, merkt man jeden Moment die Liebe an, die sie den Kompositionen gegenüber empfinden. Perfekt ausbalanciert, von kultiviertem und lebhaftem Ton, ist die große Kontinuität des Ensembles jeden Moment zu spüren. Bei den langsamen Sätzen gelingt es den drei Musikern, die Nähe der Musik zum Kitsch zu wahren und doch keinen Augenblick bei dieser diffizilen Gratwanderung fehlzutreten (selbst in der 'Berceuse', die zu einer zutiefst innigen, eleganten Miniatur wird). Es gelingt ihnen, diese heikel darzubietende Musik von dem Ruch der Salonmusik zu befreien und nachgerade zu nobilitieren. Wünschen wir dem Ensemble noch viele neue Entdeckungen, denen es diese Frischzellenkur angedeihen lassen kann. Klangtechnik und Booklet sind wie immer tadellos (bis auf offenbar nicht ganz korrekte Kompositionsdaten sowie fehlende Abbildungsnachweise im Booklet).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Godard, Benjamin: Klaviertrios op. 32 & 72

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
19.03.2010
EAN:

760623161525


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Interpret(en):Yu, Yamei (Violine)


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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