> > > Brahms, Johannes: Klaviersonaten Nr. 1 & 2
Montag, 25. März 2019

Brahms, Johannes - Klaviersonaten Nr. 1 & 2

Mit Zurückhaltung musiziert


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oehms Classics startet eine Gesamtaufnahme der Klavierwerke von Johannes Brahms mit dem Pianisten Andreas Boyde.

Obgleich sich das Klavierschaffen von Johannes Brahms zu großen Teilen längst einen dauerhaften Platz auf dem Tonträgermarkt und im Konzertsaal erobert hat, ist die Zahl der Gesamteinspielungen erstaunlicherweise eher gering. Ein entsprechendes, auf insgesamt fünf CDs angelegtes Projekt des Pianisten Andreas Boyde, realisiert beim Label Oehms Classics, ist daher durchaus zu begrüßen, auch wenn der Musiker beim ersten Teil – er enthält die beiden Sonaten C-Dur op. 1 und fis-Moll op. 2 sowie das Scherzo op. 4 – mit der erst 2002 erschienenen, ganz hervorragenden Einspielung von Lars Vogt konkurrieren muss und dessen pianistische Strahlkraft er nicht ganz erreichen kann.

Boydes Wiedergabe der drei Kompositionen erweist sich jedoch als sehr persönlich. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass er das Ungestüme des jungen Brahms zwar ins Bild zu rücken weiß, aber die Emotionalität der Musik ganz bewusst ausbremst und die Kompositionen mit eher kühlen Zwischentönen präsentiert. ohne jedoch – so etwa im zweiten Thema aus dem Kopfsatz von op. 1 – auf lyrische Kantabilität zu verzichten, wenn er sie für nötig hält. Dies ist eine Gratwanderung, die sicherlich nicht jedem Hörer gefällt, deren interpretatorischer Ansatz aber zu überzeugen vermag, wenn man sich darauf einlässt.

Gerade in der C-Dur-Sonate kommen die Qualitäten von Boydes Vortrag sehr gut zur Geltung: In Kopfsatz, Scherzo und Finale überzeugt der Pianist durch eine präzise Umsetzung des Notentextes, verbunden mit einer plastischen Gestaltung des vielstimmigen Klaviersatzes. Besonders gelungen sind die Formung unterschiedlicher Artikulationsarten, die durchhörbare Gestaltung der anspruchsvollen polyphonen Passagen oder die ständigen feinen Modulationen der Tempogebung im eröffnenden Allegro, aufgrund derer die Musik einen freieren Zug erhält, ohne indes willkürlich zu wirken. Gerade hierdurch gewinnt auch das fanfarenartige Hauptthema, das Boyde zunächst wie einen Block aus dem Klavier herausmeißelt, um anschließend mit den einzelnen Komponenten ein artikulatorisch sehr differenziertes Spiel zu treiben, eine ungewohnte Dimension hinzu.

Ein Höhepunkt der CD ist neben dem Scherzo op. 4 das Finale aus der fis-Moll-Sonate, dessen komplexe Faktur vom Hang des Komponisten zum Fantastischen zeugt, in der Interpretation aber eine logische und stringente Darstellung erfährt. Hier fällt Boydes Sinn für differenzierte Farbwerte, der mit einer fein abgestuften Realisierung der Dynamik Hand in Hand geht, ganz besonders auf: So bleibt etwa die fantasieartig schweifende Einleitung bewusst zurückhaltend, während der Schwerpunkt auf der Abwechslung von pianistischer Kraftentfaltung und Ruhepunkten im Satzverlauf liegt, was die Rückkehr zum Gestus der Einleitung am Ende des Finales umso spannender macht.

Dass schließlich in den langsamen Sätzen kein sentimentaler Tonfall angeschlagen wird, sondern – und dies betrifft vor allem das Andante aus der ersten Sonate, aber auch den Mittelteil des Scherzos aus op. 2 – der Nachdruck auf einem eher strengen, aber dennoch passagenweise und je nach Situation höchst klangvoll sich entfaltenden Vortrag liegt, hebt die Wirkung der ruhigen Werkteile ganz besonders. Dabei gelingt es Boyde dennoch, zum emotionalen Kern der Sätze vorzustoßen, ohne jedoch die Wirkung zu verschleppen.

Aufnahmetechnisch ist die CD, in Koproduktion mit dem WDR im Großen Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks aufgezeichnet, sehr gut. Sie überzeugt durch ein ausbalanciertes Klangspektrum, in dem die Bassregister ebenso klar zur Geltung kommen wie die extremen Höhen. Boyden hat damit einen gelungenen Einstand in seine Brahms-Gesamteinspielung abgeliefert; auf längere Sicht und bei einer Weiterführung auf demselben Niveau könnte sich diese Aufnahme als wertvolle Bereicherung der Brahms-Diskografie erweisen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Brahms, Johannes: Klaviersonaten Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
EAN:

4260034865846


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Innige Gabe: Zum 150. Todestag ermöglicht diese Einspielung einen intimen Blick auf das Passionsoratorium des berühmten Balladenmeisters Carl Loewe. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musik nach literarischen Helden: Unter dem Dirigat von Sebastian Weigel überzeugt das Frankfuhrter Opern-und Museumsorchester mit zwei Tondichtungen von Richard Strauss. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Ein idealer 'Wozzeck': Was da beim Label Oehms in der Reihe der Frankfurter Opernmitschnitte herausgekommen ist, darf als eine herausragende 'Wozzeck'-Produktion gelten, deren Lebendigkeit und Schärfe nachhaltig beeindruckt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Subtiler Erlebach: Erlebachs Sonaten sind kultivierte, kunstfertige barocke Kammermusik auf der Höhe ihrer Zeit. L'Achéron und Jouber-Caillet verstehen sich auch auf Erlebach, das zeigt diese subtil gespielte Platte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Blutarme Rarität: Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Klangmagie: Eine spannende Sicht auf eine unbekanntere Facette italienischer Instrumentalmusik der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Joseph Marx: Eine Herbstsymphonie - Ein Herbstpoem

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich