> > > Bach, Johann Nicolaus: Der Jenaische Wein- & Bierrufer - Musical Humor with the Bach Family
Sonntag, 20. Oktober 2019

Bach, Johann Nicolaus - Der Jenaische Wein- & Bierrufer - Musical Humor with the Bach Family

Lachte Bach?


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachscher Humor

Hat Johann Sebastian Bach gelacht? Mit Sicherheit. Ein Leben mit zwei Frauen und zwanzig Kindern, ist ohne Humor nicht zu ertragen. Scherz beiseite. Der erste Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel, eigentlich durchaus mitverantwortlich für Bachs Image als in sich gekehrter, der geistlichen Musik zugewandter Komponist, berichtet selbst von den Familienzusammenkünften der über weite Teile Thüringens verstreut lebenden Bach-Sippe: ?Sie sangen nemlich nun Volkslieder, theils von possierlichem, theils schlüpfrigem Inhalt zugleich miteinander aus dem Stegreif [...] und konnten nicht nur selbst von gantzem Herzen dabey lachen, sondern erregten auch ein eben so herzliches und unwiderstehliches Lachen bey jedem, der sie hörte.?

Zwar scheint von Johann Sebastian kein Werk ausgesprochenen Humors überliefert, dafür finden sich in den weitverzweigten Armen seiner Sippe genügend talentierte Komponisten, die mit Witz und scharfer Beobachtungsgabe die kleinen Schwächen ihrer Mitmenschen humoristisch-parodistisch aufs Korn nahmen. Hermann Max hat mit seinem Ensemble ?Das kleine Konzert? eine vergnügliche Auswahl bei cpo aufgenommen.
Da wäre zunächst der titelgebende ?Jenaische Wein- und Bierrufer? des etwa gleichaltrigen Johann-Sebastian-Vetters vierten Grades, Johann Nikolaus Bach (1669?1753). Darin werden naseweise Studenten ebenso wie ein Trunkenbold veralbert, und am Ende gehen alle ein wenig schlauer aus dem Streich. Zwar scheint sich der deutsche Humor nur dann richtig entwickeln zu können, wenn Alkohol im Spiel ist, aber die Musik entschädigt für den einen oder anderen klischeehaften Scherz. Und die Interpretation durch Beat Duddeck (Peter), Dieter Wagner (Clemon), Ekkehard Abele (Wirt Caspar) und Markus Schäfer (Ausrufer Johannes) entschädigt sowieso.

Des weiteren finden sich einige kleinere Lieder des Johann-Sebastian-Enkels Wilhelm Friedrich Ernst (1795?1845) in der Sammlung, die alle eine Atmosphäre des Biedermeier erzeugen und ein Beispiel dafür geben, worüber man vor 200 Jahren lachen konnte: Ein griesgrämiger Alter, der das Zusammenleben mit seiner Frau durch ein detailliertes Gesetzbuch regeln will und dadurch sein Leben aufs Spiel setzt, ein Duetto comico zwischen einem Dichter und einem Komponisten, die von ihrer geistvollen Arbeit durch fahrende Händler abgehalten werden, ein besinnliches Terzett über den Pfad des Lebens und ein Quartett über den Vorsatz, der immer dann herangezogen wird, wenn das eigene Versagen aus menschlicher Schwäche angesichts einer Herausforderung umgangen werden soll.
Der jüngste Bach-Sohn Johann Christian (1735?1782) steuerte zwei Lieder bei, eines preist die Natur des Waldes, das andere ist die Beschreibung eines Landes, in dem alle Ämter von Tieren übernommen werden. Die Parodie auf die Gesellschaft ist offensichtlich und funktioniert sogar heute noch, wenn ein Chamäleon als Kanzler, Strauße und Pfauen als Ritter und Habichte als Steuereintreiber herhalten müssen. Zehn kurzweilige Strophen lang wird man mit den zeitgenössischen Verhältnissen vertraut gemacht.

Zu guter letzt folgt der Beweis, wie man sich einen biblischen Text zurecht legen kann, um ihn für weltliche Zwecke zu nutzen. Johann Christoph Bach, Vater von Johann Nikolaus, komponierte auf einen Text aus dem Hohelied Salomos einen Hochzeitsdialog für eine innerfamiliäre Eheschließung, der jedoch nicht für die Trauung in der Kirche, sondern für das anschließende Hochzeitsmahl bestimmt war. Denn das Fazit aus dem Stück sind nicht die besten Wünsche für die Zukunft des jungen Paares (selbstverständlich auch das), sondern für die Gäste des Banketts: ?Esset meine Lieben, und trinket, meine Freunde, und werdet trunken.? Das I-Tüpfelchen bekommt das Werk durch die Erläuterungen von Johann Ambrosius Bach, dem Vater des bekanntesten aller Bäche. Augenzwinkernd erläutert er, freilich immer in Bezug auf die biblische Textvorlage, die Bedeutung der Musik und der Handlung der Kantate, das Zu-Bett-Gehen am Ende eingeschlossen.

Heutzutage finden sich zwar keine Schenkelklopfer mehr unter den Werken der Bach-Sippe, aber für ein breites Schmunzeln reicht es allemal. Zusätzlich erhält man einen winzigen Einblick in das durch viel zu wenige private Zeugnisse dokumentierte Familienleben von Johann Sebastian Bach. Hermann Max und seine Musikerinnen und Musiker schienen bei der Produktion ebenfalls ihren Spaß gehabt zu haben. Besonders in den Ensembles sprühen hörbar die Funken zwischen den Akteuren. Diese CD macht Spaß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Dirk Jaehner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Nicolaus: Der Jenaische Wein- & Bierrufer - Musical Humor with the Bach Family

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
64:50
2001
2001
Medium:
BestellNr.:
CD
cpo 999 797-2

Cover vergössern

Bach, Johann Christian
Bach, Johann Christoph Friedrich
Bach, Johann Nicolaus
Bach, Wilhelm Friedemann


Cover vergössern

Dirigent(en):Max, Hermann
Interpret(en):Rémy, Ludger (Harpsichord & Pianoforte)
Rheinische Kantorei,


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Unbekanntes aus England: John Eccles und Gottfried Finger waren produktive Komponisten für Schauspielmusiken für das New Theatre Lincoln's Inn in London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klarer Anschlag: Oliver Triendl hat zusammen mit dem Orchester der norwegischen Stadt Kristiansand unter Hermann Bäumer drei hörenswerte Klavierkonzerte von Julius Röntgen eingespielt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Feinsinnige Liedkunst: 27 hochkarätige Liedminiaturen, die alles andere als Petitessen sind. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dirk Jaehner:

blättern

Alle Kritiken von Dirk Jaehner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Besser ungewohnt als traditionell: Mit dem Violinkonzert von Einojuhani Rautavaara scheinen sich die Musiker hier wohler zu fühlen als bei Sibelius. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekanntes aus England: John Eccles und Gottfried Finger waren produktive Komponisten für Schauspielmusiken für das New Theatre Lincoln's Inn in London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Das alternative Brahms-Erlebnis mit Otto Klemperer: Bevor Otto Klemperer die Brahms-Symphonien für EMI in London im Studio einspielte und damit einen Meilenstein der Brahms-Diskografie schuf, dirigierte er die Vierte 1957 live in München. Jetzt wurde der Mitschnitt neu remastered auf CD veröffentlicht. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Paul Ben-Haim: Cello Concerto - Sostenuto e languido

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich