> > > Chisholm, Erik: Klavierwerke Vol. 3
Freitag, 19. Oktober 2018

Chisholm, Erik - Klavierwerke Vol. 3

Minimalistisch und komplex


Label/Verlag: Divine Art
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Von der historistischen Sonatine bis zur ambitionierten mehr als halbstündigen Sonate spannt sich das Programm dieser CD.

Der schottische Komponist Erik Chisholm schrieb sechs Sonatinen für Klavier, deren erste zwei hier zu hören sind. Sie sind bewusst ‘im alten Styl’, wie Max Reger geschrieben hätte, d.h. verbinden barocke Formideen und strengen Kontrapunkt mit zeitgemäßer Ästhetik. So gelingen Chisholm äußerst reizvolle Kreationen (im Falle dieser beiden Sonatinen ganz unterschiedlicher Couleur), jeweils basierend auf Kompositionen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Während die erste Sonatine nachgerade historistisch daherkommt, reißen die ersten zwei Sätze der zweiten Sonatine das Originalmaterial auf in Richtung Chisholms ureigenster Materialbehandlung, ehe sie der dritte Satz mit einem brillanten Variationenzyklus über Guardeme las Vacas von Andriques de Valderravano krönt.

Chisholms ganz eigener Stil ist noch weitaus offenkundiger als in seinen Sonatinen in den 'Piobaireachd' verbundenen Kompositionen, etwa dem fast viertelstündigen 'Piobaireachd' für Klavier (Entstehungsjahr nicht genannt). Es wäre viel zu kurz gegriffen, diese Musik mit Dudelsackmusik des schottischen Hochlandes zu verbinden ('Piobaireachd' bezeichnet Variationen über solche Melodien), denn jede scheinbare Einfachheit (die in den Piobaireachd ohnehin selten existiert) überhöht Chisholm zu höchst kunstvollen, aber nicht künstlich klingenden Gebilden, die komplexe Rhythmik, Kontrapunktik und Polytonalität gleichermaßen nutzen. Die die CD eröffenende viersätzige Komposition ist eine Art Phantasie über gegebene Themen, sie beginnt mit einem geradezu erschlagenden guten siebenminütigen Satz, der in seiner Vielfalt das auf der CD Kommende geradezu komprimiert vorwegnimmt, und endet mit 'Failt' an t-Siosalaich' (dem 'Chisholm Salute'). Als gebürtiger Glasgower war Chisholm stolz auf seine Hochland-Abstammung, die hier eine beeindruckende musikalische Manifestation erlebt.

Die beiden (nicht datierten) 'Piobaireachd Laments' sind im Vergleich zu dem eröffnenden 'Piobaireachd' introvertierter. Das erste Lament (über 'Cumha Dhomhnuill Bhain Mhic Cruimein') hat einen stark improvisatorisch-impressionistischen Charakter, doch erweist es sich im weiteren Verlauf als sorgfältig aufgebaut; es sollte die Basis für den zweiten Satz von Chisholms erstem Klavierkonzert bilden. Das zweite Lament nutzt ähnliche Texturen wie das erste, und wie das erste ist es emotional durchaus anspruchsvoll: Nicht ganz unzutreffend schreibt der Bookletautor und Chisholm-Biograf, im Verlauf des Stücks verwandle sich das Lament Stück für Stück zu Eis.

Mit scheinbar harmlosen Terzketten hebt die 'Cornish Dance Sonata' von 1926 an, die letzte Komposition auf dieser des schottischen Komponisten Erik Chisholm. Doch in weniger als einer Minute sind wir in einer elegischen, harmonisch reichen Komposition. Der erste Satz entsteigt einer der 'Cameos' (auf CD 4 der Reihe zu hören), doch haben wir hier eine substanzielle, mehr als dreißigminütige anspruchsvolle Sonatenkomposition, die zwar ihre Entstehungszeit - noch nahe an der Nachromantik Bax' oder Bridges, doch klar ins 20. Jahrhundert gerichtet. Der zweite Satz mit seinen steten Taktwechseln klingt fast mehr französisch als britisch, der skurrile dritte Satz beginnt gar mit Anklängen in Richtung Orff, obschon Chisholms ganz eigener Stil stets offenkundig bleibt. Ein wenig klingt der Klavierstil seines Freundes Kaikhosru Sorabji an, doch auch Medtner ist nicht völlig fern. Der Chisholm-Biograf John Purser bezeichnet die Sonate als ‘A youthful show-piece rather than a major work’, doch ist sie durchaus weit mehr als bloß ein Showpiece; sowohl musikalisch als auch vom inneren Anspruch hat diese (zugegebenermaßen jugendlichen Elan versprühende) Komposition weitaus mehr zu bieten. Murray McLachlan bietet das Werk - wie auch alle anderen Werke auf dieser dritten CD mit Klavierwerken Chisholms - hochvirtuos und doch tiefgründig durchdacht (manchmal ist vielleicht sein Fortissimo etwas zu laut). Tontechnik und ein informatives Booklet tragen zum überaus positiven Gesamteindruck bei.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Chisholm, Erik: Klavierwerke Vol. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Divine Art
1
06.11.2008
EAN:

809730413322


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Divine Art

Divine Art wurde von Stephen Sutton 1993 gegruendet und ist in den letzten Jahren schnell gewachsen mit einem Repertoire von klassischer Musik (und jetzt auch ?mow Swing?, leichte Musik und Jazz) jeglicher Art, von Mittelalter über Barock, Klassik, Oper bis zur heutigen Moderne. Anfang 2009 wurde Heritage Media in Divine Art integriert, eine Firma, die sich auf klassische Radio Programme und Dramen mit den berühmtesten Britischen und Amerikanischen Film- und Theater Schauspielern der 1940 und 1950iger Jahre spezialisiert. Diese Werke werden bald per Katalog und per download für Divine Art Kunden zu kaufen sein.

Divine Art spezialisiert sich auf die Entdeckung und Aufnahme unbekannter Werke von wichtigen Komponisten wie beispielsweise Mozart, Schubert und einige der wichtigsten Britischen Komponisten. Hauptserien schliessen alle 90 Pianosonaten von B. Galuppi, die neulich entdeckte Orchester- und Kammer-Musik von dem in Newcastle upon Tyne geborenen Charles Avison und Weltpremieren von Musik für Piano Duo, ein

Innerhalb Divine Art umfasst die ?Diversions? - Niedrigpreis Serie viele neue Aufnahmen wie auch Neu-Ausgaben von historischen Aufnahmen. Unsere ?Historic Sound? Serie von alten Klassikern, 2005 gegruendet, hat Preise fuer besondere Restaurationsqualitaet gewonnen. Seit 2008 verfügt Divine Art über eine Zweigstelle in den USA.


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