> > > Pacini, Giovanni: Il convitato di pietra
Donnerstag, 24. Mai 2018

Pacini, Giovanni - Il convitato di pietra

Hausarbeit


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Naxos präsentiert mit Giovanni Pacinis 'Il convitato di pietra' eine Belcanto-Rarität, die in weiten Teilen zu überzeugen vermag. Allein die klangliche Präsentation könnte besser sein.

2008 fand das Festival ‚Rossini in Wildbad‘ im Schwarzwald zum zwanzigsten Male statt, längst eine etablierte Größe für all jene, die rare Belcanto-Opern hören möchten. Fast jedes Jahr gibt es Neuentdeckungen, immer wieder durchaus auch spektakuläre Wiederentdeckungen. Seit einigen Jahren hat Naxos das Festival für sich entdeckt. Zusammen mit den Aufführungen aus Pesaro und der italienischen Provinz einerseits und den Produktionen von Opera Rara aus England andererseits wird hier systematisch ein Territorium erschlossen, das lange Zeit als irrelevant angesehen wurde. Natürlich können hier wie dort nicht immer die allerersten Kräfte zur Verfügung stehen, doch werden auch immer wieder neue, bislang unbekannte Namen zur Diskussion gestellt.

Giovanni Pacinis Zweiakter 'Il convitato di pietra' hat den berühmten Don-Giovanni-Stoff zum Thema, und zwar in engster Anlehnung an Mozarts Bearbeitung des Sujets. Nur wenige Punkte weichen deutlich ab: Es gibt keine Donna Elvira, Pacini verzichtet auf eine Schlussszene nach Giovannis Höllensturz, und es gibt keine Rezitative. Letzteres ist begründet in dem eigentümlichen Charakter des Werks; es entstand zu hausmusikalischen Zwecken für das Theater im Privathaus von Pacinis Schwester in Viareggio. Diverse Familienmitglieder waren denn auch an der Aufführung im Frühjahr 1832 beteiligt, Pacinis Schwester als Zerlina, sein Bruder als Giovanni, seine Schwägerin als Anna und sein Vater als Ficcanaso, Pacinis Leporello. Für den häuslichen Anlass ist Pacinis Partitur eine durchaus nicht zu anspruchsvolle, mit vielen wunderbaren Momenten, aber von einer Art, dass man nur ein kleines Orchester benötigt, nur einen Männerchor und eine überschaubare Anzahl an Protagonisten.

Die Quellenlage der Oper war problematisch – einer von mehreren Gründen, warum das Werk lange vergessen war. Das Libretto des zweiten Aktes der Oper ist verloren, doch blieb die Partitur erhalten und die Kenntnis des Sujets bereitete kaum Schwierigkeiten, die fehlenden Dialogstellen im zweiten Akt zu rekonstruieren. Nur in einem Fall, bei der Einleitung einer bei Mozart und anderen Don Giovanni-Komponisten nicht vorhandenen Arie der Zerlina, war diese Situation schwerer zu bewerkstelligen. Insgesamt ist die Aufführungsedition von Jeremy Commons und Daniele Ferrari durchaus überzeugend, selbst der neu geschaffene kurze Prolog, der den historischen Hintergrund der Komposition erläutern hilft.

Pacinis Don Giovanni ist Tenor, ein Tenore di grazia genauer gesagt, ein leichter lyrischer Tenor, was natürlich einen ganz anderen Charakter evoziert als Mozarts Bariton. Leonardo Cortellazzi, 1980 in Mantua geboren und bereits als Ferrando ('Così fan tutte') an der Mailänder Scala zu hören, ist noch nicht ganz auf einem Niveau mit den Besten der Branche, doch leiht er der im Grunde überschaubaren Partie (vor allem Mitwirkung in Ensembles sowie eine wunderbar lyrische Serenade zu Beginn des zweiten Aktes) Eleganz und Charme. Giovannis Diener Ficcanaso ist hier als regelrechter Bariton angelegt; Giulio Mastrototaro ist gut bei Stimme, und auch wenn ihm wirkliches Raffinement in der Stimme abgeht, ist seine szenische Präsenz unüberhörbar. Schade, wie er die Effekte der ‚Registerarie‘ (ja, auch hier gibt es eine solche) weitgehend verschenkt, einfach weil seine Stimme nicht mehr hergibt.

Donn’Anna und Duca Ottavio nehmen in Pacinis Don Giovanni-Version etwas andere Funktionen ein als bei Mozart, und entsprechend unterschiedlich sind die musikalischen Anforderungen; so verschwinden sie etwa aus der Handlung bereits in der Mitte des zweiten Aktes. Die bereits international durchaus erfolgreiche Französin Géraldine Chauvet singt Anna, hier eine Rolle für Mezzosopran, mit elegant und intelligent geführter Stimme – sie weiß, was sie sich zumuten kann und was nicht. Verzierungen kann sie etwa durchaus singen, sofern diese nicht zu extrem überhand nehmen. Sie übertreibt die Emotion nicht und erinnert in einzelnen Tönen an Teresa Berganza in ihrer besten Zeit. Im Gegensatz zu dieser Rolle hat Giorgio Trucco in der deutlich kleineren Rolle des Ottavio kaum Gelegenheit zu glänzen; nur in wenigen Ensembles ist er kaum mehr als ein Stichwortgeber.

Nicht ganz so extrem steht die Situation zwischen Zerlina und Masetto, auch wenn hier der Bassist deutlich weniger zu singen hat als die Sopranistin (weswegen schon bei der Uraufführung der Bassist auch den Part des Commendatore übernahm). Ugo Guagliardo hat eine kultivierte Stimme, die aber für einen Bauern vielleicht nicht ganz passen mag, eine Stimme, die gut anspringt und bei einer anspruchsvolleren Partitur auch durchaus zu genügender Wirkung kommen mag. Zerlina ist ohne Frage die ertragreichste, aber auch die anspruchsvollste Partie, mit vielen Koloraturen und einer klar geformten Personencharakteristik. Die Griechin Zinovia-Maria Zafeiradou hat zu Beginn geringe Schwierigkeiten, in Gang zu kommen, doch schon nach wenigen Textzeilen ist sie in ihrer Rolle, die sie mit viel Energie und Charme ausfüllt. Ihre silbrige, nicht immer ganz sauber intonierende Soubrettenstimme ist für die Partie bestens geeignet.

Während der Chor (Transsylvanischer Staatlicher Philharmonischer Chor Cluj) eine akzeptable Leistung abliefert, ist das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim leider allzu häufig unpräzise und ohne Eleganz, möglicherweise auch, weil es sehr direkt aufgenommen wurde (um die Zwischendialoge gut einzufangen) – ein eindeutiges Manko aber bei einer Oper, bei der es auf den schönen Klang ankommen muss. Und damit keine Calling-Card für Daniele Ferrari, so sehr er sich für das vergessene Werk eingesetzt haben mag. Die Aufnahmetechnik ist für eine Live-Aufführung mit Dialogen entsprechend stark durch Nebengeräusche getrübt, aber ansonsten brillant, der Booklettext informativ, wenn auch nur auf Englisch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pacini, Giovanni: Il convitato di pietra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
03.01.2011
EAN:

730099028271


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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