> > > Titz, Anton Ferdinand: Streichquartette für den St. Petersburger Hof Vol. 3
Dienstag, 12. Dezember 2017

Titz, Anton Ferdinand - Streichquartette für den St. Petersburger Hof Vol. 3

In guten Händen


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Hoffmeister Quartett schließt mit dieser dritten CD seine wunderbare Gesamteinspielung der zu Unrecht unbekannten Streichquartette von Anton Ferdinand Titz ab. Einen besseren Anwalt hätte Titz für seine Musik nicht finden können.

Was wäre passiert wenn? Diese Frage ist mir immer wieder beim Hören dieser CD in den Sinn gekommen. Wäre Titz nicht 1771 nach St. Petersburg an den Hof Katharinas der Großen ausgewandert, sondern in der Gegend von Wien an einem der Fürstenhöfe gelandet und vielleicht mit Haydn in einen Kompositionsdialog von Streichquartetten getreten.... Sicher hätten seine Werke nicht bis zu dieser Ersteinspielung auf ihre Wiederentdeckung warten müssen, wären auch weiter verbreitet und nicht nur noch in einem bekannten vollständigen gedruckten Exemplar vorhanden, wie seine 1808 in St. Petersburg gedruckten drei letzten Quartette. Denn wer diese Werke in der Interpretation des Hoffmeister Quartetts gehört hat, das mit dieser dritten CD seine Gesamteinspielung der Quartette abschließt, kann nicht nachvollziehen, warum sie nicht öfter in Konzerten zu hören sind.

Drei Serien von Streichquartetten sind heute noch bekannt. Die erste mit sechs Quartetten wurde 1781 in Wien veröffentlicht, im gleichen Jahr wie Haydns gattungsgeschichtlich so wichtige Quartette op.33 oder auch Boccherinis kleine Werke op.33. Die letzten Quartette, von denen hier das zweite und dritte zu hören sind, entstanden ein Jahr vor Haydns Tod und gut zwei Jahre nach Beethovens op.59. So sehr direkte Bezüge spekulativ bleiben müssen, da uns kaum Quellen zu den Werken zu Verfügung stehen, die Titz am Hof in St. Petersburg zugänglich waren (und mit welcher zeitlicher Verzögerung nach ihrem Erscheinen), so orientiert er sich doch in den Kopfsätzen deutlich am Wiener Modell mit einer Durchführung des musikalischen Materials. Dabei erreichen die ersten Sätze der späten Quartette mit Längen von knapp 10 Minuten durchaus die Dimensionen von Haydns letzten Werken. Titz komponierte die Quartette ziemlich sicher für den Eigengebrauch, denn er war als Geigenvirtuose bekannt und alle Werke weisen einen mitunter extrem anspruchsvollen Part für die erste Violine aus, der bis in höchste Lagen geht und von Christoph Heidemann und Ulla Bundies alternierend am ersten Pult exzellent gemeistert wird. Aber auch allen anderen Instrumenten, sogar der zweiten Geige, gesteht Titz in den Ecksätzen der späten Quartette große solistische Passagen zu. Die Satzanzahl ist sehr unterschiedlich und folgt keinem einheitlichen Modell. Die frühen Quartette entsprechen mit zwei und drei Sätzen eher den kleinen Quartetten Boccherinis. Nur das letzte Quartett von 1808 weist den Haydn‘schen Typus mit vier Sätzen auf. Auch sonst erinnert dieses Quartett mit seinen abrupten Charakterwechseln und seiner Kurzweiligkeit sehr an das Vorbild Haydn.

Wie auch bei den vorangegangenen Aufnahmen besticht das Hoffmeister Quartett durch perfektes Ensemblespiel und virtuose Einzelleistungen. Die Interpretation strahlt eine große Natürlichkeit aus, alle Tempi scheinen genau so zu gehören, jedes Detail wird deutlich gespielt, jeder Charakterwechsel hat seine individuelle Farbe. Man kann sich als Hörer zurücklehnen und einfach die meist fröhliche Musik (alle Werke stehen in Dur-Tonarten) genießen. Nur der lange Nachhall der Berliner Grunewaldkirche dieser sonst perfekt ausbalancierten Aufnahme stört mitunter ein bisschen.

Diese Gesamtaufnahme der Werke von Anton Ferdinand Titz sollte in keiner Kammermusik-Sammlung fehlen, und die Musik hätte es verdient, öfter von Veranstaltern und Ensembles aufs Programm gesetzt zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Titz, Anton Ferdinand: Streichquartette für den St. Petersburger Hof Vol. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
15.02.2010
EAN:

881488100303


Cover vergössern

Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Christian Starke zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Bisher unbekannte Lücke geschlossen: Keiner kennt Anton Ferdinand Titz und seine Kammermusik! Das sollte sich spätestens mit dem zweiten Teil der Gesamteinspielung seiner Streichquartette durch das Hoffmeister Quartett ändern. Sie ist ein Hörerlebnis der besonderen Art. Weiter...
    (Christian Starke, 15.10.2009)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Profil - Edition Günter Hänssler:

  • Zur Kritik... Die vierte Neunte: Historisch wertwoll mit leichter klangtechnischer Patina: Das NDR Sinfonieorchester spielt unter Kurt Sanderling Mahlers Neunte. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Schubert auf russisch: Swjatoslaw Richter spielt Schubert und erkundet dabei fast durchweg extreme Ausdrucksbereiche. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Mit Augen voll Tränen: 'Der Rosenkavalier' hier sorgsam edierte 'Rosenkavalier' von 1950 unter Rudolf Kempe sowie rarstes Bonusmaterial machen diese Produktion unverzichtbar. Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Profil - Edition Günter Hänssler...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Starke:

blättern

Alle Kritiken von Christian Starke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Jede Menge Bearbeitungen - und ein Original: Ilya Gringolts und Peter Laul überzeugen mit einer Wiedergabe von Igor Strawinskys Werken für Violine und Klavier. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... De Rore im Porträt: Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Schelle: Machet die Tore weit

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich