> > > Ruzicka, Peter : Sämtliche Werke für Streichquartett
Mittwoch, 28. Oktober 2020

Ruzicka, Peter - Sämtliche Werke für Streichquartett

Reise ins Innere des Klangs


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Minguet Quartett legt eine Einspielung des Streichquartett-Werks von Peter Ruzuicka vor, die in allen Belangen vollauf überzeugt. Eine grandiose Platte.

Endlich liegen die Kompositionen für Streichquartette von Peter Ruzicka in einer Gesamtaufnahme vor. Peter Ruzicka gehört zu den interessantesten Komponisten der Gegenwart. Er komponiert nicht im quasi luftleeren Raum auf der Suche nach unerhörten Klängen; seine individuelle, hochsensible Klangsprache ist durchdrängt von Erinnerungen und Verweisen und da, wo ihm die Musik nicht genügt, lässt er Dichter zu Wort kommen, mit Vorliebe Friedrich Hölderlin und Paul Celan. Auf subtile Weise näherte sich Ruzicka den hermetischen Metaphern des Dichters Paul Celan. Wer über Celan komponieren will, muss unweigerlich noch einmal hinab in die schwarzen Untergeschosse des 20. Jahrhunderts, schrieb der Musikschriftsteller Claus Spahn. Die Holocausterfahrungen, der Tod seiner Eltern in einem Konzentrationslager – dies sind Erfahrungen, die sich im Werk Celans tief eingegraben haben. Peter Ruzicka, der den Dichter noch kurz vor dessen Tod kennengelernt hatte, weiß um dies, aber er verfolgte in seinem Werk eine darüber hinaus gehende Zielrichtung und komponierte seine Streichquartette als existentielle musikalische Auseinandersetzung mit menschlichen Grunderfahrungen, gewissermaßen klangliche Stillleben, in denen auch Hoffnung aufleuchten kann.

Nun liegt sein Gesamtwerk für Streichquartett mit dem vorzüglichen Minguet Quartett vor. Man bekommt Einblicke von der künstlerischen Wanderschaft Ruzickas, ausgehend von den ersten Komposition aus den Jahren 1969/70 bis hin in jene klanglichen Bereiche der jüngsten Werke aus dem Jahre 2008, wo jede Geste, jedes Detail an Bedeutung vor einem brüchigen Hintergrund gewinnt. Im Vierten Streichquartett '...sich verlierend' mit Textbruchstücken von Paul Valéry, Hugo von Hofmannsthal, Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Dieter Schnebel und Theodor W. Adorno legt sich in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Text und Musik allmählich Fragment auf Fragment, wobei die komplexe und fragile musikalische Struktur bis in die kleinsten Verästelungen erfasst wird und der Hörer auf eine faszinierende Reise durch einen unerhörten klanglichen Kosmos eingeladen wird. Peter Ruzicka und Christoph Bantzer nähern sich den Texten mit einem interpretatorischen Paradoxon; sie vermischten Texturakkuratesse mit expressiver Diktion. Beiden gelang dementsprechend gewissermaßen eine textliche Kernspaltung. Vor dem Hintergrund eines interpretatorischen Bogens, der das ganze jeweilige Werk umspannt, wird jede Silbe quasi aus einem minuziös atomisierten semantischen Klangereignis heraus entwickelt. Kommt zur Sprechstimmung noch das Gesangliche hinzu, wie bei der vorzüglichen Sopranistin Mojca Erdmann, so erstrahlt der subtil mehrfach verschlüsselter Klang- und Bedeutungskosmos in seiner prismenhaften Vielfältigkeit.

Vieldimensional schimmernder Klangkosmos

Das mit phänomenalem Einsatz aufspielende Minguet Quartett widmet sich dem Werk Ruzickas mit Wachheit und intelligenter Geistesgegenwart. Peter Ruzicka erscheint in seinen Kompositionen für Streichquartette auf den ersten Blick wieder einmal als genuiner Romantiker; allzu oft wird aber übersehen, dass dies nur die klangliche Oberfläche ist, unter der es gewaltig brodelt. Und so ist es ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Herangehensweise der formidablen Instrumentalisten des Minguet Quartetts, dass sie ihre Interpretationen nicht als allerletzte Suche nach der blauen Blume der Romantik, sondern Emanzipation von klanglichen Vorurteilen gestalten und die Kompositionen als ein vieldimensional schillerndes musikalisches Geschehen gestalten, zu dem jeder Instrumentalist in gleicher Weise beizutragen hat: ein in der Tat demokratisches Ideal des Musizierens. Mit dem Minguet Quartett hat diese so sensible und fragile Musik ihren idealen Interpreten gefunden. Ungeheuer konzentriert und intim wird hier musiziert, quasi meditativ, so, als sollte es vom Hörer selbst neu entdeckt werden.

Bedauerlich, dass diese wunderbaren Werke so selten im Konzertsaal zu hören sind. Vielleicht liegt es einfach daran, dass sie eigentlich quer stehen zum Kulturbetrieb der Gegenwart, weil sie sowohl an Ausführende wie auch an Zuhörende besondere Anforderungen stellen. Der beigefügte Text von Peter Becker ist stichhaltig und informativ, die Aufnahmetechnik tadellos.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Ruzicka, Peter : Sämtliche Werke für Streichquartett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
2
01.08.2013
Medium:
EAN:

SACD
4260063108228


Cover vergössern

Ruzicka, Peter


Cover vergössern

Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Neos:

  • Zur Kritik... Mehr als einer: Isao Nakamura lässt den Hörer vergessen, dass ihm hier auf der Konserve ein einziger Musiker gegenübersteht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Wenn Chöre Geschichten erzählen: Europäisch und persisch: Die einen singen nach Noten, die anderen improvisieren. So entsteht Einzigartiges im Stil eines unverkennbaren Chorklangkünstlers. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Wie klingt die Bratsche?: Verstörende und betörende Klänge in einer klanglichen Tour de force. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Neos...

Weitere CD-Besprechungen von Michael Pitz-Grewenig:

blättern

Alle Kritiken von Michael Pitz-Grewenig...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Beethovens Mandolinist: Der Italiener Bartolomeo Bortolazzi inspirierte Beethoven und Hummel zu Werken für Hammerklavier und Mandoline. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Ziehende Wolken: Jacobs dirigiert wieder Schubert. Das macht Laune! Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Mitfiebern und mitleiden: Mit diesem Göttinger Mitschnitt kann man als Käufer und Hörer nichts falsch machen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Schumann: 3 Stücke für Klavier op. 1 - Phantasie - Impromptu

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich