> > > Foulds, John Herbert: A World Requiem op. 60
Montag, 24. Januar 2022

Foulds, John Herbert - A World Requiem op. 60

Dem Vergessen entrissen


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wiederauferstehung nach über 80 Jahren der Nichtbeachtung: John Herbert Foulds musikalisches Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erhebt sich zu neuer Aktualität und Eindringlichkeit. Eine Sternstunde der Interpretation.

Friedensverträge werden nicht auf Notenpapier geschrieben und Mahnmale in Stein gehauen statt in Töne gesetzt. Benjamin Britten hat diese Aussagen mit seinem ‚War Requiem’ Lügen gestraft. So sehr die Popularität des ‚War Requiem’ dem Werk das Etikett des Singulären aufgedrückt haben mag, so ist seine Idee dennoch einem vierzig Jahre früher entstandenen musikalischen Mahnmal geschuldet: John Herbert Foulds ‚World Requiem’. Nie gehört? Das kann nicht weiter verwundern, hat doch Englands Musikgeschichte selbst eines ihrer größten Genies über ein ganzes Menschenleben lang sträflich vernachlässigt. Foulds Klavierkonzert ‚Dynamic Triptych’ beispielsweise wurde zwischen 1933 und 2005 nie öffentlich aufgeführt. Dem Musikestablishment muss der politisch radikal denkende Foulds, der seinen Lebensunterhalt mit der Komposition leichter Musik bestritt, um seine ehrgeizigen Projekte realisieren zu können, ein Dorn im Auge gewesen sein. Ein Freigeist mit suspektem Lebenswandel, ein Esoteriker mit Hang zu indischer Musik, nichtwestlicher Harmonik, ein Experimentator, der sich schon früh mit der Unterteilung des Tons in Vierteltöne beschäftigte, wurde aufführungspraktisch so gründlich unter den Tisch gekehrt, dass es drei Generationen bedurfte, dieses Unrecht wieder gut zu machen. Über 80 Jahre nach seiner letzten Darbietung kehrte im November 2007 John Herbert Foulds ‚World Requiem’ mit der Aufführung in der Royal Albert Hall an den Platz zurück, wo es zwischen 1923 und 1926 (mit Ausnahme des Jahres 1925) regelmäßig am 11. November anlässlich der Feierlichkeiten zum Waffenstillstand von 1918 erklang. Leon Botstein hat das beinahe alle Rahmen sprengende Unterfangen gewagt, dieses gigantische Werk mit dem BBC Symphony Orchestra, dem BBC Symphony Chorus, dem Philharmonia und Crouch End Festival Chorus sowie dem Trinity Boys Choir wiederauferstehen zu lassen. Gemeinsam mit den Solisten Jeanne-Michèle Charbonnet, Catherine Wyn-Rogers, Stuart Skelton und Gerald Finley ist Botstein eine ungemein packende musikalische Inszenierung dieses Riesenwerks gelungen, deren Wirkung auf das Publikum auch auf CD spürbar ist. Chandos hat den Live-Mitschnitt veröffentlicht.

Mahnung in alle vier Himmelsrichtungen

Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs machte sich Foulds an die Komposition seines ‚World Requiem’, dessen Textgrundlage Verse aus den Psalmen, den Evangelien, der Offenbarung des Johannes, Passagen aus John Bunyans ‚The Pilgrim’s Progress’ sowie englische Übersetzungen hinduistischer Dichtung bilden. Als ‚klingendes Mahnmal’ wurde dieses Requiem auf dem Titelblatt des Programms zur Uraufführung 1923 bezeichnet. Besser ließe sich das Werk nicht umschreiben. Denn Foulds gestaltete seine Musik nicht eindimensional, sondern geradezu dreidimensional und im wahrsten Sinne wie ein Musik gewordenes mahnendes Monument. Da schallen aus allen vier Himmelsrichtungen Trompetenchöre ihre Fanfaren als Aufruf an die Völker der Erde, Frieden zu halten. Da sind die etlichen Chöre räumlich so intrikat disponiert, dass das Schaffen von Klangkontrasten plakativer Monumentalität entgegenwirkt. Freilich steigert Foulds hier und da, wenn der Text es einfordert, die Musik in schier unermessliche dynamische Regionen, wenn alle Chöre und das volle Orchester zusammen agieren. Die Grenze zum Plakativen jedoch überschreitet Foulds hierin aber nie. Stilistisch ist Foulds ‚World Requiem’ vielschichtig gearbeitet: hier lugt mal etwas Elgar hervor, da findet expandiertes Psalmodieren in reinster Modalität statt, dort finden sich deutliche Anklänge an Gospelgottesdienste (man höre nur die ‚Jubilatio’ mit ihren antiphonalen Wechseln in Fern- und Nahchören). Immer aber vermag es Foulds, dem Werk eine Einheitlichkeit zu verleihen. Ohne Übertreibung muss man sagen: es ist dies ein genial gemachtes Stück. Und man fragt sich beim Hören fortwährend, warum seine Wiedererweckung über 80 Jahre dauerte.

Eine Sternstunde

Die Plattenpremiere von John Herbert Foulds ‚World Requiem’ ist zugleich eine Referenzeinspielung. Eine Sternstunde der Interpretation wie der klanglichen Wiedergabe. Dirigent Leon Botstein gelingt tatsächlich der direktorisch so anspruchsvolle Akt, die Massen an Chören und Orchesterkräften nicht einfach halbwegs unbeschadet durch Dick und Dünn der energetisch aufgefüllten Partitur dieses ‚Requiems der Tausend’ zu führen, nein er bringt das Kunststück fertig, die Ensembles herrlich transparent agieren zu lassen. Vokale und instrumentale Ebenen sind klanglich ganz außerordentlich plastisch ausbalanciert, dynamisch feintariert und zugleich kontrastreich gegeneinander abgesetzt. Die Chöre singen ungemein textdeutlich und in nahezu unverschämt perfekter Homogenität. Immer punktgenau, stets volumenreich, klangsatt und phrasensicher addiert das BBC Symphony Orchestra diese Sternstunde der Interpretation zu den vielen Sternstunden, die dieses Orchester in der Vergangenheit auf dem Podium oder im Aufnahmestudio hatte. Der heftig vibratöse Sopran Jeanne-Michèle Charbonnets mag für ihren deklamatorischen Part vielleicht ein wenig zu scharfkantig und unruhig geraten sein. Deklamation, mehr denn ariose Phrase, ist Foulds komponiertes Gebot für die Solisten. Dem kann Catherine Wyn-Rogers Mezzosopran mit ihrem kernigen, aber doch fein abschattierenden Timbre indes mehr abgewinnen als ihre Soprankollegin. Stuart Skelton wartet mit einem dezidiert markant näselnden typisch englischen Ton auf, dessen helle Färbung nicht geeigneter für seine Tenorpartie sein könnte. Und schließlich stellt der Kanadier Gerald Finley einmal mehr unter Beweis, einer der weltbesten Baritone der Gegenwart zu sein: die Gratwanderung zwischen epischer Breite und dramatischer Geste, die Foulds Requiem zueigen ist, wird gleichsam in der Partie des Bariton fokussiert. Finley schafft eine Synthese aus beidem und wird dabei seinem enorm kräftezehrenden Part vollauf gerecht.

Chandos’ Tontechniker haben bei diesem Mitschnitt aus der Royal Albert Hall nichts weniger als einen Geniestreich vollführt. Selten wurden die akustischen Probleme dieser Halle tontechnisch so meisterhaft gelöst, wie in dieser Aufnahme. Dem Hörer präsentiert sich ein natürliches Klangbild in wunderbar räumlicher Disposition nach Maßgabe des Werks und ein dynamisches Spektrum, die den heimischen Lautsprechern durchaus Angst einjagen könnte.

Eindeutig und unumwunden empfehlenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    Foulds, John Herbert: A World Requiem op. 60

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
25.01.2008
Medium:
EAN:

SACD
095115505823


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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