> > > Deppert, Heinrich: Studien zum Frühwerk Johann Sebastian Bachs
Donnerstag, 21. November 2019

Deppert, Heinrich - Studien zum Frühwerk Johann Sebastian Bachs

'Herzliebster Bach, was hast du verbrochen'


Label/Verlag: Dr. Hans Schneider Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heinrich Deppert widmet sich in seiner Studie dem Frühwerk J.S. Bachs und unterfüttert seine These mit einer schlüssigen Argumentation.

Regelverstöße missachtet hat Johann Sebastian Bach in seinen frühesten Kompositionen zuhauf. Besonders augenscheinlich ist diese Feststellung im Hinblick auf mehrere außerordentlich findige Choralvorspiele, die der junge Bach während seiner Schulzeit in Ohrdruf komponierte.

Johann Sebastian war neun, als er die Mutter verlor, und wurde noch vor seinem zehnten Geburtstag zum Vollwaise. Der älteste Bruder Johann Christoph nahm den Jungen in Ohrdruf bei sich auf. Über Johann Sebastians Kompositionsunterricht in dieser Stadt ist nichts überliefert, jedoch versichert Heinrich Deppert in seinen ‚Studien zum Frühwerk Johann Sebastian Bachs’, dass es diesen aufgrund des hohen satztechnischen Niveaus in jungem Alter gegeben haben müsse. Auch die Hypothese, der Organist Johann Christoph Bach sei der Lehrer seines Bruders gewesen, ist der Musikwissenschaft nicht neu. Durch den klar definierten Ansatz Depperts, von einigen Frühwerken auf deren genaue Chronologie und Entstehungshintergründe zu schließen, eröffnet sich dem Leser ein interessanter und zudem gut begründeter Blick auf Bachs musiktheoretischen Entwicklungen.

Der Autor der gut 100-seitigen Studie zieht nicht nur die frühen Choralvorspiele, die in der so genannten ‚Neumeister-Sammlung’ erhalten sind, heran, wie zum Beispiel dasjenige zum Choral 'Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen'. Im ersten Teil seines Werkes untersucht Deppert zudem die so genannte ‚Möllersche Handschrift’, in welcher unter anderem Präludien, Fugen und Toccaten erhalten sind. Die Art und Weise der Stilkritik, die Deppert in diesem Teil zur genaueren Datierung einzelner Werke anwendet, ist weniger übersichtlich und durchschaubar. Zwar ist die vorangestellte kurze Darlegung des aktuellen Forschungsstandes zur Chronologie dieser Handschrift als positiv zu bewerten. Die weitere Herangehensweise des Autors ist jedoch trotz nachvollziehbarem Gliederungshinweis recht undurchsichtig. Deppert bezieht sich am Anfang seiner Ausführungen zunächst auf einige Kompositionen Bachs, von denen Mehrfachfassungen vorliegen. Durch genaue Untersuchungen der jeweils vorgenommenen Veränderungen wird der Versuch unternommen, aus diesen nur wenigen Beispielen Rückschlüsse für die gesuchte Chronologie aller Werke der Handschrift zu ziehen. Schon auf sprachlicher Ebene problematisch sind die unzähligen Bandwurmsätze Depperts, welcher aus einer Anhäufung von Substantivierungen und adverbialen Zusätze bestehen. Die Ballung musiktheoretischer Fachtermini macht zudem den Einstieg in die an sich gut belegten Ausführungen nicht leicht. Umso hilfreicher sind die zahlreichen Notenbeispiele, die Deppert zwar in großer Menge anbringt, doch ist der Verweis auf das jeweilige Exempel im Text aufgrund komplizierten Satzaufbaus nicht immer so ersichtlich.

Mehr Licht ins dunkle Geflecht der Untersuchungen bringt Deppert erst zu Ende dieses ersten Großkapitels, in welchem er endlich auf die möglichen Datierungen der betrachteten Werke zu sprechen kommt, nachdem bislang Kompositionsmerkmale aufgedeckt, miteinander verglichen und in die Kompositionscharakteristika von Bachs Zeitgenossen eingegliedert wurden. Zum ersten Mal erwähnt der Autor, dass der untersuchten Handschrift bisher zwei oder drei Daten als mehr oder weniger sicher zugewiesen sind, bevor er selbst tabellarisch seine Chronologie von 14 Werken im Anschluss an die Untersuchungen aufzeigt.

So schwer Deppert dem Leser den Zugang zu seinen Betrachtungen in der ‚Möllerschen Handschrift’ macht, so leichter fällt dieser doch im zweiten Kapitel, wo ausschließlich Choralvorspiele behandelt werden. Auf eine deutlich entspanntere und damit verständlichere Art gibt er hier spannende Hinweise, wie der Kompositionsunterricht bei Johann Christoph für den jungen Bach verlaufen sein könnte. Die Rückschlüsse für Annahmen, das bestimmte Kompositionen dem Lehrer nicht gefallen haben, zieht Deppert auf eine leicht nachvollziehbare Weise aus den Entwicklungen der Choralvorspiele in Hinblick auf äußere musikalische Form und deren innere Gestaltung durch Behandlung mehrerer Stimmen und angewandter rhetorischer Figuren.

Letzten Endes kommt Deppert zu dem Ergebnis, dass es sich bei der musikalischen Vielfalt der Choralvorspiele um Werke gehandelt haben muss, die Johann Christoph seinem kleinen Bruder zur Entwicklung solider Kompositionskenntnisse aufgab. Dass Johann Sebastian bereits in so jungen Jahren kompositorische Möglichkeiten erprobte, die gegen die traditionell strenge Satztechnik verstießen, veranlasste den Lehrer offensichtlich zu gehörigem Tadel gegenüber seinem kleinen Bruder und zu Unnachgiebigkeit bei der Suche nach „Kompositionsfehlern“. Entgegen den althergebrachten und gelehrten Kompositionstechniken hatte Johann Sebastian schließlich allerhand Kühnes verbrochen!

Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Deppert, Heinrich: Studien zum Frühwerk Johann Sebastian Bachs

Label:
Anzahl Medien:
Dr. Hans Schneider Verlag
0



Cover vergössern

Dr. Hans Schneider Verlag

1958 fügte Hans Schneider seinem 1949 gegründeten Musikantiquariat einen musikwissenschaftlich ausgerichteten Verlag hinzu. Lag anfangs der Schwerpunkt in der Herausgabe wichtiger Quellen zur Musikgeschichte als Faksimiles, sind nach und nach auch etliche wissenschaftliche Buchreihen hinzugekommen. So arbeitet der Verlag unter anderem mit etablierten musikwissenschaftlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum zusammen. Zu nennen sind hier:

Die Universitäten Frankfurt, Mainz, München, Regensburg, Tübingen, Wien und Würzburg, die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, das Kunsthistorische Museum in Wien, die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte, die Musikhochschule München, der Landesverband Bayerischer Tonkünstler, die Johannes-Brahms-Gesellschaft Internationale Vereinigung, die Hans Pfitzner-Gesellschaft, die Internationale Richard Strauss-Gesellschaft, die Internationale Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft, das Wiener Institut für Strauß-Forschung, die Internationale Joseph Haydn Privat-Stiftung Eisenstadt, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik.

Als Verleger hat Hans Schneider ebenso viele Standardwerke herausgebracht, so u. a. Stiegers Opernlexikon, die achtbändige Dokumentation Carl Orff und sein Werk, den Katalog der Sammlung Anthony van Hoboken, Werkkataloge von Brahms, Bruckner, Clementi, Franck, Lully, Schumann, Spohr und Wagner, ebenso die Dokumente und Briefe des Walzerkönigs Johann Strauß (Sohn) und eine Dokumentation über die Geigenbauer der Deutschen Schule des 17.-19. Jahrhunderts von W. Hamma, als auch über die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart von Willibald Leo von Lütgendorff.

Schwerpunkte im Verlagsprogramm sind musikbibliographische Arbeiten, Musikinstrumentenkunde, Musikgeschichte, Studien zum Musikverlagswesen sowie Reprints wesentlicher Quellen zur Verlags- und Musikgeschichte.

Seit der Gründung des Verlags sind über 1250 Titel bei ?Hans Schneider ? Tutzing? erschienen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Dr. Hans Schneider Verlag:

  • Zur Kritik... Spannende Publikation zum Instrumentenbau und seinen Rahmenbedingungen im 19. Jahrhundert: Das von Uta Goebl-Streicher edierten 'Reisetagebuch des Klavierbauers Joahnn Baptist Streicher' leistet einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des zeitgenössischen Klavierbaus und der Infrastruktur des Musikgeschäfts im 19. Jahrhundert. Weiter...
    (Meike Wiese, )
  • Zur Kritik... Überfällig: Michael Wackerbauers großartiges Buch über die Geschichte der groß besetzten Streicher-Kammermusik und ihre kompositorischen Besonderheiten ist nicht nur ein wichtiges wissenschaftliches Buch, sondern auch eine Fundgrube für Musiker. Weiter...
    (Christian Starke, )
  • Zur Kritik... Gelungenes Werkverzeichnis: Auch der zweite Band von Ingo Gronefelds Überblick über das barocke Repertoire für Flauto traverso und Flauto dolce eröffnet dem Praktiker einen breiten Blick in die zur Verfügung stehenden Werke. Weiter...
    (Marion Beyer, )

Alle Kritiken von Dr. Hans Schneider Verlag...

Weitere CD-Besprechungen von Marion Beyer:

  • Zur Kritik... Inspiration und Prävention: Dieses Grundlagenwerk richtet sich an alle, die praktisch mit Musik zu tun haben. Trotz des breit adressierten Zielpublikums geht es in angemessener Weise in die Tiefe. Der Abschnitt mit praktischen Übungen könnte allerdings umfangreicher sein. Weiter...
    (Marion Beyer, )
  • Zur Kritik... Wiederbelebte Gattung der Opernfantasie: Die vorliegende Aufnahme ist ein schöner Beitrag zur immer mehr vergessen Gattung der Opernfantasie, deren Zweck als Erinnerung an Opern und ihre Melodien in Zeiten der ständigen Abrufbarkeit von Medien hinfällig ist. Weiter...
    (Marion Beyer, )
  • Zur Kritik... Mädchenhaftes Sein und Fühlen: Packende, mitreißende Interpretationen von Liedern Hugo Wolfs und Richard Strauss' und seltenes Repertoire mit Kompositionen von Ludwig Thuille sorgen für ein genussvolles, spannendes Hörerlebnis. Weiter...
    (Marion Beyer, )
blättern

Alle Kritiken von Marion Beyer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich