> > > ´Das Reichsorchester´: Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus
Sonntag, 20. Oktober 2019

´Das Reichsorchester´ - Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

? und die Musik spielt dazu


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ?Das Reichsorchester? schließt Filmemacher Enrique Sánchez Lansch auf kongeniale Weise eine wichtige Lücke in der Aufbereitung der Geschichte der Berliner Philharmoniker. Unbedingt ansehen!

125 Jahre alt sind die Berliner Philharmoniker im Jahr 2007 geworden. Eine lange Wegstrecke musikalischen Ruhmes ist dieses Orchester gegangen, aber auch eine Wegstrecke ideologischer Stolpersteine. Die Zeit von 1933 bis 1945 stellte 60 Jahre lang eine Lücke in der Aufbereitung der Geschichte dieses Orchesters dar. Im Jahr des glorreichen Jubiläums der Berliner Philharmoniker macht nun Enrique Sánchez Lansch mit seinem Film ‚Das Reichsorchester’ auf die braunen Flecken im weißen Notenpapier des Orchesters aufmerksam. 2005 betrachtete er in seiner preisgekrönten Dokumentation ‚Rythm is it!’ die Lichtseite der Philharmoniker, die sich mit ihrem aktuellen Chefdirigenten Sir Simon Rattle einem Tanzprojekt mit 250 Schülern widmeten und demonstrierten, wie engagiert sich die Musiker einer jungen Generation annehmen, um sie an die Musik heranzuführen. Derselbe Filmemacher leuchtet nun also die Schattenseiten in der Geschichte des Orchesters aus und tut dies mit einem Film, den die Presse mit Superlativen belegte. ‚Großartig, behutsam und eindrucksvoll, klug und weise’ schrieb ‚Die Welt’ und die ‚taz’ fasste zusammen: ‚Einer der besten Dokumentarfilme der letzten Zeit’. Jetzt erscheint Lanschs Film, eine Koproduktion von ‚Eikon Media’ und dem RBB in Zusammenarbeit mit ‚Cine Impuls Berlin’, bei ‚Arthaus’ auf DVD.

Fernab von Verklärung und Persilschein

Als die Berliner Philharmoniker, die sich mehr als 50 Jahre als GmbH selbst verwalteten und unabhängig musizieren konnten, in den frühern 30er Jahren in wirtschaftliche Not geraten, scheitern alle Versuche, Unterstützung durch die Stadt Berlin zu erhalten. Bald schon wird das Orchester Goebbels’ Propaganda-Ministerium unterstellt und wird zum ‚Reichsorchester’. Die vier jüdischen Mitglieder der Philharmoniker müssen das Orchester verlassen, eine Maßnahme von Goebbels’ erfolgreichem ‚Personal-, System- und Richtungswechsel’ nach 1934. Das Ensemble wird zum repräsentativen Kulturträger des deutschen Volkes, spielt von 1937 bis 1944 jedes Jahr zu Hitlers Geburtstagsfeierlichkeiten, und erfährt eine konsequent betriebene Politik der ‚Arisierung’. Die Berliner Philharmoniker umrahmen die Reichsparteitage in Nürnberg, die Eröffnung der Olympischen Spiele des Jahres 1936 und spielt regelmäßig für die Organisation ‚Kraft durch Freude’, geht auf Auslandsreisen, unternimmt Wehrmachtsreisen. Nach Rotterdam zum Beispiel, im Jahr 1941. Dort gewinnen die Musiker einen Eindruck von der Zerstörungswut von Bomben, die auch bald die deutsche Heimat treffen werden. Der Film ‚Die Philharmoniker’ aus dem Jahr 1944, aus dem immer wieder Ausschnitte in Lanschs Dokumentation zu sehen sind, wird gleichsam zur cinematographischen Gloriole des Orchesters.

Wie aber erging es den Musikern selbst? Was empfanden sie? Enrique Sánchez Lansch lässt Zeitzeugen selbst die Antwort geben, denn sein Film gewinnt seinen dezidiert dokumentarischen Charakter allein aus den Einzelschicksalen und Berichten der beiden letzten überlebenden Philharmoniker jener Zeit des Dritten Reichs, aus Erzählungen der Angehörigen weiterer Orchestermitglieder sowie aus zahlreichen Filmausschnitten, Fotos und Dokumenten. Da ist zum Beispiel der heute 96-jährige erste Geiger Johannes Bastiaan. Seit 1934 Orchestermitglied, empfand er das Orchesterkollektiv, nachgerade diesen Mikrokosmos des Musikantentums ‚wie unter einer Glasglocke’, wie er im Interview sagt. Man wollte Musik machen, nichts weiter. Und man genoss die Vorteile des Privilegs, in diesem Orchester spielen zu dürfen, vor allem unter Wilhelm Furtwängler spielen zu dürfen. Die Musiker waren zudem vom Kriegsdienst befreit. Der Kontrabassist Erich Hartmann, heute 87 Jahre alt, will zu Beginn des Films klargestellt haben: ‚Dass wir ein Nazi-Orchester gewesen sind, das muss ich ablehnen, ich sehe das vollkommen anders.’ Dem fügt Johannes Bastiaan hinzu: ‚Politisches Denken war ein Tabuthema’. Gleichwohl gab es in den Reihen der Musiker ‚eine Handvoll Nazis’, die durch selbstverfasste Eingaben und Aufrufe ihre Weltanschauung offen kundtaten. Es sind gerade diese Momente, die die Stärken von Lanschs Dokumentation ausmachen, weil der Zuschauer die Ambivalenz zwischen Künstlertum und politisch-gesellschaftlicher Verantwortung aus – mitunter gar privaten - filmischen Dokumenten, Fotos und Erinnerungen selbst reflektieren muss – als mündiger Zuschauer des 21. Jahrhunderts, wie Lansch im Vorwort des Beihefts dieser DVD selbst es verstanden wissen möchte. Hier wird nichts gewertet, nichts tendenziös ‚vorgekaut’, nicht der Zeigefinger notorischer Berufserinnerer erhoben. Der Film stellt dem Orchester bzw. seiner Geschichte in den Jahren 1933 bis 1945 keinen Persilschein aus, klagt aber auch niemanden an.

Lanschs Dokumentarfilm ‚Das Reichsorchester’ ist eines jener selten gewordenen Stücke intelligent gemachten Fernsehens, ein Feature von nahezu klassisch schlichter, ruhiger Machart, das dem Zuschauer Zeit zur Reflexion lässt, aber eben auch einen Zuschauer voraussetzt, der um die Geschichte dieser schrecklichen Jahre weiß. Als Bonus enthält die DVD einen Filmausschnitt aus ‚Zeit im Bild’ des Jahres 1942. Wilhelm Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker im Vorspiel zu Richard Wagners ‚Die Meistersinger von Nürnberg’ anlässlich eines AEG Werkkonzerts. Es ist dies ein Filmdokument von erstaunlicher Bildqualität, wie überhaupt die Dokumentation mit bislang nicht zu sehendem und bildqualitativ hochwertigem Material aufwartet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    ´Das Reichsorchester´: Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
01.12.2007
Medium:
EAN:

CD DVD
807280213393


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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