> > > Buxtehude, Dietrich: Das jüngste Gericht
Samstag, 20. April 2019

Buxtehude, Dietrich - Das jüngste Gericht

Ein problematisches Werk in exzellenter Wiedergabe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein interessantes Werk mit vielen problematischen Aspekten liegt nun in einer erstklassigen Interpretation vor.

Ein anonymes Werk, das nur aufgrund stilistischer Indizien einem bestimmten Komponisten zugeordnet wird, ein auf CD-Länge gekürztes Oratorium, das aufgrund seiner wenig stringenten dramatischen Anlage schwerlich als gemeinsames Ganzes erlebbar wird – in mancherlei Hinsicht ist die vorliegende Aufnahme problematisch zu nennen. Natürlich braucht eine CD einen Aufhänger, aber es wäre zumindest redlicher gewesen, hätte man den Komponistennamen mit einem Fragezeichen versehen – das anonyme Werk kann nicht als gesichertes Buxtehude-Werk gelten, solange es dafür keinen Beweis gibt. Wäre da nicht eine Musik von hoher Qualität und wäre nicht die Wiedergabe durch das Ensemble Weser-Renaissance von hohem Niveau, dann würden die erwähnten problematischen Aspekte noch schwerer wiegen.

Moralisierende Endzeit-Schwulst statt apokalyptische Dramatik

Wer sich beim ‚Jüngsten Gericht’ eine dramatisch packende Schilderung apokalyptischer Schrecken erwartet, wird wohl auch enttäuscht sein: Vielmehr handelt es sich im konkreten Fall um eine lose Folge von rezitativischen, ariosen und chorischen Abschnitten, in denen allegorische Personen auftreten; dazwischen sind instrumentale Abschnitte eingebaut. Obwohl die extremsten Passagen bei der Adaption auf CD-Länge eliminiert wurden, ist der Text noch immer über weite Strecken schwer verdaulich, schwülstig und moralisierend. 

Es spricht wohl entschieden für eine Autorschaft Buxtehudes, dass trotz dieser textlichen Vorlage ein attraktives und interessantes Werk entstanden ist. Faszinierend sind unter anderem Elemente wie die mit rhetorischen Figuren arbeitende Wortausdeutung und die Qualität der an der hochbarocken italienischen geschulten instrumentalen Abschnitte.

Ein Bremer Hochschulprojekt – hochkarätig besetzt

In diesen instrumentalen Abschnitten, aber auch in der farben- und abwechslungsreich besetzten Continuogruppe gibt es Gelegenheit zur Profilierung für das hochkarätige Instrumentalensemble mit klingenden Namen wie Hille Perl an der Gambe, Stephen Stubbs am Chitarrone und Detlef Bratschke am Cembalo. Sympathisch ist der Gedanke, ein unbekanntes Werk in einem auch pädagogisch ausgerichteten Projekt zu präsentieren – in der Aufnahme wirken Dozenten, Absolventen und Studierende der Akademie für Alte Musik an der Hochschule für Künste Bremen zusammen.

Die Sängerriege ist erstklassig: Ulrike Hofbauer gehört nach wie vor eher zu den Geheimtipps in der Szene – zu Unrecht, denn sie steht den Stars der Szene in nichts nach, interpretiert textdeutlich und hochsensibel, mit klarem und doch farbenreichem Sopran. Monika Mauch ist da eine annähernd gleichwertige Partnerin mit ähnlichen Qualitäten. Harry van der Kamp ist eine unverwechselbare, vielfach bewährte Sängerpersönlichkeit von Ausnahmerang, ein Künstler, der im barocken Repertoire hörbar beheimatet ist und mit großem Gespür für textliche Nuancen sein prachtvoll-profundes Organ zum Klingen bringt. 

Die weiteren Solistinnen und Solisten agieren grundsolide und stilsicher.

Ob nun von Buxtehude oder nicht, das ‚Jüngste Gericht’ ist ein interessantes, eigenwilliges Werk, das hier in einer hochklassigen Einspielung, allerdings nur in Auswahl präsentiert wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Buxtehude, Dietrich: Das jüngste Gericht

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2007
EAN:

761203719723


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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