> > > Kalitzke, Johannes: Vier Toteninseln für Orchester mit zwei Solisten
Montag, 10. Dezember 2018

Kalitzke, Johannes - Vier Toteninseln für Orchester mit zwei Solisten

Suggestiv und anrührend


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Kairos widmet dem Komponisten Johannes Kalitzke eine neue CD-Produktion mit zwei sehr unterschiedlichen Werken.

Als Dirigent ist Johannes Kalitzke eine weithin gefragte Interpretenpersönlichkeit, die sich mit akribischer Lektüre und sorgfältiger Probenarbeit dem Schaffen von Zeitgenossen anzunehmen versteht. Dass er darüber hinaus jedoch auch als Komponist eine wichtige Größe im zeitgenössischen Musikbetrieb bildet, geht hinter der öffentlichen Wirkung dieser Dirigententätigkeit gelegentlich verloren. Das österreichische Label Kairos würdigt Kalitzkes Schaffen nun mit einer CD-Produktion, die zwei gewichtige Kompositionen jüngeren Datums enthält: die ‚Vier Toteninseln’ für Orchester mit zwei Solisten (2002/03) und die ‚Six covered settings’ für Streichquartett (1999/2000). So kontrastreich die Kombination beider aufgrund ihres äußeren Aufwands stark voneinander abweichenden Werke auf den ersten Blick auch sein mag, so schlüssig erweist sie sich doch, wenn man den jeweils vorherrschenden Umgang mit Tradition ins Auge fasst.

Schon allein für die ‚Six covered settings’ lohnt sich die Anschaffung der CD, denn bislang war das Werk nur auf einer nicht offiziell im Handel erhältlichen Dokumentation des WDR mit einem Mitschnitt der Uraufführung durch das Arditti String Quartet von den Wittener Tagen für neue Kammermusik 2000 zugänglich. Die konzentriert gearbeitete Komposition, deren Faktur aus sechs ineinander übergehenden Sätzen Kalitzkes kompositorisches Können eindrucksvoll unter Beweis stellt, zeichnet sich durch vielfältige Klangformen aus, an denen auf unterschiedliche Weise Einflüsse und Bezüge aus der Vergangenheit gebrochen und zu einem ganzen Bündel verschleierter Anspielungen geformt werden. Das Salzburger Stadler Quartett, dessen Mitglieder zugleich auch dem renommierten Österreichischen Ensemble für Neue Musik angehören, überzeugt mit einer Wiedergabe, die den musikalischen Nuancen dieser diffizilen Komposition vollauf gerecht wird: Mit exzellentem Zusammenspiel und differenzierter Klangfarbenzeichnung spüren die Musiker den Umschwüngen der Musik nach, die sich vor allem in der ständigen Verschiebung von Vorder- und Hintergrund äußern. Die Durchsichtigkeit der extrovertierten, geräuschhaften Ausbrüche und die intensive Darstellung der äußerst zarten, oft schillernden Klangflächen bildet dabei die Bühne für die schattenhaft vorüber huschenden Fragmente von Tonalität, die sich wie selbstverständlich durch das Werk ziehen und bis in die radikalsten Passagen hinein musikalische Erschütterungen auslösen.

Auch die ‚Vier Toteninseln’ machen dieses Spiel mit Tradition zu ihrem Gegenstand. Hier ist es die konkrete Vorlage der ‚Vier ernsten Gesänge’ op. 121 von Johannes Brahms, die Kalitzke als Grundlage einer Übermalung nutzt, so dass das Original gelegentlich unter den neuen Texturen aufblitzt. Mit einer Anlagerung neuer Texte (etwa von Cesare Pavese und Lord Byron) an die Brahmssche Textkompilation lädt der Komponist das Werk mit Bildern von erotischer Todessehnsucht auf und schafft dadurch einen Assoziationsraum, dem er auch auf klanglicher Ebene begegnet. Die eigentümliche Ambivalenz, die von Beginn an aus dem Ineinander von solistisch besetztem Klavier und Tonbandklängen resultiert – dem Spiel von Thomas Larcher eignet hier sowie in den zart tastenden Passagen der anschließenden Sätze eine enorme Intensität –, setzt sich ins Orchester hinein fort, wo scharf akzentuierte Klangmassierungen mit ariosen, romantisch anmutenden Klängen konfrontiert werden. Der instrumentatorischen Vielfalt dieser Partitur, vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung des Komponisten dargeboten, entspricht der mit Todesmetaphern angereicherte Baritonpart, den Thomas E. Bauer mit einer Mischung aus bewusst distanziertem, stellenweise auch sachlichen Tonfall und klangvoller Emotionalität umsetzt.

Dass Kalitzke nach den Steigerungen der dritten ‚Toteninsel’, die das Orchester fast bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringt, im letzten Teil mit Mitteln wie den vom Tonband eingespielten Glasharmonikaklängen zu besonders eindrücklichen, ja sphärisch anmutenden Klangwirkungen findet, ohne dabei im geringsten die abgeschmackten Wirkungen von Betroffenheitskitsch zu tangieren, zeugt von seiner gestalterischen Fähigkeit als Komponist. Die Suggestivität dieser Musik, hinter der sich eine zutiefst persönliche Reflexion über die häufig verdrängte Realität des Todes in unserer Gesellschaft verbirgt, ist einfach großartig. Hier liegt – und dazu tragen auch die beiden Werkkommentare des Komponisten sowie ein Interview mit Produzent Peter Oswald im Booklet bei – nicht nur einfach eine empfehlenswerte Platte, sondern eine Veröffentlichung mit zutiefst anrührender zeitgenössischer Musik vor, die es verdient, häufiger gespielt und gehört zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kalitzke, Johannes: Vier Toteninseln für Orchester mit zwei Solisten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
15.02.2008
EAN:

9120010281273


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

  • Zur Kritik... Nicht für schwache Nerven: Hochanspruchsvolle und interpretatorisch exemplarische Darbietungen komplexer Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Horror aus Österreich: Für Sommerfeste auf keinen Fall zu empfehlen: Olga Neuwirths düsterer Soundtrack zu 'Ich seh Ich seh'. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Plastische Klangwucht: Eine empfehlenswerte Porträt-CD des Labels Kairos widmet sich der Musik des Komponisten Samir Odeh-Tamimi. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eruptiv und verschattet: Bis heute immer noch die beste greifbare Gesamteinspielung von drei bedeutenden Werken des Oberpfälzers. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Gefasst, aber auch durchdrungen?: Mit Eldar Nebolsin und dem internationalen Cello-Preisträger Wolfgang Emanuel Schmidt dürfen mindestens zwei Namen das Interesse an diesem Brahms schüren. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Brandenburgisches Kopenhagen: Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss: Concerto Copenhagen spielt die Brandenburgischen Konzerte. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte) Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich