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Freitag, 19. Oktober 2018

Harvey, Jonathan - Speakings

Komplexe Vokalbezüge


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drei Werke von Jonathan Harvey liegen hier in Modellinterpretation vor. Erstklassige Musik hervorragend umgesetzt.

2009 feierte Jonathan Harvey seinen siebzigsten Geburtstag. Der in der Nähe von Birmingham Geborene verfolgte eine doppelte Karriere als Universitätsprofessor und Komponist. Harveys erste kompositorische Versuche fanden schon früh statt. Stets war er interessiert an den aktuellsten musikalischen Entwicklungen, seien es Schönberg und Webern, Messiaen und Stockhausen, Postserialismus oder elektroakustische Musik. Die Schriften Rudolf Steiners eröffneten ihm in den 1970er-Jahren abermals neue Perspektiven. Für fast alle Gattungen hat Harvey komponiert, doch nur wenig ist auf Tonträger verfügbar gemacht worden.

Die nun vorgelegte CD des britische Musik so eifrig pflegenden BBC Scottish Symphony Orchestra präsentiert drei Werke aus den Jahren 1992 bis 2008, die alle auf die menschliche Stimme Bezug nehmen, sie aber selbst nicht verwenden. Der Titel der CD ‚Speakings‘ ist von der umfänglichsten Komposition auf derselben entlehnt, einem dreisätzigen Werk gleichen Titels für großes Orchester und elektronische Klänge von 2007-8, entstanden während Harvey ‚composer-in-association‘ des BBC Scottish Symphony Orchestra war. Der Booklettext fasst die übergeordnete Idee der Komposition als eine Simulation des Sprachlernens zusammen; und in der Tat haben wir hier semiotische Prozesse, die über das, was in der musikwissenschaftlichen Theorie der Musiksemiotik weit hinausgeht. Es handelt sich um den letzten Teil einer Trilogie über das buddhistische Konzept der Katharsis. Hier kann nicht der Platz sein, die vielfältigen Prozesse und Bedeutungsebenen, die Harvey in dem Werk erkundet, das die vorliegenden Interpreten auf den Londoner Proms am 19. August 2008 uraufführten, auszubreiten – es reiche, darauf hinzuweisen, dass hier eindeutig ein hochbegabter Komponist am Werk ist, der weiß, wie Strukturen und Texturen zu erzeugen und einzusetzen sind; der sich weder vor Konsonanzen noch vor Dissonanzen scheut. Sprachelemente werden auf verschiedenen Ebenen durch den Computer beigesteuert (Klangdesign Gilbert Nouno und Arshia Cont/IRCAM). Räumliche Effekte ergänzen eine zusätzliche Dimension. In der zweiten Kompositionshälfte nehmen auf Messiaen aufbauende Klangflächen und modale Strukturen immer breiteren Raum ein – als sei dies die erstrebenswerte zu lernende Sprache, eine Art weites, breit gefächertes Aufgehen im ‚Weltklang‘.

'Jubilus', eine 2003 entstandene von Radio France in Auftrag gegebene Komposition für Viola und acht Instrumentalisten, spiegelt Harveys Faszination des tibetanischen Ritualgesanges, hat also keineswegs notwendigerweise die zu erwartenden christlichen Konnotationen. Das am 7. November 2003 von Christophe Desjardins und dem Ensemble L'Itinéraire unter der Leitung von Mark Foster uraufgeführte Werk, das auf ganz eigene Weise als Pendant zu entsprechenden (wenngleich deutlich früher entstandenen) konzertanten Kompositionen etwa Hans Werner Henzes angesehen werden kann ('Le Miracle de la Rose', 'An eine Äolsharfe'). In 'Scena' schließlich, für Violine und neun Instrumentalisten, ist der Solovioline der Status einer Heroine zuerkannt, die in einer höchst dramatischen Szene agiert – ein wenig gemahnt die 1992 entstandene, am 25. Januar 1993 in Rotterdam durch Irvine Arditti und das Nieuw Ensemble uraufgeführte Komposition an Benjamin Brittens vokale Scena 'Phaedra'.

In allen drei Werken zeigt sich in aller Vielfalt der musikalische Reichtum Harveys, hier fast ausnahmslos in Modellinterpretationen zu hören. Das BBC Scottish Symphony Orchestra spielt mit größter Hingabe und Sorgfalt. Seinem Chefdirigenten Ilan Volkov und den Aufnahmetechnikern gelingt eine Balance und Klangabstufung, die die sorgsame Erarbeitung der Kompositionen erahnen lässt. Konzertmeisterin Elizabeth Layton und Solobratschist Scott Dickinson erfüllen ihre Parts bei aller erforderlichen Virtuosität mit dem unfehlbaren Spürsinn des trainierten Ensemblemusikers. Eine musikalisch rundum gelungene, sehr empfehlenswerte Produktion. Einzig das Booklet (auf Englisch und Französisch) hätte noch einen Hauch besser sein können. Verschiedene in dieser Rezension gegebene Informationen (Uraufführungsdaten etwa) fehlen vollständig, und von 'Speakings' gibt es einen Konzertprogrammtext des Komponisten, auf dem der im Booklet zu lesende Text zwar basiert, den der Leser aber lieber in seiner Originalgestalt gelesen hätte. Sehr erfreulich die ausführlichen Informationen zu Komponist und Interpreten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Harvey, Jonathan: Speakings

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.07.2010
EAN:

3760058360903


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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