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Donnerstag, 21. November 2019

Grasberger, Renate / Maier, Elisabeth / Partsch, Erich Wolfgang (Hrsg.) - Anton Bruckners Wiener Jahre. Analysen - Fakten - Perspektiven

Forderung nach neuer Sichtweise auf das trottelige Genie


Label/Verlag: Musikwissenschaftlicher Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der vorliegende Band wirft neue Perspektiven auf Bruckner und beleuchtet den soziokulturellen Kontext. Einiges aber verbleibt weiterhin im Anekdotischen.

Sowohl die Persönlichkeit wie auch das kompositorisches Schaffen Anton Bruckners werden bis in die gegenwärtige Rezeption immer wieder zur Zielscheibe gegensätzlicher Meinungen und fortwährender Missverständnisse. Eckhart Roch spricht im Zusammenhang mit dem Wiener Komponisten des 19. Jahrhunderts von einer skurrilen, merkwürdigen Rezeptionsgeschichte, welche mehr als bei jedem anderen Komponisten von Anekdoten und Klischees geprägt werde.

Der spannende Aufsatz des Würzburger Professors für Musikwissenschaften bildet hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Relevanz den Höhepunkt des Sammelbandes „Anton Bruckners Wiener Jahre“. Bereits der Titel Rochs formuliert das Spannungsfeld, in dem sich die Brucknerschen Rezeption bewegt, auf den Punkt: „Halb Genie, halb Trottel“. Nicht nur der außerordentlich lebendige und überaus anschauliche Schreibstil dieses Autors ist bemerkenswert, sondern auch die mehrfache tabellarische Gegenüberstellung verschiedener Schlagwörter, die in den letzten 200 Jahren das Bild des Komponisten prägen. Durch viele Beispiele und Zitate bewegt sich Roch auf einer sehr konkreten, nachvollziehbaren Inhaltsebene – ganz im Gegensatz zu Moritz Csáky. Dieser beschäftigt sich auf gut 20 Seiten mit dem soziokulturellen Kontext der Stadt Wien zu Lebzeiten Bruckners. Wie der Titel verrät, erörtert Csáky in seinem Aufsatz das soziale und kulturelle Umfeld des Komponisten; der Bezug zu Bruckner als Bürger dieser Stadt wird jedoch lediglich auf den letzten Seiten kurz angerissen und bleibt damit weitestgehend unbeleuchtet.

Der eher mangelnde Erkenntniswert solcher weitgreifender Ausführungen zeigt sich aber auch in den Aufsätzen, welche sich nur auf einen kleinen Lebensabschnitt oder eine kleine überlieferte Anekdote aus dem Leben Bruckners beziehen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Klaus Petermayrs Aufsatz „Im Banne des Mädchenmörders“. Hier setzt sich der Autor mit Berichten von Freunden und Kollegen Bruckners auseinander, welche eine merkwürdige sensationsgierige Neigung des Komponisten zum damaligen berühmt-berüchtigten Mädchenmörder Hugo Schenk formulieren. Inwieweit sich vom reinen Interesse an kriminellen Taten und gerichtlicher Verhandlungen Rückschlüsse auf den Charakter des Komponisten ziehen lassen, bleibt in Petermayrs Ausführungen Gott sei Dank offen. Dennoch erscheinen der inhaltliche Gegenstand und die Darstellung des Autors im Rahmen einer Auseinandersetzung mit Forschungs- und Rezeptionsproblemen Bruckners als bemerkenswert unpassend.

Ähnlich verhält es sich auch mit Elisabeth Maiers Aufsatz über „Bruckner und die Affaire St. Anna“, obwohl der inhaltliche Zugang zu einer wichtigen Periode aus Bruckners Leben einen deutlich eher an nüchternen Fakten orientierten, wissenschaftlichen Charakter als bei Petermayr trägt. Die konfliktreiche Rezeption des Komponisten wird an dem gewählten Beispiel besonders anschaulich. Hier wird der Fokus auf Bruckner als Lehrer der Lehrerinnenbildungsanstalt St. Anna gelenkt, bei welcher dieser einer Disziplinar-Untersuchung mit anschließender Arbeitskündigung aufgrund eines Gerüchtes über eine Affaire mit einer Schülerin ausgesetzt wurde. Maier begründet ihre detaillierten Erörterungen über diesen Fall mit der charakteristischen Stellung der Affaire innerhalb der Bruckner-Biographie, weil sie „als symptomatisch für Bruckners ebenso leicht entflammbares wie ungeschicktes Verhalten Mädchen und Frauen gegenüber“ gelte. Eben diese fragwürdige Begründung zeugt so klar wie nur irgend möglich für die bis in unsere Gegenwart von Vorurteilen und stereotypen Sichtweisen geprägte Rezeption des Komponisten. Folglich geben die Aufsätze des Bruckner-Sammelbandes unter der Herausgabe der österreichischen Akademie der Wissenschaften deutliche – und bei Eckhard Roch sogar explizit geforderte - Denkanstöße für eine grundlegende Revidierung nicht nur hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Bruckners, sondern auch hinsichtlich der konstruierten Parallelen zu seinem kompositorischen Schaffen.

Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Grasberger, Renate / Maier, Elisabeth / Partsch, Erich Wolfgang (Hrsg.): Anton Bruckners Wiener Jahre. Analysen - Fakten - Perspektiven

Label:
Anzahl Medien:
Musikwissenschaftlicher Verlag
1

EAN:

9783900270919

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Musikwissenschaftlicher Verlag

Der Musikwissenschaftliche Verlag (MWV) wurde 1933 von der Internationalen Bruckner-Gesellschaft (IBG) eigens für die Publikation einer von der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und der IBG herausgegebenen wissenschaftlich-kritischen Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners gegründet.

Das Verlagsprogramm beinhaltet heute neben der Anton Bruckner-Gesamtausgabe auch die Hugo Wolf-Gesamtausgabe sowie musikwissenschaftliche Literatur.

Wissenschaftlicher Editionsleiter der Bruckner-Gesamtausgabe war anfangs Robert Haas. 1938 wurden der MWV und die IBG in Wien aufgelöst und nach Leipzig transferiert, wo 1945 bei einem Bombenangriff die Verlagsbestände vernichtet wurden. Nach Kriegsende kehrten IBG, MWV und die Bruckner-Gesamtausgabe nach Österreich zurück. Von 1951 bis 1989 gab Leopold Nowak als wissenschaftlicher Leiter nahezu das gesamte Werk Bruckners neu heraus. Seit 1989 wurden die noch ausständigen Notenbände von namhaften internationalen Bruckner-Fachleuten ediert.

Die Internationale Hugo Wolf-Gesellschaft Wien wurde 1956 mit dem Hauptanliegen gegründet, eine kritisch-wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke von Hugo Wolf herauszugeben. Zum Editionsleiter wurde Hans Jancik bestellt, der ab 1960 einen Großteil der Bände edierte. 1991 gab Jancik die Editionsleitung an Leopold Spitzer weiter, der die Gesamtausgabe 1998 zum Abschluss brachte.

Die Buchproduktion umfasst in erster Linie Literatur zum Themenkreis Anton Bruckner und Hugo Wolf.
Seit 1991 erscheinen vier Schriftenreihen des Anton Bruckner-Instituts Linz (ABIL): Anton Bruckner - Dokumente und Studien, Bruckner-Jahrbücher, Bruckner-Symposionberichte und Bruckner-Vorträge.
Neu im Verlagsprogramm ist seit 2009 die Reihe Wiener Bruckner-Studien der Forschungsstelle "Anton Bruckner" (Österreichische Akademie der Wissenschaften / Kommission für Musikforschung).


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