> > > Wagner, Richard: Parsifal
Dienstag, 21. November 2017

Wagner, Richard - Parsifal

Parsifal in gemessenen Tempi gelöst interpretiert


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine legendäre Einspielung als Live-Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks (mono) von l964. Hans Knappertsbusch stand hier zum letzten Mal am Pult im Bayreuther Festspielhaus.

Parsifal, das Bühnenweihfestspiel und Weltabschiedswerk, hat Richard Wagner für Bayreuth komponiert, für den Kunsttempel, den Ludwig II. von Bayern dem Meister errichtet hatte. Hier wurde Parsifal im Juli l882 aus der Taufe gehoben. Es war der Wille Richard Wagners, das Werk ausschließlich im Bayreuther Haus aufzuführen. Erst als l913 die gesetzliche Schutzfrist abgelaufen war, wanderte der Parsifal auch auf die Bühnen anderer Opernhäuser. Bereits ein Jahr später erhielt der knorrig eigenwillige, bei Publikum und Musikern gleichermaßen beliebte Hans Knappertsbusch den ehrenvollen Auftrag, die musikalische Leitung der Wagner-Festspiele in Holland zu übernehmen. Er war der erste deutsche Dirigent, der das Bühnenweihfestspiel vollständig dirigierte.

In der Tat: Richard Wagner bedeutete ihm eine ganze Menge.Verständlich, dass der ‘Kna’ ,wie ihn seine Freunde so liebevoll bezeichneten, den testamentarischen Wunsch des Komponisten ernst nahm, den Parsifal nur auf dem grünen Hügel aufzuführen. Nach der Wiedereröffnung des Bayreuther Festspielhaus l951 drückte er bis l964 nahezu in jedem Jahr dem ‘geliebten Parsifal’ seine unverwechselbare Handschrift auf - eine Prägung besonderer Art, würdevoll, abgeklärt, ruhevoll. Mit unendlicher Langsamkeit enthüllt der Maestro am Pult des Festspielorchesters Wagners tiefster und rätselhaftester Partitur ihren ganzen Reichtum an harmonischen Härten und enharmonischen Wendungen. Der ‘Kna’ kultiviert die wohl langsamste Version des Weihefestspiels, obgleich Arturo Toscanini und später James Levine (er macht gegenüber Knappertsbusch ca. 7 Minuten gut) mit ‘gemäßígter Langsamkeit’ ihm nicht viel nachstehen. Mit einem wunderbaren Gefühl für klangliche Proportionen wird das Geheimnisvoll-Mystische ausgeleuchtet, besonders die Blechbläser-Sequenzen im ersten Akt.

Deutlich genug hat es Wagner ja formuliert: ‘Im ersten Akt bin ich sehr sparsam mit sensitiven Intervallen gewesen, aber jetzt greife ich zu meinem alten Farbtopf’. Wie den Dirigenten Knappertsbusch der Inhalt des ‘alten Topfes’ inspirierte, macht Eindruck. Leuchtend, opulent, geht es da im zweiten Akt zu. Der Kundry-Akt enthüllt schöne musikalische Farben. Das gut disponierte Orchester wird hier zum Objekt beeindruckender Suggestionskraft. Auffallend ist die gute Fächerung in den Farb- und Artikulationswerten. Stets wahrt der ‘Kna’ mit seiner abgeklärt gelösten Lesart die Einheit des Ganzen, ohne die Kontraste einzuebnen. Es machte Eindruck, wie sich ein spannungsvolles Gleichgewicht zwischen dem abgemagerten entsinnlichten Klang (Adorno) und dem romantischen Pathos herstellt.

 Über die Qualität des Wagner-Gesangs brauchte man sich zum Zeitpunkt der Aufnahme (13. 8. 64) weniger Gedanken zu machen. Eine internationale Wagner-Garde verhilft der Aufführung zu großem Erfolg. Der große Tragiker (Kesting) Jon Vickers gibt dem Parsifal edle Töne, Strahlglanz, beeindruckt mit schönen Farben in hohen Lagen sowie mit Ebenmaß und Ausgleich der Register. Markant rückt Thomas Stewart den Amfortas in Mitleid erregende Nähe und macht besonders das düster-kompakt Expressive erlebbar. Hans Hotter singt den Gurnemanz monumental-füllig, vielleicht ein wenig zu salbungsvoll. Mit der ekstatischen Kundry, der aufregendsten Figur des ganzen Parsifal-Kosmos, spielt die sexuelle Klingsor-Welt ihre Trümpfe aus. Urweltlich lässt die Kundry von Barbro Ericson ihre Schreie explodieren. Doch dramatische Höhepunkte signalisieren vokale Defizite. Oft werden Spitzentöne mit letzter Kraft herausgeschleudert. Die Sängerin pflegt ein Vibrato, das sich weniger aufdringlich denken ließe. Recht maniriert wirkt auch ihr Hochziehen der Töne  Ob die Verführungsszene mit Parsifal oder die Wiederbegegnung mit dem Ritter, von dem sie ja die Taufe empfängt – an die spannenden Vergleichsaufnahmen mit Waltraud Meier (Levine Bayreuth l985 Philips), Irene Dalis (Knappertsbusch Bayreuth 1962 Philips), der legendären Martha Mödl (Knappertsbusch Bayreuth l951 Teldec) und Jessye Norman (Levine Met 1992 DG) darf man da nicht denken. Aggressivität verbreitet der Klingsor von Gustav Neidlinger. Beeindruckend die leuchtkräftigen Gralschöre.

Leider wirkt der Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks im einkanaligem Format (13. August l964) recht kompakt, zeigt wenig Differenzierung. Das zeigt deutlich, wie gemächlich der Hörfunk seinerzeit auf tontechnische Errungenschaften der Stereophonie reagierte. So wurden erst l963 aus Anlass der damaligen Funkausstellung in Berlin Stereo- Sendungen (z.B. SDR Stuttgart) ausgestrahlt. Und es sollten noch einige Jahre vergehen, bis die Rundfunkanstalten der ARD ihre Sender stereotüchtig machten. Der ORF (siehe Aufnahmen aus Salzburg) hing da noch weiter hinterher, ebenso die Kollegen des Schweizer Rundfunks. Ein Trost: von der Schallplatten-Industrie waren schon ab l957 (vereinzelt auch schon früher) Stereoaufnahmen (Living Stereo) erhältlich. Seit ganz kurzem winkt sogar ein Edelstein der Wagner-Interpretation, die Aufzeichnung des Ring-Zyklus mit Joseph Keilberth aus dem Festspielhaus 1955 – natürlich in Stereo. Wer den ‘Kna’ Parsifal in Stereo genießen will, greife zur legendären Einspielung von Philips, live mitgeschnitten in Bayreuth l962 (Philips 416 842-2).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Wagner, Richard: Parsifal

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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
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Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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