> > > Reinhard Keiser: Dialogus von der Geburt Christi: Christoph Graupner: Magnificat
Samstag, 24. August 2019

Reinhard Keiser: Dialogus von der Geburt Christi - Christoph Graupner: Magnificat

Solide gestaltet


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter Jürgen Ochs legt die Rastatter Hofkapelle mit Keisers 'Dialogus von der Geburt Christi' und Graupners 'Magnificat' zwei sauber musizierte Weltersteinspielungen vor.

Auch wenn der 'Dialogus von der Geburt Christi' gerade mal nur 30 Minuten dauert, so ist die Bezeichnung ‚Weihnachtsoratorium’ nicht unbedingt eine Übertreibung. Reinhard Keisers ‚Dialogus’ aus dem Jahr 1707 ist ein veritables Mini-Oratorium und nur vermeintlich ein musikalisches Paralipomenon, dem man kaum Beachtung schenken müsste. Keiser, 1674 in Teuchern geboren, 1685 Thomasschüler in Leipzig und vor allem wegen seiner über 60 Opern in Hamburg bekannt geworden, wirkte auch mit seinem Oratorienschaffen auf seine Wahlstadt ein. 'Der blutige und sterbende Jesus', 'Tränen unter dem Kreuze Jesu' oder auch die ‚Brockes-Passion’ zählen dazu. Und eben auch der protestantischer Tradition der Dialog-Kompositionen folgende 'Dialogus von der Geburt Christi Zwischen Maria Joseph Einen Frembdlingen Einer Hirtin und Einen Hirten Mit Instrumenten', dessen Titel sogleich Personal und Struktur des Werks offenbart. Solistische Arien, Duette und Terzette wechseln ab. Später fügte Keiser noch Choräle ein. Besonders apart und klangfärberisch gestaltete Keiser die verschiedenen Sätze durch ständig variierende Instrumentationen. Als Weltersteinspielung präsentiert die Rastatter Hofkapelle unter Jürgen Ochs Keisers ‚Dialogus’ zusammen mit Christoph Graupners 'Magnificat', ebenfalls in Ersteinspielung.

Acht Vokalsolisten formen den Chor wie auch die solistischen Abschnitte in Keisers ‚Dialogus’, der festtagsgestimmt mit 'Gelobet seist du, Jesu Christ' anhebt – mitunter leider aber jene feiertäglich-klangliche Sättigung vermissen lässt, weil die Akustik allzu trocken und kleinräumig erscheint. Jürgen Ochs’ weitschwingendes und durchaus konturiertes Dirigat hätte man sich eher in einem Kirchenraum realisiert gewünscht als in der mürben Klanglichkeit des SWR Studios in Baden-Baden. Der barocke Pomp Keisers im Eingangschor und den Chören allgemein setzt sich dadurch grell von der Intimität der Arien, Duette und Terzette ab. Ochs, Bezirkskantor der Erzdiözese Freiburg in Rastatt, ist ein versierter Chorleiter. Sein achtköpfiges Gesangsensemble, allesamt Profisänger, gewinnt unter seiner Leitung bestechende Homogenität und Transparenz und auch in den Solopartien überzeugen die aus dem Ensemble Rekrutierten durch fein aufeinander abgestimmte Timbres und punktgenau gesetzte Phrasierungen. Ein wenig flexibler in der Tonmodellierung hätte man sich das Instrumentalensemble gewünscht, das ordentlich historisch informiert intoniert, die architektonische Prachtentfaltung des Barocks mit seinen Voluten und Sprenggiebeln freilich aber völlig außer Acht lässt. Nicht nur hier muss einmal die dumme Frage gestellt werden: Warum wird Barockmusik oft und oft in einer strengen Geradlinigkeit und klanglicher Starre geboten, während die ganze Architektur des Barock alles andere als geradlinig und starr ist?

Christoph Graupners 'Magnificat' aus dem Jahr 1722, gleichsam seine Bewerbungskomposition um die Stelle des Leipziger Thomaskantors (die letztlich Johann Sebastian Bach für sich entscheiden konnte), wird von der Rastatter Hofkapelle unter der Leitung von Jürgen Ochs mit der gleichen energiereichen Solidität gestaltet wie Keisers 'Dialogus von der Geburt Christi'. Die eine oder andere Koloratur in den Soli könnte mehr Atem und Prägnanz vertragen, mehr Binnenspannung im Instrumentalen, insgesamt aber wird hier eine reife Weltersteinspielung vorgelegt. Gerne hätte man mehr von der Rastatter Hofkapelle gehört, aber nach nur 45 Minuten endet die CD. Hier darf ketzerisch nach dem Preis-Leistungsverhältnis gefragt werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reinhard Keiser: Dialogus von der Geburt Christi: Christoph Graupner: Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.10.2008
44:49
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350834170
8341700


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"Diese Weltersteinspielung des Weihnachtsoratoriums von Reinhard Keiser macht eines der wenigen überlieferten geistlichen Chorwerke des von Zeitgenossen vor allem als Opernkomponisten hochgeschätzten Musikers wieder zugänglich. In opulenter Besetzung und figurativer Satzweise erscheinen bekannte Weihnachtschoräle, während andere Sätze von innigem Tonfall eines Krippenspiels geprägt sind. Ergänzt wird das Programm der CD durch das hier erstmals eingespielte Magnificat von Christoph Graupner, das 1722 im Rahmen seiner Bewerbung um das Leipziger Thomaskantorat entstand."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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