> > > Bridge, Frank: Klavierquintett H 49a
Donnerstag, 24. Mai 2018

Bridge, Frank - Klavierquintett H 49a

Teilweise überraschend modern


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn auch diese Aufnahme von Kammermusik aus der Feder von Frank Bridge nicht vollauf begeistern kann, ist diese Hyperio-Aufnahme doch eine durchaus gelungene.

Frank Bridge (1879-1941) ist wahrscheinlich einer der wichtigsten britischen Kammermusikkomponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein erstes Streichquartett entstand schon 1900, gefolgt von einem ungezählten Phantasie Quartet (1905), vier gezählten Quartetten (1906, 1915, 1926 und 1937) sowie einer ganzen Reihe weiterer Werke für Streichquartett, von denen die 'Three Idylls’ (1906) durch ihre Verwendung in Benjamin Brittens 'Variations on a theme of Frank Bridge’ für Streichorchester die weiteste Verbreitung gefunden haben. Die ‚Idylls’ widmete Bridge seiner zukünftigen Frau Ethel, mit der er um die Jahrhundertwende im Sinfonieorchester des Royal College of Music gesessen hatte. Das tiefgründig-elegante Werk mit einem eröffnenden elegisch-verstörenden ersten, einem sehnsüchtig-verhaltenen zweiten (aus ihm stammt das von Britten verwendete Thema) und einem lebhaften, später durchaus auch leidenschaftlichen Schlusssatz erfordert ein hohes Maß an Abstimmung unter den Streichern, um die optimale Klangbalance zu erreichen. Das nahezu atonale vierte Streichquartett führt zuletzt in eine ganz andere Welt, die dreisätzige, nur 23 Minuten dauernde Komposition bietet eine Intensität und auch Modernität, die man von einem britischen Komponisten (durchaus zu Unrecht) nicht vermutet. Gerade im Bereich der britischen Streichquartettkomposition ist noch viel für das Konzertleben zu entdecken, und Frank Bridge ist da ein wichtiger Anfang.

Auch im Bereich der Klavierkammermusik hat sich Bridge umfassend profiliert – erstmals 1902 mit einem Klavierquartett, dem 1910 ein zweites folgte. Klaviertrios entstanden 1907 und 1929, das Klavierquintett 1905-12. Von besonderer Bedeutung war in dieser Hinsicht die amerikanische Patronin Elizabeth Sprague Coolidge, die jährliche Musikfeste in Pittsfield (Massachusetts) abhielt und die Bridges Lebensunterhalt seit 1923 mit einer Jahresrente von 2500$ unterstützte. Das Klavierquintett ist ein leidenschaftliches nachromantisches Werk, das sorgsam ausgearbeitet ist, mit reicher Melodik. Das dreisätzige Werk mit traditionellem Aufbau ist insbesondere in klangfarblicher Hinsicht durchaus als auf der Höhe der Zeit anzusehen; schwelgerisch und mit einem Hauch elegischer Eleganz scheint es wie eine Art hymnischer Abgesang auf eine Zeit, die mit dem Ersten Weltkrieg unwiederbringlich verloren gehen sollte. Der Mittelsatz Adagio ma non troppo besitzt eine Tiefgründigkeit, die auf Bridges Kompositionsphase nach 1918 vorausweisen sollte.

1988 hatten Hyperion die Klaviertrios und das Phantasie-Klavierquartett von 1910 auf einer CD mit dem Dartington Trio vorgelegt – ein äußerst dankenswertes Unterfangen (eine ähnliche Kopplung bot 1992 das British Music Label mit dem Phantasie-Klaviertrio und dem Phantasie-Klavierquartett gekoppelt mit Kammermusik von Herbert Howells, interpretiert vom Holywell Ensemble). 2004 folgten das ansonsten noch nie eingespielten Streichquintett von 1901 sowie das 1906-12 entstandene ebenfalls unbekannte Streichsextett. Die Streichquartette (ohne das ungezählte erste von 1902) und das Phantasie-Klavierquartett (1910) erschienen jüngst auf drei CDs bei Naxos mit dem Maggini Quartet und Martin Roscoe. Das (quasi allein stehende) Klavierquintett stand lange im Schatten dieser Werke und wurde wohl erst um 1990 erstmals eingespielt (für die British Music Society mit Raphael Terroni und dem Bingham Quartet sowie für ASV mit Allan Schiller und dem Coull String Quartet). Seither sind mehrere Einspielungen des Quintetts erschienen – jüngst erschien auch eine bei Somm – ebenfalls gekoppelt mit Streichquartettwerken), eine Einspielung mit Michael Dussek und dem Bridge Quartet. Damit liegt der größte Teil von Bridges Kammermusik vor – vor allem fehlen noch die frühen Streich- und Klavierquartettwerke. Die Auswahl auf der vorliegenden Hyperion-CD koppelt ein frühes Streichquartettwerk, ein spätes und dazu das Klavierquintett.

So oder so bewegen wir uns auf hohem Niveau – nur spielt vielleicht das Goldner Quartet nicht ganz so homogen wie andere Ensembles und hat noch nicht ganz jene Tiefe erreicht, auf die andere Ensembles bereits zurückgreifen können. Ausnahme ist das vierte Streichquartett, in dem die Musiker über sich selbst hinauswachsen – wunderbar modern ihre klare, unverstellte, nachgerade ‚nackte’ Linienführung. Leider scheinen ihnen die beiden anderen Werke nicht ganz so zu liegen: An das mirakulös-makellose Spiel des englisch-australischen Pianisten Piers Lane reichen seine australischen Streicherkollegen leider nicht ganz heran – so gibt es von dem Quintett andere, noch bessere Aufnahmen. Mehr noch als das Quintett leiden die eher noch der ‚guten alten Zeit’ zugehörenden ‚Idylls’ unter dem etwas übertriebenen Vibrato der Musiker. Wo dies nicht in den Vordergrund tritt, haben wir ein durchaus lebendiges Ensemble, das mit seinen Konkurrenten mithalten kann.

Die Aufnahmequalität ist, wie fast immer bei Hyperion, klar und natürlich, und die hochkompetenten Begleittexte des ausgewiesenen Bridge-Forschers Paul Hindmarsh sind ein zusätzlicher Bonus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bridge, Frank: Klavierquintett H 49a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
22.05.2009
EAN:

034571177267


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Lebendige Traditionen: Ein erfrischendes Dokument der formidablen Arbeit Stephen Laytons mit den reichen Ressourcen am Trinity College in Cambridge. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Familiensache: Die Bachs – was für eine Familie! Natürlich, man weiß es. Und doch ist man geneigt, das klingende Ergebnis zu bestaunen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Tippetts weiter Weg zur Symphonie: Michael Tippetts Ruhm als Komponist kam langsam, aber umso nachhaltiger. Vorliegende Interpretation der ersten beiden Symphonien lässt den Hörer diese Entwicklung nachvollziehen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Kammermusikalisch transparent: Rundum empfehlenswert: Telemann ohne orchestrale Opulenz, dafür in einer farbenreichen und hervorragend aufgenommene Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Griffige Lesart: Eine attraktive Lesart von Händels Krönungsanthems, gekoppelt mit Auszügen aus der 1732er-Fassung seines Oratoriums 'Esther' Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Aus dem Nachlass Leopold Stokowskis: Auf verschiedene Weise sind die drei Stokowski-Konzertmitschnitte aus den Jahren 1954 bis 1961 mit Großbritannien verbunden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2018) herunterladen (2883 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

André Cheron: Solosonate III e-Moll - Allemande. Gay

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich