> > > Scelsi, Giacinto: Canti del capricorno
Dienstag, 11. Dezember 2018

Scelsi, Giacinto - Canti del capricorno

Künstlerisches Vermächtnis der besonderen Art


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Alter von 82 Jahren nimmt sich die japanische Vokalistin Michiko Hirayama zum zweiten Mal der ?Canti del Capricorno? von Giacinto Scelsi an.

Als die japanische Sängerin Michiko Hirayama 1988 bei Wergo eine CD mit neunzehn der ‘Canti del Capricorno’ von Giacinto Scelsi veröffentlichte, horchten die Kritiker auf: Solche extravaganten Klänge, die oft die Extrembereiche menschlichen Ausdrucksvermögens berühren, setzen eine enorme stimmliche Leistungsfähigkeit voraus. Kein Wunder also, dass es diese Produktion, die sich auf Privataufnahmen von 1969 und 1981/82 stützte und eine wundervolle Symbiose von Hirayamas atemberaubender Kunst mit den archaisch wirkenden Klängen Scelsis darstellte, sofort auf die Vierteljahresliste des ‘Preises der Deutschen Schallplattenkritik’ schaffte. 2006 hat sich die Sängerin im Alter von 82 Jahren noch einmal an die ‘Canti’ herangewagt, um nunmehr – wiederum bei Wergo – den vollständigen, zwanzigteiligen Zyklus einzuspielen. Eine lange und sehr intensive Auseinandersetzung mit den eigenartigen ‘Gesängen des Steinbocks’, die Scelsi zwischen 1962 und 1972 für Hirayama geschrieben und gemeinsam mit ihr erarbeitet hat, ist damit an ihrem Ziel angelangt.

Ein Vergleich beider Aufnahmen ist aufschlussreich, denn neben vielen Parallelen sind da spannende Unterschiede zu konstatieren: Trotz ihres hohen Alters ist Hirayama erstaunlich gut bei Stimme, denn sie besitzt immer noch die Kraft zur großen Geste. In vielen Fällen bleibt sie jedoch auch zurückhaltender, wirkt insbesondere bei leisen Passagen brüchiger und rauer als früher, was jedoch nichts mit mangelnder stimmlicher Leistung zu tun hat. Es hängt vielmehr damit zusammen, dass die Japanerin nun weniger an der Oberfläche der wortlosen Gesänge verbleibt, sondern wie mit einem Vergrößerungsglas unter diese Haut dringt und die Klänge manchmal – genau um ihre Fähigkeiten und Kräfte wissend – mit wesentlich subtileren vokalen Abstufungen strukturiert.

Die urwüchsige, stellenweise fast eruptive Kraft, mit der die Stimmäußerungen in den älteren Aufnahmen manchmal förmlich herausgeschleudert werden, ist nun bisweilen einer eher in sich gekehrten Zeichnung der zerklüfteten Klanglandschaften gewichen, die kräftigeren Pinselgesten erhalten durch feinere Linienführungen ein stärkeres Profil, ohne dabei an Intensität einzubüßen. Eher ist sogar das Gegenteil der Fall: Denn gerade durch den Nuancenreichtum, den Hirayama durch die Differenzierung klanglicher und dynamischer Intensität erreicht, gewinnt die aktuelle Einspielung eine andere Dimension hinzu. Und dass die Sängerin dennoch im hohen Alter ein unglaubliches Maß an vokaler Intensität physisch vermitteln kann, erfährt man etwa im zehnten, elften und sechzehnten, aber auch im Percussionbegleiteten neunzehnten Gesang.

Dass die herausragende Klangqualität der Produktion, die der Stimme mit leichtem Hall Nachdruck verleiht, als deutlicher Pluspunkt gewertet werden kann, markiert wohl den offensichtlichsten Unterschied gegenüber der früheren, zum Teil durch leichtes Rauschen beeinträchtigten CD. Vor allem in den Stücken, in denen die Stimme auf instrumentale Duopartner trifft, so im Gesang Nr. 4 (gemeinsam mit dem Kontrabassisten Matthias Bauer) und im Gesang Nr. 7 (im Duett mit dem Saxofonisten Ulrich Krieger), macht sich dies sehr deutlich bemerkbar. In der Tat hat Hirayama hier – mit Unterstützung einiger exzellenter Musiker – eine Glanzleistung vollbracht. Denn ihre Interpretation ist zugleich zweierlei: Referenzaufnahme und eindrucksvolles künstlerisches Vermächtnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scelsi, Giacinto: Canti del capricorno

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
WERGO
1
01.05.2007
58:12
2006
EAN:
BestellNr.:

4010228668629
WER 6686 2


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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