> > > Hindemith, Paul: Klaviermusik mit Orchester op. 29
Mittwoch, 29. Januar 2020

Hindemith, Paul - Klaviermusik mit Orchester op. 29

Veritable Hindemith-Uraufführung


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leon Fleisher lässt im akkuraten Zusammenspiel mit dem Curtis Symphony Orchestra unter Christoph Eschenbach die kompositorischen Eingebungen Hindemiths funkeln.

Musik für pianistische Linkshänder? Das muss partout nicht das Resultat des kompositorischen Zufalls, sondern kann auch die absichtsvolle Inspiration eines Künstlers sein, wie des bedeutenden Mäzens Paul Wittgenstein, dem eine kriegsbedingte Armamputation den Karrierestart als Pianist zunichte machte. So erklärt sich auch, dass der aus wohlhabendem Haus stammende Wiener Pianist damals führende Komponisten mit Aufträgen für linkshändige Klavierwerke eindeckte. Fünfzehn Konzerte sind auf diese Weise entstanden, darunter Maurice Ravels D-Dur Konzert. Doch nicht alle Solowerke für die linke Hand fanden des Pianisten Gefallen. Was seine Freunde schrieben, Franz Schmidt und Erich Wolfgang Korngold, nahm er gerne in seine Programme auf. Aber weder Ravel noch Sergei Prokofjews Viertes Klavierkonzert B-Dur op. 53 für die linke Hand entsprachen seinen speziellen kompositorischen Vorlieben.

Eine Sonderstellung nimmt die 1923 für den einarmigen Pianisten von Paul Hindemith komponierte ‘Klaviermusik mit Orchester’ ein. Es sei ein einfaches, gänzlich problemloses Stück, betonte Hindemith in einem Begleitschreiben an den Auftraggeber. ‚Vielleicht sind sie am Anfang ein wenig entsetzt, aber das macht nichts’. Sein Honorar erhielt Hindemith wohl, doch Wittgenstein hat das sicherlich gar nicht einfache, rhythmische vertrackte Werk nicht angerührt. Vielmehr sorgte er dafür, dass es andere Pianisten nicht zu Gesicht bekamen. Als Wittgenstein 1961 starb, versuchten die Hindemith-Stiftung und der Verlag Schott in Mainz vergeblich, von den Erben des Pianisten die Herausgabe des Manuskripts zu erreichen. Alleine dem Musikwissenschaftler Giselher Schubert gelang es durch Genehmigung der Anwälte Wittgensteins, in die Komposition einzusehen, und zwar in eine fehlerhafte Abschrift, die allerdings nach Vergleich mit Aufzeichnungen des Komponisten aus den Skizzenbüchern als ein echter Hindemith identifiziert werden konnte.

Was hat es mit der kompositorischen Substanz des Werkes auf sich? Es mag sein, dass Wittgenstein im Vergleich mit den Werken Ravels, Prokofjews und Brittens der Charakter der ‚Linkshändigkeit’ missfiel. Was er erwartete, war eine Komposition für Klavier, die Hörer als vollwertig erkennen sollten als sei es ein normales Konzert für zwei Hände.

Erst 2004 kam es zur Uraufführung in einem Abonnementskonzert der Berliner Philharmoniker. Am Pult stand Simon Rattle. Leon Fleisher, lange Jahre durch eine Lähmung der linken Hand gehandicapt, sorgte für eine spannungsgeladene prickelnde Wiedergabe. Das Werk entpuppt Paul Hindemith als einen fabelhaften Kontrapunktiker, der mit Energie geladener Motorik und vielschichtiger Rhythmik, pfeilschnell losjagenden impulsiven Partien und wunderschönen lyrischen Oasen im dritten Satz (Duo zwischen Englischhorn und Klavier) ein tolles Spielfeld mit diversen instrumentalen Überraschungen schuf. Die unmittelbar ineinander übergehenden Teile lassen den Vergleich mit der Gattung eines Concerto grosso zu. Ein Virtuosenreißer ist das zwanzig Minuten dauernde Werk sicherlich nicht. Dafür ist der Solopart auch zu sehr ein Teil des instrumentalen Apparates. Eher ruft die meisterlich gebaute Komposition den Hindemith seiner wilden Jahre ins Gedächtnis als ihm wegen seiner aggressiven ‘Kammermusiken’ und der ‘Klaviersuite 1922’ das Attribut des Bürgerschrecks umgehängt wurde.

Keine Frage: Die ‘Klaviermusik mit Orchester op. 29’ wird sich ins Repertoire spielen. Erfreulich, dass jetzt mit dem Uraufführungssolisten Leon Fleisher die erste live mitgeschnittene Einspielung auf CD vorliegt. Unter der Stabführung von Christoph Eschenbach lässt das rhythmisch vibrierende Zusammenspiel mit dem Solisten und dem Curtis Symphony Orchestra kaum Wünsche offen, allenfalls die Frage, weswegen die Erstaufführung auf Tonträger partout mit der zum Überdruss gespielten Sinfonie Nr. 9 von Antonin Dvorák gekoppelt wurde. Welch Chance wurde da vertan, die wieder aufgefundene Komposition mit einem sinfonischen Werk aus dem Schaffen Hindemiths, etwa der Sinfonie ‘Harmonie der Welt’ zu koppeln.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hindemith, Paul: Klaviermusik mit Orchester op. 29

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Ondine
1
29.03.2010
64:18
2008
Medium:
EAN:

CD
761195114124


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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