> > > Schubert, Franz: Streichquintett D 956 C-Dur
Samstag, 19. Oktober 2019

Schubert, Franz - Streichquintett D 956 C-Dur

Diesem Auftakt wohnt ein Zaudern inne


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die überraschenden, teils großartig gespielten Stücke Anton von Weberns und ein solide musiziertes Schubert-Quintett geben der CD einen denkenswerten Spannungsbogen und machen sie interessant.

Die Kombination der Cellowerke Anton von Weberns mit Schuberts Streichquintett in C-Dur auf einer CD mag auf den ersten Blick erstaunen. Auch der Cellist Martin Rummel muss sich über seine eigene Zusammenstellung etwas gewundert haben, denn im Booklet verwendet er einen sattsamen Absatz darauf, die Kombination zu rechtfertigen – was er in meinen Augen gar nicht müsste. Haben wir doch zwei k-&-k-Österreicher, nicht gerade zwei ausgewiesene Frohnaturen, zwei ernst und schön, aber unnachgiebig ins Ohr dringende Komponisten. Dass muss auch Martin Rummel gefühlt haben, denn er begründet seltsam; dafür zitiert er Hermann Hesse: ‘Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.’ Jedenfalls funktioniert die Kombination, und man kann es dem suchenden Rummel, der schon über 20 Welturaufführungen gespielt hat, kaum übel nehmen, wenn er manchmal Hesse findet.

Die ‘Zwei kleinen Stücke’ für Cello und Klavier, Werke des sechzehnjährigen Webern werden sehr gefühlvoll, a little brahmsy, gegeben, mit weitschwingendem Vibrato. Die folgenden Stücke hingegen, fünfzehn Jahre später, aus dem Jahr 1914, geben ganz das Gegenteil, und Martin Rummel scheint sich auch hier sehr gut in Weberns Gestik eingedacht zu haben. Vor allem die großartigen ‘Drei kleinen Stücke für Violoncello und Klavier’, op.11, drücken in ihrer herrischen Verknappung eine endlos ungute Beklemmung aus, in den Leerstellen wuchern sofort Gedanken, Fortsetzungen, Fragen. Heiser und klamm reibt das oft verwendete sul ponticello, und die harschen, rissigen Bewegungen, die in einer plötzlichen Stille enden, sind große, verschüchternde Musik. Absichtsvolle Fragmente im allerbesten Sinn.

Schuberts spätes, singuläres Quintett spielt Rummel mit dem Budapester Akadémia Quartet. Es gelingt insgesamt eine fesselnde, melancholische Stimmung, teils eine herrlich cantable Bewegtheit des ganzen Klangkörpers, die in harmonischen Bewegungen an und ab schwillt.

Die langen ersten beiden Sätze entfalten ihre hypnotische Weltvergessenheit vollkommen. Allein das zweite Cello, dem im Adagio sempre pizzicato vorgeschrieben ist, zupft einige Male erschrecklich laut, zu platzend, und bringt dieses filigrane Gebilde der Tristesse, wie auch des Lichtblicks aus dem Gleichgewicht. Rummel bezeichnet übrigens im Booklet das zweite Cello als eine ‘ Krönung des Solistendaseins’, und er spielt es auch auf der Aufnahme: wie gesagt, für meinen Geschmack ein wenig zu solistisch und laut.

Im triumphalen Scherzo will sich kein rechter Fluss des Rhythmus über den Auftakt hinweg ergeben, es fließt zu breit, es wird Kraft zurückgehalten. Wieso? Nach dem Verklingen des Adagios ist der ff-Einsatz des Scherzos gewiss etwas, was man auch draußen auf der Straße noch hören soll. Die angesprochene Cello-2-Lastigkeit kommt dafür dem Allegretto sehr zugute, wo es im Thema die gewichtige Zählzeit Eins alleine zu tragen hat. Rummel sorgt hier für den nötigen Nachdruck und Zug, wenn sich Schuberts melancholisches Quintett mit Tanzlust in die östlicheren k-&-k-Gebiete begibt.

Insgesamt eine sehr hörenswerte CD, vor allem wegen der Webernschen Stücke. Schuberts Quintett ist in jeder Hinsicht schwer zu beschreiben, wie auch zu spielen, allerdings hat Joachim Kaiser, der Stellvertreter der Musikkritik auf Erden, dies wiederum sehr schön ausgedrückt: ‘Vor Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur verneigen sich alle Menschen, denen Musik, Kammermusik gar, etwas bedeutet, glücklich bewundernd – oder sie schwärmen. (...) Mit Worten kann kein Mensch das tönende Mysterium dieses Werkes völlig enträtseln oder auf Begriffe bringen.’

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Streichquintett D 956 C-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
13.02.2007
64:10
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568843
M56884


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"„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Daher die vielleicht ungewöhnliche Zusammenstellung dieser CD, denn bei vielen Aufnahmen des Schubert-Quintetts habe ich festgestellt, daß man eigentlich die Schönheit seines Anfangs kaum wahrnimmt, ja erst nach viel zu kostbaren Sekunden sich in den Klang vertieft. Was aber kann man vor dieses Meisterwerk stellen? Ähnlich ergeht es einem mit dem Schluß des Werkes: Was kommt danach? Richtige Stille kann es nach diesem Werk noch lange nicht, in einem sensiblen Zuhörer vielleicht sogar nie wieder geben. Dieses Stück bringt die Seele zum Schwingen, auf eine Weise, die man nie vergißt. (Martin Rummel)"


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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