> > > Nicolai, Otto: Orchesterwerke Vol. 2
Donnerstag, 24. Mai 2018

Nicolai, Otto - Orchesterwerke Vol. 2

Italianità und protestantischer Choral


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vol. 2 der Orchesterwerke von Otto Nicolai birgt fast nur Ersteinspielungen. Die Ouvertüren sorgfältig und inspiriert interpretiert.

Otto Nicolai – ein Jubiläum? Tatsächlich. Aber wer hätte gedacht, dass der 160. Todestag des 1810 Geborenen für die Plattenindustrie von Interesse sein könnte, wo doch sein Schaffen seit nunmehr Jahrzehnten fast durchgängig weitgehend ignoriert wird? Von der Philharmonie Südwestfalen lässt sich das nicht sagen – 1998 erschien eine erste CD mit Orchesterwerken Nicolais, seine Variationen über Themen aus 'Norma’ (mit virtuosem Klaviersolo) und seine Sinfonie enthaltend. Nun folgt – mehr als zehn Jahre später – die zweite Folge der Reihe, diesmal Variationen aus Vincenzo Bellinis 'Sonnambula’ sowie vier Ouvertüren. Werke finden wir hier, von denen manch einer schon gehört haben mag, die aber musikalisch zu erleben – wenn überhaupt – höchstens mit Hilfe der Partitur möglich war. Ein Stück natürlich ausgenommen: die Ouvertüre zu 'Die lustigen Weiber von Windsor’, ein absoluter Höhepunkt der deutschen Spieloper, für den Nicolai zu Recht (und doch viel zu wenig) berühmt ist.

Wie manch ein Zeitgenosse stand auch Nicolai dem italienischen Belcanto nicht völlig fern; das Repertoire war präsent gleich wo man ging und stand. Nachdem er 1827-1830 am Königlichen Institut für Kirchenmusik bei Carl Friedrich Zelter und Bernhard Klein studiert hatte, wurde der Dreiundzwanzigjährige Organist an der Preußischen Gesandtschaftskapelle in Rom. Hier erhielt er ab 1835 Unterricht bei Giuseppe Baini. Er beschäftigte sich in Rom intensiv mit den Werken Palestrinas und anderen altitalienischen Klassikern. Doch dem Belcanto wird er dort nicht haben ausweichen können. Im Gegenteil: 1837 arbeitete er an seiner ersten italienischen Oper 'La figlia abbandonata’ (unvollendet). 1839 wurde 'Enrico secondo (Rosmonda d'Inghilterra)’ in Triest uraufgeführt, auf ein Libretto Felice Romanis. Seine Reverenz erweist Nicolai Bellini auf dieser CD mit den 'Variazioni concertanti su motivi favoriti dell’opera La Sonnambula’ op. 26 für Singstimme, Horn und Klavier, hier in einer zeitgenössischen Bearbeitung für Klarinette und Streicher. Vom Konzept und Charakter ist das Werk (das auch auf Themenmaterial etwa aus 'I puritani’ rekurriert) ganz anders als die Konzertvariationen über 'Norma’. Aber auch hier ein Virtuosenstück par excellence, für Liebhaber dieses Genres sehr empfehlenswert. Die Einspielung ist erfreulich lebendig und bietet dem Solisten Johannes Pieper (heute erster Klarinettist der Holst-Sinfonietta Freiburg i. Br.) die Möglichkeit, seine Fähigkeiten in all ihrer Vielfalt zu zeigen.

Nach einem kurzen Aufenthalt am Wiener Kärntnertortheater 1837 kehrte Nicolai 1841 nach Wien zurück und wurde 1. Kapellmeister der Wiener Hofoper. Außerdem begründete er die Philharmonischen Konzerte Wien. Die Rückkehr nach Wien war unter anderem bedingt durch den Misserfolg seiner Oper 'Il proscritto’ an der Mailänder Scala, die Nicolai umfassend überarbeitete und 1844 unter dem Titel 'Die Heimkehr des Verbannten’ vorlegte. Die hier vorgelegte Ouvertüre besitzt viel Italianità – ohne Vorkenntnis könnte sie ohne weiteres einem italienischen Komponisten zugeordnet werden. Die lebhafte, wo erforderlich sehr poetische Wiedergabe lässt einen wünschen, die ganze Oper wäre eingespielt worden.

Vermutlich als Kaufanreiz wurde auch die Ouvertüre zu 'Die lustigen Weiber von Windsor’ eingespielt, doch muss sich ein solches Stück (als einziges auf dieser CD, alle anderen sind CD-Premieren) höchster Konkurrenz stellen. Etwas überraschend überflügelt David Stern Bernhard Klees Einspielung mit der Staatskapelle Berlin (Berlin Classics) und selbst Robert Hegers klassische Münchner EMI-Einspielung und tritt zu Rafael Kubelík (Decca) in engste Konkurrenz, ohne gleichwohl die Referenzeinspielung übertrumpfen zu können.

Zwei geistliche Ouvertüren umrahmen die genannten drei Werke – Ouvertüren über die Choräle 'Ein feste Burg ist unser Gott’ (op. 31) und 'Vom Himmel hoch, da komm ich her’ (WoO 109). Prunkvolle Musik für Festmessen – erstere zur 300-Jahrfeier der Universität Königsberg 1833, letztere 1836 entstanden und 1843/44 überarbeitet. Das Genre der Ouvertüre mit Chorbeteiligung (in beiden Werken ist der Chor ad libitum gesetzt) war im 19. Jahrhundert ein nicht unbekanntes – wenigstens Gioacchino Rossini und Robert Schumann erkundeten diesen Bereich auch. Übrigens ist Nicolai mit der letztgenannten Ouvertüre in Momenten merkwürdig nah an Schumanns Spätstil, den er klanglich hörbar beeinflusst haben muss. Die Evangelische Kantorei Siegen (die Choreinstudierung durch Ute Debus wird im Booklet leider nicht erwähnt, ebenso wenig der Organist) setzt den beeindruckenden Einspielungen eine festliche Krone auf.

Das Booklet ist tadellos – doch scheint es dem Rezensenten merkwürdig, dass der deutsche Booklettext bei Dabringhaus & Grimm wie stets erst hinter den englischen und französischen Übersetzungen folgt, auch bei genuin deutschem Repertoire. Die Aufnahmetechnik ist im Großen und Ganzen einwandfrei (die Aufnahmen stammen von 2000 und 2003), doch ist bei den beiden geistlichen Ouvertüren ein deutlich stärkerer Nachhall wahrzunehmen als bei den anderen Stücken, möglicherweise bedingt durch den anderen Aufnahmeraum.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nicolai, Otto: Orchesterwerke Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
28.08.2009
48:15
2003
EAN:
BestellNr.:

760623126821
MDG 601 1268-2


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"Otto Nicolai ist mehr als „Die Lustigen Weiber von Windsor“. Als der deutsche Komponist Mitte des 19. Jahrhunderts im Alter von nur 39 Jahren starb, hinterließ er ein vielfältiges Werk, das die Philharmonie Südwestfalen unter der Leitung von David Stern in bester MDG-Qualität nunmehr vollständig dokumentiert. Im Mittelpunkt von Vol. 2 stehen die Variations brillantes op. 26 für Klarinette und Orchester, flankiert von zwei weltlichen und zwei geistlichen Ouvertüren. Der gebürtige Königsberger fühlte sich zeitlebens in Kirchen wie in Opernhäusern zu Hause. 1833 ließ er die Berliner mit 23 Jahren erstmals aufhorchen, als er ihnen die Weihnachts-Ouvertüre über den Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ präsentierte. Fünf Jahre später publizierte er in Wien die Variationen der Schluss-Arie aus einer Bellini-Oper. Dann wieder eine kirchliche Festmusik: Nicolai aktualisierte zum 300-jährigen Bestehen der Universität Königsberg seine Ouvertüre über den Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“. 1844 gelingt dem „Maestro“ ein weiterer Kunstgriff: Aus seiner italienischen Oper „Il proscitto“ macht er die tragische Oper „Die Heimkehr der Verdammten“, deren Ouvertüre hier ebenfalls zu hören ist. „Die Lustigen Weiber von Windsor“, Nicolais letztes Bühnenwerk und zugleich sein erstes heiteres, sollten eigentlich in Wien uraufgeführt werden. Ein Streit des Komponisten mit dem Impresario des Hofoperntheaters machten diese Pläne aber zunichte. Als Kapellmeister am Königlichen Theater zu Berlin konnte Nicolai seine Vorstellungen durchsetzen und am 9. März 1849 eine umjubelte Premiere feiern. Den fortdauernden Siegeszug seines Werks erlebte der Komponist wegen eines Schlaganfalls jedoch nicht mehr: Nicolai starb am 11. Mai 1849. "


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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