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Sonntag, 9. Mai 2021

Rutter, John - Magnificat

Frohe Weihnacht mit John Rutter


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Knabenchor Hannover legt mit Rutters Magnificat eine unbedingt überzeugende Interpretation vor: klar strukturiert und vokal-instrumental perfekt ausbalanciert.

Warum ist John Rutters Chormusik auch in Deutschland inzwischen so ungemein populär? Weil die philosophischen Axiome, wie, was und warum Musik zu sein hat mit dem Jahrtausendwechsel offenbar überwunden wurden. Unter jenen, die an traditioneller Funktionsharmonie nichts auszusetzen hatten, galt Rutters Musik ohnehin schon lange als Geheimtipp. Woraus Rutter schöpfen kann, ist die überreiche Tradition englischer Chormusik und der Einfluss der Kollegen des 20. Jahrhunderts: Ralph Vaughan Williams, Gustav Holst, Benjamin Britten, Michael Tippett – das Amalgam aus all dem macht Rutters Personalstil aus. Da dies hier kein musikästhetischer Diskurs ist, darf hier ausnahmsweise das Dogma, Musik nicht als ‚schön’ zu bezeichnen, außer Kraft gesetzt werden: John Rutters Musik ist, so platt und naiv es klingen mag, schön. Dass Rutter freilich der Herr des Grenzgangs zwischen Kitsch und Nicht-Kitsch ist, wird nicht wenigen auffallen, die einige seiner Weihnachtslieder kennen. Und doch wäre das Repertoire von Weihnachtsmusik um einiges ärmer, wäre der 62-jährige Rutter auf diesem Gebiet nicht so ungeheuer produktiv. Ein großangelegtes oratorisches Werk für das Weihnachtsfest ist Rutter zwar noch immer schuldig geblieben, immerhin aber widmete er sich der Vertonung des Magnificats, dem sich ein Komponist geistlicher Vokalmusik seit Jahrhunderten kaum entzogen hat. 1990 leitete Rutter selbst die Uraufführung seines Magnificats in der New Yorker Carnegie-Hall. Bereits ein Jahr später nahm der Komponist das Werk mit den Cambridge Singers und der City of London Sinfonia auf Schallplatte auf. Ich muss gestehen, dass ich bislang mit dieser Einspielung ob ihrer kraftvollen und ausdrucksstarken Interpretation äußerst zufrieden war, als ich aber die vorliegende Aufnahme, Live-Mitschnitte eines Konzerts, in die Hände bekam, denn doch stutzig wurde: eine neue Aufnahme von Rutters Magnificat, noch dazu aus Deutschland, noch dazu mit einem Knabenchor? Die Zweifel, wie sich erwies, waren völlig unbegründet.

Klare Diktion

Dass die Qualität deutscher Knabenchöre stark variiert, ist ja kein Geheimnis mehr. Dass aber der Knabenchor Hannover – die Bengels aus Leipzig und Dresden mögen sich das gefallen lassen – durchaus nicht nur zu Deutschlands leistungsstärksten, sondern zur Weltspitze zählenden Vokalensembles gehört, macht nicht zuletzt diese Einspielung offenkundig. Heinz Hennig hat den Chor gegründet, mehr als 50 Jahre geleitet und ihn zu einem vokalen Klangkörper von exzellenter Homogenität und stimmlicher Flexibilität etabliert. Früchte dieser Arbeit waren u.a. der ‚Diapason d’Or’ und der ‚Deutsche Schallplattenpreis’. Jörg Breiding, der seit 2002 die Leitung des Chors innehat, kann daran nahtlos anschließen. Meine Zweifel wurden auch hinsichtlich des Orchesters ausgeräumt. Die Nürnberger Symphoniker haben in früheren Jahren und Jahrzehnten nicht immer ihre Hausaufgaben so gut gemacht, wie sie sie jetzt erledigen. So manche Einspielung früherer Jahre litt hin und wieder unter arg dominierenden Intonationsschwächen, inhomogener Balance und einem dünnbrüstigen Volumen. Davon ist nichts mehr zu spüren.

In erster Linie hat die Interpretation des Magnificats durch einen Knabenchor einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber der Darbietung durch einen gemischten Chor: die grandiose Schlichtheit und Geradlinigkeit des Textes aus Lukas 1 sowie die herrlich filigrane Interpolation von Rutters ‚Of a Rose’ werden in der gänzlich unirisierenden Transparenz im Gesang der Knaben reflektiert. Bereits dies intensiviert eine atmosphärische Dichte, die Breiding mit seinem Dirigat in ausgereifter Balance zum dynamisch und klangfarblich wunderbar abschattierten Spiel der Nürnberger Symphoniker auszugleichen vermag, so dass vokale und instrumentale Schichtungen ein Höchstmaß an akustischer Abrundung erreichen. Breidings Lesart der Partitur ist in der Wahl der Tempi und des Gestus’ einen Hauch meditativer, gleichsam ernster, weniger verspielt tänzerisch als Rutters eigene Interpretation von 1991. Das ist Ansichts- und Anhörungssache, aber kein Nachteil, gewinnt der Hörer nicht zuletzt dadurch doch die Chance, die Linienführung der Musik dezidiert nachvollziehen zu können. Intonationsschwächen kennt der Chor nicht, wenngleich in hoher Lage und bei steigender Dynamik der eine oder andere angestrengte, enge Ton sich einschleichen mag. Carmen Fuggiss, langjähriges Ensemblemitglied an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover, überzeugt im ‚Esurientes’ mit ihrem ungemein weich timbrierten Sopran und der selten anzutreffenden Fähigkeit, in höherer Lage die Dynamik wunderbar mild abzufedern. Nicht zuletzt bietet die in Höhen- und Tiefen ungemein plastisch ausgesteuerte Tonqualität einen Vorteil gegenüber Rutters eigener Einspielung.

Ersteinspielung

Nahezu ein Muss wird diese CD nicht zuletzt durch eine Plattenpremiere – Rutters musikalische Fabel ‚Brother Heinrich’s Christmas’ in deutscher Sprache. 1985 schrieb Rutter dieses Mittelding zwischen Kantate und Singspiel, eine Geschichte, die auf eine alte Legende zurückgeht: dem Mystiker Heinrich Seuse soll im 14. Jahrhundert eine Engelschar das berühmte ‚In dulci jubilo’ gesungen haben, als dieser gerade keinen guten Tag hatte. Vom Himmel herabgestiegen, tanzten die Engel mit Heinrich eine ganze Nacht lang und als sie ihn wieder verlassen hatten, schrieb der Mystiker das Lied nieder. Rutter erweiterte diese Legende um den Esel Sigismund, dessen sängerische Fähigkeiten im Chor der Mönche äußerst beschränkt sind, der aber immerhin mit seinem ‚I-A’ eine kleine, aber für das Lied ‚In dulci jubilo’ entscheidende kleine Terz zuwege bringt. Der Knabenchor Hannover und die Nürnberger Symphoniker setzen diese hübsche musikalische Fabel mit viel Liebe zum augenzwinkernden Detail der Partitur um. Die gelungene deutsche Übersetzung von Lucius A. Hemmer wird mit feiner Hingabe von Moderator, Rezitator und Synchronsprecher Arndt Schmöle gesprochen. Die discographisch bereichernde Tat wird editorisch veredelt durch ein dem Booklet beigefügtes und dem Knabenchor Hannover gewidmeten Bilderbuch zur Fabel von Karl-Heinz Brecheis, der hier ebenfalls mit Detailfreude liebenswürdige Zeichnungen beisteuerte. Das Booklet enthält überdies sämtliche Gesangstexte im Original und in Übersetzung.

Eine der erfreulichsten

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rutter, John: Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Rondeau
1
01.11.2007
Medium:
EAN:

CD
4037408070041


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Rondeau

Profil: Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung ein-zigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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