> > > Raff, Joseph Joachim: Werke für Chor, Klavier & Orchester
Donnerstag, 24. Mai 2018

Raff, Joseph Joachim - Werke für Chor, Klavier & Orchester

Schwachbrüstig


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das schwedische Label Sterling widmet sich verdienstvollerweise den chorsinfonischen Werken von Joachim Raff. Allein, das klangliche Ergebnis will nicht vollauf überzeugen.

Nachdem die Sinfonien und Konzerte Joachim Raffs nun wenn schon nicht im Konzertleben, so doch zumindest auf dem Tonträgermarkt fest etabliert sind, hat sich das verdienstvolle schwedische Label Sterling nun erstmals der Chorsymphonik des Komponisten zugewandt. Noch fehlt eine Auseinandersetzung mit dem späten Oratorium 'Welt-Ende – Gericht – Neue Welt' op. 212 (1879-1881), dem Liszt gewidmeten Psalm 130 op. 141 (1867) oder der Festkantate zum 50. Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig 'Deutschland's Auferstehung' op. 100 (1862/3), letztere ein ganz wichtiges Werk mit Blick auf Raffs Karriere. Doch zwei bedeutende Beiträge liegen immerhin nun vor – die viersätzige ‚Konzertante‘ 'Die Tageszeiten' op. 209 von 1877 und die zeitlebens unveröffentlicht gebliebene Kantate 'Die Sterne' von 1880. Beide Werke haben jeweils ganz eigenen Charakter, auch wenn sie klanglich ganz Kinder ihrer Zeit sind. Sie entstanden auf Texte von Raffs Tochter Helene (unter dem Pseudonym Helge Heldt) und gestatten einen Blick in persönliche Befindlichkeiten – handelt es sich doch in beiden Werken um offen subjektive Kompositionen mit stark autobiografischer Prägung.

'Die Tageszeiten' ist eine Hommage auf Beethovens 'Chorphantasie' op. 80. Das Konzertieren zwischen Soloklavier, Orchester und Chor (der ähnlich wie bei Beethoven erst im fortgeschrittenen Verlauf in der Mitte des – hier ersten – Satzes einsetzt) wird zu einem Miteinander gleichwertiger Partner ausgebaut. Der erste Satz der Komposition ist als Variationssatz angelegt, bei dem die Variationen jeweils länger und komplexer werden; gleichzeitig verschränkt Raff die Satzgestalt mit einer monothematischen Sonatenhauptsatzform – im Grunde ganz das, wofür der Begriff Phantasie immer wieder herangezogen worden ist. In seiner gesamten Gestalt ist diese ‚Konzertante‘ durchaus nahe an einer ‚Chorsinfonie‘ im besten Sinne. Manch einer mag denken, dass sich Raff ein wenig zu sehr in historischen Formen ergeht, etwa in einer Fugenvariation im ersten Satz, die den Chorsatz einleitet, und in harmonischen Floskeln, die immer wieder vorhersehbar erscheinen und immer wieder Vergangenes zitieren (Beethoven, Schumann, Weber, Mendelssohn-Bartholdy, Verdi, Saint-Saëns u.v.m.). Insgesamt handelt es sich aber eindeutig um eine einfallsreiche, gerade formal ausgesprochen interessante Komposition. Ähnliches lässt sich von der allerdings formal freieren fünfsätzigen Kantate 'Die Sterne' sagen, einem Werk, dessen musikalischer Reichtum für seine Zeit durchaus überzeugt und das man in Momenten vielleicht auch mit Brahms vergleichen kann. Sie blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht und erlebt hier ihre Uraufführung. Ganz anderer Art sind die zwei Kompositionen für Chor und Orchester op. 186 – 'Morgenlied' und 'Einer Entschlafenen' (1873). 'Morgenlied' scheint wie eine Vorstudie zu 'Die Sterne' (oder eine Studie nach Schumanns selten zu hörendem 'Nachtlied' op. 108?), 'Einer Entschlafenen' wie eine Studie nach Schumanns 'Requiem für Mignon' op. 98b.

Die Interpreten dieser CD geben sich die allergrößte Mühe, diese Kleinodien zum Leben zu erwecken – und soweit es die Kräfte zulassen, gelingt ihnen dies auch. Die britisch-vietnamesische Pianistin Tra Nguyen erfüllt den Solopart in 'Die Tageszeiten' mit Leben und Klangvaleurs und die englische Dirigentin Andrea Quinn führt die ihr zur Verfügung stehenden Kräfte zu inspirierten, lebensvollen, auch lyrisch erfüllten Interpretationen. Einzig ein Mangel beeinträchtigt alle Bemühungen deutlich: der schlicht deutlich zu kleine (oder klangtechnisch ungenügend präsente) Chor. Kaum ein Wort ist zu verstehen, obwohl man von Wortdeutlichkeit des Chores ausgehen kann – das Orchester deckt ihn schlicht ständig zu sehr zu. So werden alle Anstrengungen durch die Aufnahmetechnik oder die heute leider viel zu oft für solche Zwecke viel zu kleinen Chöre konterkariert – in diesem Fall den Sångkraft Chamber Choir aus Umeå in Nordschweden (Chordirektor Leif Åkesson). Unter Quinns Leitung erfüllt das NorrlandsOperans Symfoniorkester (Chefdirigent Ruman Gamba) Raffs Musik mit Charme, Wärme und Kraft. Trotz der Bemühung aller Beteiligten (inklusive der Booklet-Autoren und der Förderung durch die CzesBaw Marek Foundation) kann man leider nur von einer im Ganzen befriedigenden Leistung sprechen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joseph Joachim: Werke für Chor, Klavier & Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
15.06.2010
EAN:

7393338108924


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
  • The Artist series, dedicated to musical excellence from Swedish performers
  • The Historical Recordings series, with many unique pieces of musical heritage taken from the Swedish Radio Archives.


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