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Donnerstag, 17. Juni 2021

d´Indy, Vincent - Sonate en mi op. 63

Kleine und grosse Sonate


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Schäfer wendet sich erneut erfolgreich dem Klavierschaffen des Franzosen Vincent d´Indy zu.

Nicht Beethoven, Chopin und Schumann sind die Komponisten, deren Werken sich der Pianist Michael Schäfer widmet – obwohl er mit dem Schaffen dieser drei allgegenwärtigen Tondichter gewiss vertraut ist. Doch Schäfers jüngste CD-Veröffentlichungen waren sämtlich den Seitenpfaden des Repertoires gewidmet, er spielte Sonaten und Stücke von Erich Wolfgang Korngold, Cyril Scott und Vincent d´Indy. Dem französischen Komponisten wendet sich Schäfer nun zum zweiten Mal zu: Hauptwerk der CD ist die große E-Dur-Sonate op. 63, ein Koloss von 43 Minuten Spieldauer, neben dem die 'Petite Sonate' op. 9 geradezu bescheiden wirkt. Ergänzt werden diese beiden Stücke durch die späte 'Fantaisie sur un vieil air de Ronde française' op. 99. Nachdem sich Schäfer auf seiner ersten d´Indy-Scheibe den Opera 15, 33 und 85 gewidmet hatte, hat er hiermit praktisch alle wichtigen Klavierwerke des Komponisten eingespielt – lediglich kleinere Stücke wie die 'Schumanniana' op. 30 oder 'Contes de fées' op. 86 stehen noch aus (würden aber wohl keine dritte CD füllen).

Die Sonate op. 63, ein pianistisch wie substanziell beeindruckendes Werk, ist nur sehr selten im Konzertsaal zu hören. Ein Grund hierfür dürfte ihre Undankbarkeit sein, d.h. das Fehlen virtuoser Präsentationsmöglichkeiten. Die Technik, über die ein Pianist zur Bewältigung der Sonate verfügen muss, erschließt sich dem Hörer vergleichsweise selten; kein Wunder also, wenn viele Klavierspieler lieber auf kaum schwerere, aber viel effektvoller Liszt-Bravournummern zurückgreifen. Doch die Mühe lohnt sich: Wie Schäfers auch bei massiven Akkordballungen durchsichtige Interpretation beweist, gibt es in diesem Sonaten-Ungetüm viel zu entdecken. Die Idee zweier ausgedehnter Ecksätze, die einen eher knappen langsamen Abschnitt umfassen, wird von Schäfer mit bewundernswerter Umsicht pianistisch realisiert, die zahlreichen motivisch-thematischen Bezüge zwischen den Sätzen lassen sich gut nachvollziehen. Ob die Sonate insgesamt vielleicht doch zu lange geraten ist – zumal der Finalsatz – kann man diskutieren. Eine besser Grundlage für diese Diskussion als Schäfers Deutung ist jedenfalls kaum vorstellbar. Den positiven Eindruck unterstützt ein natürliches, nicht zu direktes Klangbild, das der großen dynamischen Spannweite des Pianisten gerecht wird.

Die 'Petite Sonate' op. 9 zeigt den Komponisten noch in Abhängigkeit seiner Vorbilder Beethoven und Franck. Für den Hörer leichter fasslich (und auch etwas leichter zu spielen) greift das Werk auf die Viersätzigkeit mit einem Scherzo an dritter Stelle zurück. Pianistisch und klanglich knüpft Schäfers Interpretation nahtlos an die 'große Schwester' an, über eventuelle Längen muss man hier nicht klagen. Ein guter Tip zum Einhören ist das virtuos-verspielte Finale (Track 4), das sich auch als Zugabe gut machen würde. Im Kontrast zu den beiden Sonaten steht die 'Fantaisie' op. 99, die man beim Hören der Anfangstakte ohne weiteres Debussy oder Ravel zuordnen würde. Das Stück aus dem Jahr 1930 zeigt, dass auch in dem 79jährigen Komponisten noch viel Inspiration schlummerte. Schäfer kann hier nicht ganz so überzeugen wie in den beiden Sonaten, das Werk schleppt sich ein wenig dahin. Die harmonischen Kühnheiten und das neckische Spiel mit Schlusswirkungen machen es dennoch hörenswert.

Insgesamt schließt Schäfer mit dieser CD an das Niveau der ersten d´Indy-Veröffentlichung an, hier wie dort gilt: Wer sich Zeit zum wiederholten Hören nimmt, bekommt großartige Musik in einer erstklassigen Interpretation geboten. Leicht macht es d´Indy dem Hörer freilich nirgends, plumpe Effekte und Oberflächlichkeiten waren dem Komponisten stets fremd. Man muss etwas Geduld mitbringen und sich auf die Musik einlassen – es lohnt sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    d´Indy, Vincent: Sonate en mi op. 63

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
19.10.2007
Medium:
EAN:

CD
4260036251012


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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