> > > Graupner, Christoph: Orchestral Works Vol.2
Samstag, 24. August 2019

Graupner, Christoph - Orchestral Works Vol.2

Verve und Impetus


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der im sächsischen Kirchberg im Jahre 1683 geborene Christoph Graupner gehört zu den Komponisten, die in Folge der Musikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die vor allem Heroengeschichte war, vollkommen untergingen ? angesichts der Zeitgenossen Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel. Wenig ist allgemein bekannt über den Komponisten, der beinahe das Amt des Thomaskantors als ?Rivale? Bachs übertragen bekommen hätte ? wäre da nicht sein Arbeitgeber, der Landgraf von Hessen-Darmstadt gewesen, der Graupner unbedingt weiterhin in seinen Diensten haben wollte. Wieso wollte dieser wohl seinen Hofkapellmeister nicht nach Leipzig ziehen lassen? Wahrscheinlich weil Graupner ein großartiger Komponist war, der eine ganz eigene Musiksprache entwickelte.

Extravagante Klänge ? Nova Stravaganza  

Das Ensemble Nova Stravaganza, benannt nach den Violinkonzerten Vivaldis, die dieser unter dem Opus 4 zusammenfasste, legt nun eine zweite Aufnahme mit instrumentalen Ensemblestücken Graupners vor, nachdem die erste CD mit einer großen Menge Lob und internationalen Preisen überhäuft wurde. Auch wenn sich Kompositionen von Ensemblemusik für Graupner erst relativ spät nachweisen lassen ? so etwa um 1730 ? sind diese Werke doch Zeugnisse der individuellen Meisterschaft des Darmstädter Hofkapellmeisters. Denn anders als seine Zeitgenossen verband Graupner französische und italienische Einflüsse zu einer Tonsprache, die ihren Ausgangspunkt von kleinsten motivischen Zellen nimmt, die im Verlauf eines Satzes von den verschiedenen Instrumentengruppen aufgegriffen werden. Diese spezifische Kompositionstechnik wurde ? wenn man sich überhaupt mal wissenschaftlich mit dem Komponisten auseinander setzte ? Grundlage für Ressentiments und Fehleinschätzungen.

Tatsächlich war Christoph Graupner ein begnadeter Instrumentationskünstler, dessen Ensemblemusik von der reichhaltigen Palette instrumentaler Kombinationsmöglichkeiten ein beredtes Zeugnis ablegt. So beispielsweise die hier aufgenommene ?Ouvertüre? in F-Dur (GWV 451), die neben der Traversflöte, zwei Violinen, Viola und Basso continuo eine Viola d´amore tenore, zwei Chalumeau und ein Horn erfordert. Diese Zusammenstellung ergibt nun eine ganz individuelle Klangkombination. Die beiden Chalumeau fügen dem Ensemble eine Komponente bei, die einerseits durch den näselnden Ton etwas ländlich wirkt, andererseits jedoch durch eben diesen zu der weichen Grundtönung des Ensembleklangs beiträgt. Erstaunlich ist zudem die extrem schwierige Gestaltung des Hornparts, der für diese Zeit in außergewöhnliche Höhen vordringt.

Beispielhaft lebendige Realisierung

Dies alles wird vom fabelhaften Ensemble Nova Stravaganza in gewohnt perfekter Manier interpretiert. Wobei perfekt nicht mit abgeklärt-geradlinig gleichgesetzt werden darf. Denn an Verve, Impetus, Leidenschaft und Spielfreude geben die Musiker dieses Ensembles ein hervorragendes Beispiel ab. Dies geht nicht auf Kosten der musikalischen Struktur, die stets gleichrangig neben der Farbenvielfalt des Ensembleklangs steht oder besser gesagt: durch die instrumentatorischen Details hörbar gemacht wird. Und so kann die Ouvertüre als typische französische Ouvertüre mit federnd-punktiertem Rhythmus dieses Werk einleiten, abgelöst von polyphonen Linien, die gleichzeitig mit einer Tempoverschärfung einhergehen. Alles scheint hier bestens aufeinander abgestimmt: Die Phrasierung der Musiker, die Gestaltung von Spannungsbögen, die Balance des Ensembleklangs, die Transparenz der Einzelstimmen, die sich zu einem Ganzen (jedoch nicht zu einem Klangbrei) verbinden, die dynamische Abstufung, die tänzerische Grundhaltung. Hier wird musiziert als ginge es darum, Graupner vor dem Tod (durch Vergessen) zu bewahren. Hoffentlich gelingt das.

Denn auch die ?Sinfonia? in F-Dur (GWV 571) wartet mit einer Vielfalt an klanglichen und strukturellen Finessen auf, die von Nova Stravaganza unter Siegbert Rampe vorzüglich zum Klingen gebracht werden. Zum Beispiel das anrührende Largo, der dritte Satz dieser ?Sinfonia?, in dem ein Streicherpizzikato von einer delikaten Melodielinie der Flöten und Oboen überspannt wird. An instrumentatorischem Feinsinn ist dies kaum zu überbieten.

Auf ganzer Linie überzeugend

Auch das ?Trio? in c-Moll für zwei Violinen und Basso continuo wird von den Musikern zart und fragil, daneben jedoch tanzend leicht und spannungsvoll interpretiert.

Resümierend kann man an das Ensemble Nova Stravaganza nur Höchstnoten vergeben. Denn hier passt die erfrischende Tempogestaltung, die nie in eine sportive Hatz ausufert, zu den federnd-spannenden Akzenten, mit denen die feingewebten Sätze Graupners interpretiert werden. Auch die klangliche Realisierung ist bestechend. Die für historische Instrumente eigene Fragilität und Weichheit der Farbe wird von den Technikern bei MDG kongenial eingefangen. Man hat beinahe den Eindruck, das Ensemble säße in den Lautsprechern. Auch in Bezug auf die dynamische Abstufung und die Transparenz der Stimmen ist diese Aufnahme kaum zu übertreffen. Diese Produktion hält jeder Kritik stand, sowohl in interpretatorischer wie auch in klanglicher Hinsicht. Kaufen!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graupner, Christoph: Orchestral Works Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
16.08.2004
55:08
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623125220
MDG 341 1252-2


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Graupner, Christoph


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Dirigent(en):Rampe, Siegbert
Interpret(en):Rampe, Siegbert


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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