> > > Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 5 B - Dur
Montag, 16. September 2019

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 5 B - Dur

Durchdringend


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Marek Janowskis ebenso schlanke wie durchdringend klare Interpretation von Bruckners Fünfter ist ein Erlebnis, das man nicht verpassen sollte!

Man vernimmt vom Berliner Konzertpublikum hin und wieder, dass die musikalisch überzeugendsten Orchesterkonzerte nicht den Pultstars Barenboim, Rattle und den international bekannten Gastdirigenten gelängen, sondern Marek Janowski, dem Chef des Radio-Sinfonieorchesters Berlin – jenem stillen, unprätentiösen Kapellmeister, der in jüngster Zeit vor allem mit einem von der Musikkritik einhellig als herausragend gewürdigten Brahms-Zyklus (mit Pittsburgh Symphony) auf sich aufmerksam gemacht hat. Daneben arbeitet Janowski, ebenfalls beim Label Pentatone erscheinend, an einer Einspielung der Bruckner-Sinfonien. Nach dem Einstand mit der Neunten und der nachfolgenden Sechsten liegt nun die Fünfte Sinfonie vor – eine Bruckner-Aufnahme, wie man sie heutzutage selten zu hören bekommt: forsch, klar, zugkräftig, durchdringend.

Was Marek Janowskis Bruckner-Interpretation vornehmlich auszeichnet, ist eine süffig-zugkräftige Tempogestaltung, klare Modellierung des – vor allem bei der Fünften Sinfonie – intrikaten Stimmengeflechts, forsche Auffächerung der orchestralen Klanggestalten, dies alles getragen von einer bis in die Verästelungen der reichen Polyphonie Durchdringung des Musikalischen, dabei stets das optimale Verhältnis von Detail und übergeordnetem Zusammenhang vermittelnd. Schon der erste Satz gewinnt in Janowskis Lesart eine beinahe schlank zu nennende Zugkraft, die heute selten erreicht wird. Ähnlich wie Furtwängler (der gerade die Fünfte im Vergleich zu Dirigenten der letzten Jahrzehnte die Fünfte stets ungleich schneller, gedrängter musizieren ließ) die Einleitung wirklich einmal im Alla breve nehmend, entwickelt die Musik bei Janowski in dem im Tempo ebenfalls schlüssigen Allegro-Teil einen unwiderstehlichen Sog, der in der kontinuierlich schneller werdenden Coda zu einem rasanten, geradezu musikantisch-schwungvollen Ausgang führt.

Janowski steht mit einer in den Tempi elastischen, vor allem nach vorn drängenden Interpretation, deutlich in der Tradition der Bruckner-Exegesen eines Eugen Jochum oder Carl Schuricht. Die sinfonischen Blöcke werden hier nicht durch mäßigende Ritardandi an den Kanten abgerundet, die Flexibilität des Tempos zielt vielmehr darauf, spannungsvolle Forte-Passagen mit anziehender Bewegung zu verbinden – in unserer heutigen Interpretationskultur meist als dirigentische Todsünde gehandelt. Aber wie wirkungsvoll ist doch eine solche die Spannungskurven lebendig nachzeichnende Tempogestaltung, und wie gertenschlank wirkt diese Dramaturgie, wenn man etwa Thielemann dagegenhält, der um des opulenten Schönklangs willen die Tempi dehnt, ohne dem Verständnis der orchestralen Polyphonie damit zu dienen.

Freilich, solche zum Teil richtig kecken Tempi, etwa in dem horrend schnellen Scherzo, realisieren zu können, können Janowski und das Orchester nicht auf möglichst homogene Klangentfaltung achten. Aber um puren Schönklang geht es Janowski überhaupt nicht. Vielmehr lässt er die Instrumentengruppen in ihrer farblichen Eigencharakteristik kraftvoll zu Werke gehen, wobei vor allem die kernigen Blechbläser und die ungewöhnlich präsenten Holzbläser auffallen (inwiefern letztere von der Tontechnik nachträglich nach vorn genommen wurden, ist fraglich, aber das Ergebnis spricht für sich). Diese Aufnahme darf vor allem deswegen ganz ohne Zweifel zu den hervorragenden Bruckner-Deutungen der jüngeren Geschichte gezählt werden, weil Marek Janowski das Kunststück vollbringt, die Musik nicht nur sehr charaktervoll klingen zu lassen, sondern aus der sorgfältigen Präparierung der Details einen sinfonischen Zusammenhang zu gestalten versteht. Als Beispiel dafür mag das Finale stehen, dessen Motive hier in einer klar-robusten Weise erklingen wie bei Michael Gielen, aber die Präsentation mit mehr Leidenschaft der Darstellung verbunden ist. Man höre nur, wie die Cello-Figuren des zweiten Themas in der Durchführung auf- und abtauchen, jeweils crescendierend zur Taktmitte hin, dann wieder abflachend; in solchen Details erweist sich Janowskis Realisierung als ungewöhnlich texttreu und sachdienlich, aber im Sinne einer Darstellung des kompositorischen Sinns, nicht des leeren Buchstabens.

Mag sein, dass das Orchestre de la Suisse Romande nicht jenen Schmelz aufweist wie andere Spitzenorchester. Die Streicher sind selten glänzend, vielmehr wirkt vieles farblich etwas gedeckt. Aber das passt wunderbar zu dieser auf musikalische Substanz, nicht auf oberflächlichen Glanz abhebende Interpretation, die vielleicht in dynamischer Hinsicht im Piano-Bereich noch ein wenig extremer sein könnte, im großen Ganzen aber auch klanglich erstklassig gelungen ist. Warum aber der Booklet-Autor so sehr auf Bruckners angebliche ‚Entdeckung der Langsamkeit‘ (eigentlich ist eher die Entdeckung weiträumiger Dimensionen gemeint) abhebt, wo doch Janowski eine flotte Lesart bevorzugt, die sich so wohltuend von der heutigen Bruckner-Deutung unterscheidet, will sich nicht so recht erschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 5 B - Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
23.04.2010
Medium:
EAN:

SACD
827949035166


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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